Wladimir Putin und Alexander Lukaschenko nehmen an einem Eishockey-Spiel teil. | picture alliance/dpa

Krise in Belarus Lukaschenko sucht Hilfe beim "großen Bruder"

Stand: 14.09.2020 10:36 Uhr

Der belarusische Präsident Lukaschenko ist zu einem Krisengespräch mit Russlands Staatschef Putin nach Sotschi gereist. Das Verhältnis zwischen den "Bruderstaaten" ist zurzeit eher unterkühlt.

Von Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

Ein persönliches Treffen Alexander Lukaschenkos mit Wladimir Putin ist keine Seltenheit. Und Bilder der beiden Präsidenten Schulter an Schulter bei großen Feierlichkeiten oder von Angesicht zu Angesicht in voller Hockey-Montur auf dem Eis gibt es zuhauf. Als Putin im Frühjahr 2000 erstmals russischer Präsident wurde, war Lukaschenko in Belarus bereits seit sechs Jahren im Amt. Die beiden zeigen sich seitdem als enge Partner, alte Freunde gar.

Martha Wilczynski ARD-Studio Moskau
Die Präsidenten von Belarus und Russland, Lukaschenko und Putin | AP

Enge Nachbarschaft: Die Präsidenten Lukaschenko und Putin bei einem Treffen 2017. Bild: AP

Doch es lohnt sich, einmal genau hinzuschauen - wie der russische Politologe Dmitrij Oreschkin:

Auf Seiten Putins ist gegenüber Lukaschenko eine persönliche, schlecht vertuschte Abneigung zu sehen. Einfach weil Lukaschenko ihn im Laufe seiner 20-jährigen Regierungszeit systematisch betrogen hat. Beide wissen das. Deswegen ist das Verhältnis zwischen Putin und Lukaschenko rein pragmatisch." 

"Betrug" im Dezember

Der letzte "Betrug" ist gar nicht mal so lange her. Im vergangenen Dezember sollte der belarusische Präsident Verträge für eine weitere und tiefere Integration seines Landes in den belarusisch-russischen Unionsstaat unterschreiben. Er tat es nicht - auch weil er sich damit innenpolitisch unbeliebt gemacht hätte. Er ließ Putin mehr oder weniger im Regen stehen.

Lukaschenko sei ein Mensch, der eine verständliche und ganz offensichtliche Priorität habe, sagt Oreschkin, nämlich den eigenen Machterhalt. Dafür sei er bereit, alles Mögliche zu sagen, beliebige Versprechungen zu machen, die im Endeffekt natürlich nicht erfüllt würden.

Wladimir Putin und Alexander Lukaschenko | null

Brüder oder Partner in einer Zweckgemeinschaft? Wladimir Putin und Alexander Lukaschenko bei einem Treffen 2015.

Brüderlichkeit mit Pausenzeit

Seit Dezember wurde der Ton zusehends rauer. Zu Hause inszenierte sich Lukaschenko als derjenige, der verhindert habe, dass Belarus von Russland geschluckt wurde - und wetterte gleichzeitig gegen den "großen Bruder", der auf dem kleinen herumhacke anstatt ihm von sich aus zu helfen - zum Beispiel mit günstigem Öl:

Macht uns doch nicht das Leben schwer! Helft uns, wenn ihr könnt, wenn ihr unsere Brüder seid, seid doch ehrlich. Putin fragt mich: Ach was, wir sind doch Freunde, wer kniet vor wem? Ich sage: ich. Das darf so nicht sein und wird so nicht sein.

Nun aber ist Lukaschenko tatsächlich in die Knie gezwungen beziehungsweise steht mit dem Rücken zur Wand. Seitdem die Menschen in Belarus zu Zehn- gar Hunderttausenden gegen das Ergebnis der aus ihrer Sicht gefälschten Präsidentenwahl auf die Straße gehen, sucht der belarusische Machthaber wieder Unterstützung in Moskau. Bei seinem - wie er ihn jetzt wieder nennt - Bruder, seinem Freund Putin. "Wir haben eine Pause eingelegt. Es kann sein, dass sie zu lang war. Danke an Putin, meinen Freund", kommentierte Lukaschenko die Situation.

Putins Priorität

Mehrmals telefonierten die beiden Präsidenten schon miteinander. Putin sicherte Lukaschenko öffentlich Unterstützung zu, sollte die Lage im Land eskalieren. Es sind Zugeständnisse. Voller Körpereinsatz für den ins Straucheln geratenen Partner ist nicht zu erkennen.

Denn wichtiger als die Person Lukaschenkos ist für den Kremlchef die Stabilität in der Region. Das weiß auch Lukaschenko selbst - nach all den gemeinsamen Jahren an den Spitzen zweier Bruderstaaten. "Wenn Belarus fällt, ist Russland als nächstes dran", sagte er jüngst in einem Interview mit gleich mehreren russischen Staatssendern.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 14. September 2020 um 06:37 Uhr.