Screenshot vom Twitter-Account von Bana Alabed

Mädchen twittert aus Ost-Aleppo "Heute Nacht weine ich"

Stand: 01.12.2016 20:48 Uhr

@AlabedBana - eine Siebenjährige twittert aus Ost-Aleppo über Bombardements, Tote, Angst. Banas Mutter betreut den Twitter-Account, 190.000 Follower hat er bereits. Propaganda oder Krieg aus den Augen eines kleinen Mädchens? Eine Gratwanderung.

Von Anna Osius, ARD-Studio Kairo

"Hallo, ich bin Bana. Ich bin 7 Jahre alt. Meine Mama und ich twittern aus Ost-Aleppo." So stellt Bana Alabed sich vor, auf Twitter. Das Foto zeigt ein hübsches Mädchen mit langen schwarzen Haaren und rosa Schleifen, die an einem Schreibtisch sitzt - vor sich ein Kinderbuch, daneben eine Puppe. Lesen, um den Krieg zu vergessen.

Seit September schreibt Bana - oder wohl eher ihre Mutter Fatemah - Nachrichten aus Ost-Aleppo. Sie beschreiben ihren Alltag inmitten des Krieges. Sie zeigen auf Fotos zerbombte Häuser, zerstörte Straßen. Tweets wie diese gehen um die Welt: "Heute Nacht weine ich. Eine Bombe hat meine beste Freundin getötet. Ich kann nicht mehr aufhören zu weinen."

Mittlerweile hat Bana rund 190.000 Follower auf Twitter - Menschen weltweit, die ihre Meldungen lesen. Banas Mutter dreht kleine Videos, sie zeigt den Alltag ihrer Kinder im Krieg. Das seien die Bomben, sagt Fatemah, sie kommen jede Nacht, man könne nicht mehr schlafen. Sie lebten in der Hölle.

Propaganda oder der Krieg aus den Augen eines Kindes?

Der Umgang mit Geschichten wie dieser ist schwierig. Journalisten können nicht nach Aleppo. Ist es wirklich nur ein siebenjähriges Mädchen und ihre Mutter, die hier vom Krieg erzählen? Oder steckt dahinter gezielte Propaganda? Es gibt den Hinweis, dass das Material von Bana echt sein könnte: Mehrere Nachrichtenagenturen überprüften die Quellen, auch der Kurzmitteilungsdienst Twitter selbst prüfte und verfizierte Banas Profil. Das sind alles Hinweise, mehr nicht. Aber vielleicht steht hinter Banas Nachrichten wirklich eine starke Mutter, die die Welt aufrütteln will, in dem sie den Krieg aus den Augen ihres Kindes zeigt. Eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden - zeigt sie doch, unabhängig von der politischen Haltung, an einer Familie das Schicksal vieler Zivilisten im syrischen Bürgerkrieg.

Bana Alabed @AlabedBana
Tonight we have no house, it's bombed & I got in rubble. I saw deaths and I almost died. - Bana #Aleppo https://t.co/arGYZaZqjg

Bana würde gerne zur Schule gehen, sagt die Mutter. Aber die Schule sei bombardiert worden. Jetzt unterrichte sie ihre Tochter zuhause, indem sie viele Bücher lesen. Banas größtes Glück war, als sie auf ihrem Twitteraccount schrieb, dass sie gerne Harry Potter lesen würde, aber es in Ost-Aleppo keine Bücher gibt. Die Autorin von Harry Potter, JK Rowling, wurde darauf aufmerksam, und schickte der Familie e-Bücher zum Lesen auf dem Handy. Bana ist überglücklich.

Kampf ums Überleben

Anschließend verschlechterte sich die Lage der Familie dramatisch: "Die syrische Armee ist in Ostaleppo, das könnten unsere letzten Tage sein. Kein Internet. Bitte, bitte betet für uns", appelliert Fatemah in einem Tweet. Und wenig später: "Wir sind auf der Flucht. Viele Tote. Wir kämpfen ums Überleben."

Bana Alabed @AlabedBana
Message - we are on the run as many people killed right now in heavy bombardments. We are fighting for our lives. still with you.- Fatemah

In einem weiteren Tweet heißt es: "Letzte Nachricht: Wir sind unter heftigem Beschuss. Wir werden das nicht überleben. Wenn wir sterben, bitte denkt an die anderen 200.000 Menschen, die noch hier sind. Macht’s gut!"

Nach Stunden der Ungewissheit melden sich Bana und ihre Mutter wieder - sie leben. Und Bana berichtet: "Wir haben kein Zuhause mehr. Ich bin leicht verletzt. Ich habe seit gestern nicht geschlafen, ich hab Hunger. Ich will leben! Ich will nicht sterben!" Später postete die Mutter ein Foto von einem Trümmerhaus. In Banas Namen schreibt sie: "Das war unser Haus. Meine Puppen sind im Bombardement gestorben. Ich bin traurig, aber froh, dass wir leben."

Bana Alabed @AlabedBana
This is our house, My beloved dolls died in the bombing of our house. I am very sad but happy to be alive.- Bana https://t.co/9i0xxJrQtD

Die Zukunft der Familie ist ungewiss. Sie wissen nicht, wohin. Und: sie haben Angst, auch vor der syrischen Armee, die immer weiter in Ost-Aleppo vorrückt.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Beitrags hieß es irrtümlich, die Familie sei zuversichtlich, sicher aus Aleppo herauszukommen. Tatsächlich bittet die Familie darum, dass sie und die in Aleppo verbliebenen Bewohner sicher aus der Stadt kommen können. Wir bedauern dieses Missverständnis und haben den Text entsprechend angepasst.

Dieser Beitrag lief am 01. Dezember 2016 um 08:47 Uhr auf WDR 5.

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