Strand in Mexiko | Bildquelle: Anne-Katrin Mellmann

Naturkatastrophe in der Karibik Algenberge statt Traumstrände

Stand: 26.08.2019 11:08 Uhr

Tonnenweise treibt die Sargassum-Alge an die Strände der Karibik. Korallenriffe und Fische sterben. Das Ökosystem wird diese Plage nicht mehr lange aushalten, warnen Forscher.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Kräftig und heiß weht der Wind an Mexikos Karibikküste. Ganz sanft plätschert die karibische Badewanne. Aber statt türkisblau ist das Meer hier kaffeebraun. Schon seit etwa fünf Jahren spüle es Tonnen der Alge Sargassum an den einst weißen Traumstrand, berichtet der Maya-Nachfahre Pedro Ihuit. Als Kind hat er hier im Sand gespielt. Heute türmen sich die Braunalgen meterhoch und stinken in der Sonne. Ihr Geruch ist gammelig und beißend. Es stinkt nach verwesendem Fisch und Müll.

Maya Nachfahre Pedro Ihuit | Bildquelle: Anne-Katrin Mellmann
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Pedro Ihuit konnte früher als Kind an den Stränden spielen. Die Algen seien eine Katastrophe für die Natur, sagt er.

 "Das Sargassum zerstört alles: den Strand, die Korallenriffe. Fische und Schildkröten sterben. Wenn die Schildkröten hier Nester bauen und ihre Eier ablegen, können die kleinen, frisch geschlüpften Babys das Sargassum nicht überwinden, wenn sie ins Meer laufen wollen. Sie verfangen sich darin und sterben", erzählt Ihuit.

Sargassum sei eine Katastrophe für die Natur. Mit Sorgenfalten blickt der 50-Jährige auf den mit Algen bedeckten, dunkelbraunen Strand.

Notstand bereits ausgerufen

Viele Hoteliers und Gastronomen sorgen sich um ihr Geschäft an den einige Kilometer entfernten Stränden der Riviera Maya, die einen Großteil der mexikanischen Tourismusgewinne erzielen. Jeden Tag treibt mehr Sargassum an Land. In diesem Jahr lassen die Unternehmer schon etwa 1000 Tonnen pro Tag wegräumen - teils mit Bulldozern. Der Bundesstaat Quintana Roo, an dem die Haupttouristenorte liegen, hat den Notstand ausgerufen. Dort, wo die Alge auftritt, reisen viele Gäste wieder ab.

"Man hatte mir gesagt, dass ich hier an einem Traumstrand urlauben könne. Und dann stehe ich vor dieser Alge, kann nicht mal im Meer schwimmen. Ich hatte schon von Sargassum gehört, konnte mir aber dieses Ausmaß nicht vorstellen", sagt ein enttäuschter Argentinier.

Bagger am Strand der Riviera Maya | Bildquelle: Anne-Katrin Mellmann
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1000 Tonnen am Tag lassen Unternehmer wegräumen, um die Strände von den Algen zu befreien. Die Plage bedroht auch den Tourismus.

Schäden unter Wasser

Wenn man im Wasser auf die Alge trifft, kratzt sie unangenehm, hart und stachelig auf der Haut. Der Mensch kann gehen und sich andere Urlaubsziele suchen, aber die Natur ist der Plage schutzlos ausgesetzt. Elisa Meza arbeitet in einer Tauchschule und kennt deshalb den irreparablen Schaden, den Sargassum unter Wasser anrichtet. Korallen und Fische sterben.

 "Es ist so, als würde das Meer die ganze Schweinerei, die wir in ihm entsorgen, Müll und Abwässer, jetzt wieder zurückgeben. Das ist wie die Rache des Meeres. Wie lange wird das dauern?", sagt Take Meza.

Tauchlehrerin Elisa Meza | Bildquelle: Anne-Katrin Mellmann
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Tauchlehrerin Elisa Meza kennt die irreparablen Schäden, die das Sargassum anrichtet. Das Meer gebe Müll und Abwasser zurück, sagt sie.

Die Braunalge sei gekommen, um zu bleiben, warnt die niederländische Wissenschaftlerin Brigitta Ine van Tussenbroek, die an der Universität UNAM das Auftreten der eigentlich harmlosen Braunalge erforscht. Die Dosis macht das Gift: In kleinen Mengen ist Sargassum nützlich, aber die riesigen, kilometerlangen Algenteppiche, die seit etwa fünf Jahren aus dem Atlantik kommen, gefährden die empfindliche Karibik.

Wenn nichts dagegen unternommen werde, sterbe das Ökosystem Karibik in fünf oder zehn Jahren. Die Bedrohung sei unmittelbar, so von Tussenbroek. "Dieses Ökosystem ist nicht daran gewöhnt, solchen Massen von organischem Material, Nährstoffen und Rückständen von Schwermetall ausgesetzt zu sein", erklärt die Forscherin. Das Sargassum ersticke das Seegras am Meeresboden und das führe zur Erosion der Strände. Außerdem sinkt die Wasserqualität. "Das Ökosystem wird das nicht aushalten."

Die Sargassum-Alge zerstört weite Teile der Strände Mexikos. | Bildquelle: Anne-Katrin Mellmann/RBB
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Die Sargassum-Alge zerstört weite Teile der Strände Mexikos.

Düngemittel als Ursache

Das Problem entsteht Tausende Kilometer entfernt. Wissenschaftler vermuten, dass der Einsatz von immer mehr Düngemitteln, die aus dem Amazonasgebiet ins Meer gespült werden, das Sargassum-Wachstum begünstigt. Je mehr Landwirtschaft, umso mehr davon. Außerdem gelangten durch den Klimawandel und die Veränderung von Meeresströmungen mehr Nährstoffe an die Oberfläche, auf der die Alge treibt und sich rasend schnell vermehrt. 2018 reichte ein fast 9000 Kilometer langer Sargassum-Gürtel von Westafrika bis zum Golf von Mexiko.

Statt einen nationalen Notplan auszuarbeiten und internationale Maßnahmen einzufordern, verharmloste Mexikos Präsident Andres Manuel López Obrador im Juni nur. "Zweifellos ist die karibische Riviera Maya eines der wichtigsten Touristengebiete der Welt. Das Sargassum aber ist eine Nebensache", sagte der Staatschef. In Mexiko-Stadt würden jeden Tag 13.000 Tonnen Müll entsorgt. Dabei fielen 1000 Tonnen Sargassum am Tag an. "Wir sind ganz sicher, dass wir diese Angelegenheit problemlos lösen werden", behauptete Obrador.

Sargassum - ein Müllproblem? Mexikos Regierung lässt die Marine spezielle Schiffe zum Abfischen der braunen Masse auf dem Meer bauen, Hoteliers legen im Meer Barrieren aus Plastik aus und lassen die Strände säubern. Ingenieure entwickeln Anlagen, um Sargassum zu Biogas zu verarbeiten. Bausteine werden bereits daraus gefertigt, sogar Schuhe und Nahrungsergänzungsmittel.

Nahaufnahme der Sargassum Alge | Bildquelle: Anne-Katrin Mellmann
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Nahaufnahme der Sargassum Alge: Ihr Wachstum könnte durch Düngemittel verursacht werden, die aus dem Amazonasgebiet in den Atlantik gespült werden.

Strände im Schlussverkauf

Ungebremst wächst der Rohstoff nach, die Wurzel des Problems bleibt unberührt. Touristen können sich auf den Karten einschlägiger Internetseiten darüber informieren, welche Strände aktuell Braunalgen-frei sind. Dorthin locken Hotelketten ihre Gäste mit Sonderangeboten. Es wirkt wie ein Schlussverkauf, bevor das Karibik-Paradies endgültig zerstört ist. An Pedro Ihuits Lieblingsstrand seiner Kindheit gibt es keine Hotels und deshalb auch niemanden der gegen das Sargassum kämpft.

"Unsere Umwelt geht kaputt. Das zu sehen, macht mich unglaublich traurig. Wir Menschen sind Schuld daran“, sagt er. Wer weiß, was passieren werde. "Ich mache mir große Sorgen, vor allem, weil die Kinder nie wissen werden, wie es früher einmal war."

Katastrophe in der Karibik - Algen zerstören ein Paradies
Anne-Katrin Mellmann, ARD Mexiko City
26.08.2019 09:24 Uhr

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Über dieses Thema berichteten tagesschau24 am 05. Juli 2019 um 18:00 Uhr und Inforadio am 26. August 2019 um 15:29 Uhr.

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