Der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko hält auf einem Fabrikgelände eine Rede. | dpa

Präsident in Minsker Fabrik Buhrufe für Lukaschenko

Stand: 17.08.2020 15:30 Uhr

Bei einem Besuch in einem belarussischen Staatsbetrieb wollte Präsident Lukaschenko die Arbeiter auf Linie bringen. Doch ihre Antwort war unmissverständlich: "Geh weg!", schrien sie.

Von Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

Er kam, sprach und flog wieder ab. Am Vormittag besuchte der Präsident von Belarus, Alexander Lukaschenko, das Werk des staatlichen Fahrzeugherstellers MZKT in Minsk. Hier wollte er sich eigentlich mit Werksarbeitern zum Gespräch treffen. Die aber schmetterten dem auf einer Bühne stehenden Präsidenten nur ein "Uchadi" - "Geh weg!" entgegen.

Martha Wilczynski ARD-Studio Moskau

Sie könnten ruhig noch etwas weiter rumschreien, gab Lukaschenko als Antwort. Sagen wollte er damit wohl so viel wie: Bringen werde es ihnen nichts. Er lasse sich nicht unter Druck setzen, so der Präsident, es werde keine Neuwahlen geben.

Der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko spricht mit einem Arbeiter in einem Staatsbetrieb in Minsk. | dpa

Präsident Lukaschenko konnte die Arbeiter der MZKT-Fabrik nicht überzeugen. Bild: dpa

Hunderte protestieren vor den Werkstoren

In den sozialen Netzwerken machte sich kurz darauf Spott breit, dass nicht einmal einige Dutzend auserwählte Mitarbeiter bereit gewesen seien, Lukaschenko zuzuhören - ganz zu schweigen von den Hunderten, die sich vor dem Werk versammelten und weiß-rot-weiße Fahnen schwenkend Lukaschenkos Rücktritt forderten.

Immer mehr Mitarbeiter großer, staatlicher Betriebe in Belarus legen ihre Arbeit nieder und schließen sich den Protesten gegen die Regierung von Lukaschenko an. Der Staatssender "Belarus 1" zeigte am Morgen ein leeres Sofa - weil auch hier die Mitarbeiter streiken. Statt aktuellem Programm laufen inzwischen Wiederholungen.

Tichanowskaja will faire Wahlen vorbereiten

Lukaschenkos Opponentin Swetlana Tichanowskaja wandte sich in einer erneuten Videoansprache an das belarussische Volk. "Das Schicksal hat mich an die Spitze des Kampfes gegen Willkür und Ungerechtigkeit gestellt", sagte sie darin. "Ich bin bereit, nun Verantwortung zu übernehmen und als nationale Anführerin aufzutreten, damit sich das Land beruhigt." Sie wolle alle politischen Gefangenen freilassen und schnell die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Organisation neuer Präsidentschaftswahlen vorbereiten - und zwar "echte, faire und transparente Wahlen, die von der Weltgemeinschaft bedingungslos akzeptiert werden".

Angebot an die Sicherheitskräfte

Die Belarussen, so Tichanowskaja, müssten weiter für diese Veränderungen im Land kämpfen und die nun freigesetzten Energien nutzen. Gegen Ende ihrer knapp siebenminütigen Ansprache wandte sich die 37-Jährige mit einem Appell an die Sicherheitskräfte des Landes. "Ich möchte Menschen in Uniform ansprechen: Belarussen sind Menschen, die keine Gewalt akzeptieren", sagte sie. "Wenn Sie sich entscheiden, keine kriminellen Befehle auszuführen und sich an die Seite der Menschen zu stellen, werden sie Ihnen vergeben, Sie unterstützen und Ihnen in Zukunft keine Vorwürfe machen."

Die gestrigen Kundgebungen mit landesweit Hunderttausenden Teilnehmern verliefen weitgehend friedlich. Es bleibt jedoch eine spürbare Anspannung mit Blick auf die Frage, was Präsident Lukaschenko angesichts des wachsenden Drucks als Nächstes tun wird.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. August 2020 um 15:00 Uhr.