Ferrari-Fahrer Kimi Raikkonen trainiert auf der Rennstrecke in Bahrain. | null

Kritik an politischer Führung Glamour und Gewalt - Bahrains zwei Gesichter

Stand: 02.04.2016 17:04 Uhr

Glamourös und weltoffen präsentiert sich das Königreich Bahrain anlässlich des Grand Prix der Formel 1 an diesem Wochenende. Doch Menschenrechtler kritisieren: Der Schein trüge. Das Land werde mithilfe von Folter und Unterdrückung regiert.

Von Cornelia Wegerhoff,   ARD-Studio Kairo

Die Formel 1 ist zu Gast am Golf. Das Königreich Bahrain, das mit seinen 33 Inseln kleiner ist als das Stadtgebiet vom Hamburg, kommt sportlich wieder ganz groß raus an diesem Wochenende. Zwischen Wüstensand und Palmen wird den etwa 100.000 erwarteten Besuchern Rennsport und reichlich Glamour geboten.

Cornelia Wegerhoff ARD-Studio Kairo

Im Rahmenprogramm treten Weltstars wie der schwedische DJ Avicii auf. Beim Grand Prix hoffen die Organisatoren von Bahrain auf bis zu 400 Millionen Fernsehzuschauer weltweit. Doch in dem Wüstenstaat brüllen nicht nur die Motoren. 

Mit "Gott ist groß"-Rufen drehten Demonstranten nahe der Hauptstadt Manama schon vor den Rennfahrern ihre Runden. Sie protestierten lautstark gegen die Verfolgung Oppositioneller. Die mehrheitlich schiitische Bevölkerung von Bahrain wird von der sunnitischen Herrscherfamilie Al-Khalifa regiert. Im Jahr 2011 schlug sie mit Unterstützung Saudi-Arabiens Massenproteste blutig nieder. Damals wurde das Formel-1-Rennen abgesagt.

Fast täglich Proteste in Bahrain

Heute sprechen viele von der "vergessenen Revolution" des Arabischen Frühlings. Doch es brodelt unverändert. "Ich würde nicht von einem misslungenen Aufstand sprechen", sagt die Aktivistin Maryam Al Khawaja am fünften Jahrestag des Aufstandes im arabischen Nachrichtensender Al Dschasira. "Die Menschen wollen den politischen und sozialen Wandel. Die aktuelle Situation im Land ist untragbar. Wir haben fast täglich Proteste in Bahrain", berichtet Al Khawaja weiter.

Denn während die Scheichs auf der Formel-1-Piste eine perfekt organisierte Hochglanz-Show präsentieren, gingen sie im Alltag mit aller Härte gegen ihre Untertanen vor, sagt Al Khawaja: Bahrain sei ein Land, in dem es "keine Grundrechte gibt, keine Meinungsfreiheit, keine Versammlungsfreiheit" und in dem "immer noch systematisch gefoltert wird".

Die Aktivistin musste selbst vor einer drohenden Inhaftierung ins Ausland fliehen. Sie erinnert sich noch genau an die Flucht: "Mein Vater und die Männer meiner Schwestern wurden festgenommen. Sie  wurden gefoltert, körperlich, psychisch und sexuell. Mein Vater wurde zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, mein Onkel zu fünf Jahren." Auch Khawajas Schwager seien verhaftet worden, obwohl sie gar nicht politisch aktiv gewesen seien - "nur, weil sie mit meinen Schwestern verheiratet sind". "Und wissen Sie, meine Familie ist nur eine von Hunderten Familien, die diesen Dingen ausgesetzt sind", fügt Khawaja hinzu.

Amnesty International kritisiert "Verschleierung von Gewalt"

Die Menschenrechtsorganisation "Amnesty International" forderte die Regierung von Bahrain aus Anlass des Formel-1-Rennens zur Freilassung der politischen Gefangenen und zu mehr Liberalität auf. Der Grand Prix werde von der Herrscherfamilie am Golf nur "zur Verschleierung von Gewalt und Unrecht im Land" missbraucht. James Lynch, der stellvertretende Direktor von Amnesty International für den Mittleren Osten, beklagte eine "alarmierende Erosion der Menschenrechte" in den vergangenen Jahren. Jeder, der es wage, die Autoritäten zu kritisieren, riskiere ernsthafte Strafen. 

Dass sich Bahrain an diesem Wochenende als ein weltoffenes Land präsentiere, auch offen für Reformen, sei weit weg von der Realität, sagte Lynch weiter: "Im Schatten der schnellen Autos und der Siegerrunden lügt eine Regierung, die den Würgegriff bei jedem Hauch von Widerspruch immer mehr verstärkt."

Journalisten offenbar abgeschoben und festgenommen

Auch die Organisation "Reporter ohne Grenzen" übte Kritik an Bahrain. Den meisten Formel-1-Fans bleibe verborgen, dass ausländische Journalisten und Kameraleute "willkürlichen Drangsalierungen und Festnahmen" ausgesetzt seien. Die Reporter, die versucht hätten, sich im Vorfeld des Rennspektakels ein Bild vom Alltag in Bahrain zu machen, seien festgenommen und abgeschoben worden. Neuerliche Visaanträge hätte Bahrain abgelehnt. Die Zufahrt zur Formel-1-Strecke wurde zusätzlich mit Polizei und Militär gesichert.

Journalisten und deren Teammitglieder werden mit Shuttle-Bussen ohne Umwege zwischen Flughafen, Hotels und Rennstrecke transportiert. Im Ranking der Pressefreiheit der Organisation "Reporter ohne Grenzen" liegt Bahrain auf Platz 160 von insgesamt 180 Nationen.

Dieser Beitrag lief am 03. April 2016 um 12:22Uhr im Deutschlandradio Kultur.