Eine medizinische Helferin spricht in einem der Elendsviertel von Buenos Aires mit einem jungen Mädchen. | Bildquelle: Juan Ignacio Roncoroni/EPA-EFE/S

Corona-Pandemie in Argentinien Die Virenjäger der "Villas"

Stand: 26.09.2020 12:06 Uhr

Es ist ein mühsamer Kampf gegen das Coronavirus in den Elendsvierteln von Buenos Aires: enger Lebensraum, wenig Hygiene und Geldnöte. Mediziner und Helfer versuchen trotzdem, die Pandemie weiter einzudämmen.

Von Ivo Marusczyk, ARD-Studio Buenos Aires

"Hallo, wir sind vom Gesundheitsministerium." Ein Trupp in Schutzkleidung arbeitet sich durch den Gang vor, klopft an alle Türen - eine Corona-Testaktion. Es ist dunkel und eng, auf dem Boden stehen Pfützen, es stinkt nach Fäkalien. Kaum vorstellbar, dass hier Menschen leben.

Die Bewohner sagen trotzdem, sie wohnen in "California", denn so hieß die Fabrik, auf deren Gelände sie leben. "Das sind vier Hallen einer alten Glasfabrik. Wir leben seit 20 Jahren hier - jeder, wie er will", sagt Maximiliano Miguel, der zu einer Art Nachbarschaftskomitee gehört.

Die Menschen haben die leerstehenden Hallen am Stadtrand von Buenos Aires besetzt und nach und nach ihre Hütten hinein gebaut. Es gibt Wasser und Strom, aber nur rudimentär. "Es ist schwierig. Viele Familien haben viele Kinder, aber kaum Platz", sagt Miguel weiter.

Viele Maßnahmen kamen viel zu spät

In Argentinien nennt man Elendsviertel "Villas" und in ihnen grassierte das Coronavirus zuletzt fast ungebremst. Ein strikter Lockdown seit Mitte März hatte die Ausbreitung lange verzögert. Doch Argentinien hat es versäumt, Infektionsketten nachzuvollziehen, Kontaktpersonen zu finden und generell mehr zu testen.

In den "Villas" sind Hygieneregeln nicht einzuhalten. Jetzt versuchen die Gesundheitsbehörden, durch solche Testaktionen wie in den "California"-Siedlungen, weitere Fälle aufzuspüren und gegebenenfalls zu isolieren. Sie messen Fieber, fragen nach Symptomen, impfen bei der Gelegenheit auch gleich gegen Grippe. Doch bei vielen Bewohnern ist es schon zu spät. Einer von ihnen berichtet:

"Ich hatte alle Symptome, aber man hat keinen Test gemacht. Bei der Hotline hat man mir nur gesagt, ich solle zu Hause bleiben und sie haben mich drei Tage lang zur Kontrolle angerufen, aber keiner kam zum Testen."

Bewohner verschweigen Fälle - aus Angst vor der Isolation

Manche Nachbarn reagieren auch ablehnend. Sie haben Angst, gegen ihren Willen auf eine Isolierstation gebracht zu werden. So etwas ist zu Beginn der Pandemie vorgekommen.

Sandra Herrera arbeitet in einem Gesundheitszentrum in der Nähe, heute ist sie mit dem Trupp in der besetzten Fabrik im Einsatz. "Manche haben fast Angst, dass der Test wehtun könnte, oder sogar dass man sie mitnimmt. Und deswegen behaupten manche auch, es gehe allen gut, obwohl es einem Angehörigen in der Wohnung tatsächlich schlecht geht", so Herrera.

Eine Frau mit einer Schüssel mit Essen läuft durch eine enge Straße in einem der Elendsviertel in Buenos Aires. | Bildquelle: via REUTERS
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Beengter Lebensraum und Armut - unter diesem Bedingungen breitet sich das Coronavirus in den "Villas" schnell aus.

"Sechs Monate Lockdown - das kann sich keiner vorstellen"

Auch die Apothekerin Carina Vetye begleitet den Test-Einsatz. Die Organisation "Apotheker ohne Grenzen" hat eine Ausgabestelle für dringend benötigte Medikamente in der Gesundheitsstation aufgebaut. Die Deutsch-Argentinierin Vetye wollte nur ein paar Wochen bleiben - jetzt ist sie seit Monaten in Argentinien.

"Die Fallzahlen sind sehr hoch. Die Leute haben Angst vor dem Virus", sagt Vetye. Hinzu käme aber auch eine katastrophale wirtschaftliche Situation, die es ihnen nicht erlaube, zu Hause zu bleiben:

"Wir sind jetzt sechs Monate im Lockdown. Das kann sich keiner vorstellen. In Deutschland waren die Leute nach einem Monat unglücklich, hier sind es sechs Monate. Wir können uns nicht im Land bewegen. Bei zu vielen Menschen ist das Einkommen stark zurückgegangen oder sogar auf Null gesunken."

Nur mit Erlaubnis der Gangs in einige Viertel

Teilweise sind 60 Prozent der Corona-Tests in den "Villas" positiv. Die Menschen haben keine Rücklagen und müssen versuchen, wieder Gelegenheitsjobs zu finden, um über die Runden zu kommen. Dazu kommen die Lebensumstände in diesen Slums.

Immerhin gelten die "California"-Siedlungen als einigermaßen sicher. Direkt daneben liegt ein Slum, in dem gerade ein blutiger Krieg zwischen Drogenbanden herrscht. In solche Viertel wagen die Testteams sich nur, wenn die Drogengangs ausdrücklich zugestimmt haben.

In Buenos Aires und im Elendsgürtel rund um die Stadt haben sich die Fallzahlen inzwischen auf hohem Niveau stabilisiert. Das Gesundheitssystem hat bis jetzt Stand gehalten. Doch mittlerweile werden immer mehr Fälle aus den entlegeneren Teilen des Landes gemeldet. Dort sind die Infrastruktur und die medizinische Versorgung wesentlich schlechter. In einigen Provinzstädten können bereits nicht mehr alle Patienten versorgt werden.

Corona in Argentinien: Virenjäger im Elendsviertel
Ivo Marusczyk, ARD Buenos Aires
26.09.2020 10:29 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. September 2020 um 12:40 Uhr.

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