Ein Arzt hält ein Schild mit der Aufschrift: "Der Faschismus wird nicht durchkommen!" in die Höhe (Archivbild vom 9.09.2020).ac | AP

Repressionen in Belarus "Ich bin kein Richter, sondern Arzt"

Stand: 30.11.2020 19:14 Uhr

In Belarus wurden seit Beginn der Proteste 180 Mediziner festgenommen. Sie fehlen auf den Corona-Stationen des Landes - und empfinden ihre Vereinnahmung durch Machthaber Lukaschenko als Hohn.

Von Ina Ruck, ARD-Studio Moskau

Aleksandr Minitsch, führender Experte des Landes für urologische Onkologie, sitzt zu Hause in seiner Minsker Wohnung und erzählt im Videotelefonat von seiner Corona-Infektion: "Wer genau mich angesteckt hat, weiß ich nicht. In meiner Zelle hatten viele meiner Mithäftlinge Symptome. Aber es ist im Gefängnis passiert, das weiß ich."

Ina Ruck ARD-Studio Moskau

Die Maske nimmt Minitsch erst ab, als Frau und Kind das Zimmer verlassen haben. Zu zwei Wochen Haft hatte man ihn am 7. November verurteilt, in einem Schnellverfahren. Er soll an einer nicht genehmigten Protestaktion teilgenommen und staatsfeindliche Losungen gerufen haben. Tatsächlich war für diesen Tag eine Solidaritätsaktion für Medizinstudenten, die wegen der Proteste ihren Studienplatz verloren hatten, geplant. Aber die Aktion hatte noch nicht mal begonnen, als man Minitsch und mehrere Kollegen festnahm.  

Nach der Haft war sein Corona-Test positiv. Nun muss er sich vorläufig selbst isolieren - und fällt damit mitten in der Corona-Pandemie, die auch Belarus hart trifft, für weitere Wochen aus.  

Ansteckungsgefahr in Haft ist groß

Minitsch operiert schwerste Fälle, hat sich im Ausland fortgebildet, ist international gut vernetzt. Als die Nachricht von seiner Haftstrafe die Runde machte, hätten sich Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt gemeldet, erzählt er. Auch aus Deutschland habe er Solidaritätsbekundungen bekommen.

In Belarus wurden laut Zählung des Berufsverbands BMSF seit Beginn der Proteste 180 Medizinerinnen und Mediziner festgenommen, allein in der ersten Novemberwoche waren es 60. Manche werden nach einer Nacht auf der Wache wieder entlassen, andere kommen tage- oder wochenlang hinter Gitter.  

"Es ist nicht gerade hilfreich, Mediziner wegzuschließen, die eigentlich Covid-19-Patienten behandeln könnten", sagt Aleksandr Minitsch. "Aber ich denke, das kümmert diejenigen nicht, die die Verhaftungen befehlen. Die haben eine ganz andere Agenda."

Dazu kommt die Ansteckungsgefahr für die festgenommenen Mediziner selbst: fünf Ärzte aus Minitsch‘ Klinik waren bereits in Haft. Alle fünf, sagt er, hätten sich im Gefängnis infiziert.

Lukaschenko besucht Covid-Station

Im Frühjahr, während der ersten Welle, hatte Präsident Alexander Lukaschenko die Gefahr von Corona noch weitgehend ignoriert. Er hatte sogar die jährliche Massenveranstaltung zum Tag des Sieges abhalten lassen. Doch längst explodieren die Infektionszahlen auch in Belarus.

Vergangenes Wochenende zeigte sich selbst Lukaschenko, der solche Bilder sonst vermeidet, mit Maske: Er besuchte die Corona-Station eines Minsker Krankenhauses. Lobte das medizinische Personal und fragte scherzhaft die Patienten, ob sie sich etwa bei den Protesten angesteckt hätten? "Ich versichere Ihnen: wer einmal Covid hatte, der wird nie wieder an einem Streik teilnehmen", unkte er. Die anwesenden Ärzte schwiegen dazu.

Dennoch: Immer mehr Mediziner gehen auf die Straße. "Wir lernen im Studium, dass unsere Arbeit apolitisch ist", sagt der Gynäkologe Stanislaw Solowej dem belarusischen Nachrichtenportal "Tut.by". "Aber nach all den Verletzungen, die Notärzte, Chirurgen oder Intensivmediziner hier im August nach den Protesten gesehen haben, können wir nicht gleichgültig bleiben."

Alexander Lukaschenko beim Besuch einer Klinik in Minsk. | AP

Alexander Lukaschenko beim Besuch einer Klinik in Minsk. Bild: AP

"Uns fehlen 4000 Mediziner im Land"

In der Covid-Klinik legte Lukaschenko am Ende dem Arzt und der Ärztin, die neben ihm stehen, den Arm um die Schulter und sagte in die Kamera: "Sie machen ihre Arbeit gut, aber man muss sie unter Kontrolle behalten". Nicht ohne Grund werbe Polen die guten belarusischen Ärzte ab. "Ich sage dazu: Geht doch, wenn ihr wollt. Aber ich werde euch nicht wieder reinlassen."

Gegangen sind bereits viele belarusische Ärztinnen und Ärzte. "Uns fehlen 4000 Mediziner im Land", sagt Solowej. "Allein aus meinem Jahrgang kenne ich 30, die jetzt im Ausland arbeiten." Solowej bleibt in Minsk, arbeitet aber seit Monaten nicht mehr auf der gynäkologischen, sondern auf einer Covid-Station. Zwei Mal war er wegen Teilnahme an Demos in Haft. Beim letzten Mal, erzählt er, habe ihn ein Sicherheitsbeamter vor der Entlassung gefragt, ob er auch einen wie ihn behandeln würde. "Ich bin kein Richter, sondern Arzt", habe er ihm geantwortet.  

Aleksandr Minitsch, der Onkologe, ist einer von ganz wenigen in Belarus, die eine bestimmte urologische Operation beherrschen. Er bleibt ebenfalls im Land. Und wird nach der Quarantäne weiter in seinem Fachbereich arbeiten - weil er dort gebraucht wird.  

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 28. November 2020 um 23:35 Uhr.