Zwei Frauen in Burkas auf der Rückbank eines Autos in Kabul, Afghanistan. | REUTERS

Anordnung der Taliban Hijab-Zwang und Musikverbot im Auto

Stand: 26.12.2021 19:00 Uhr

Als sie die Macht an sich rissen, versprachen die Taliban in Afghanistan noch Mäßigung. Jüngste Anordnungen zeigen aber, dass Zweifel daran berechtigt sind. Aktuell trifft es die Autofahrer - und vor allem die Frauen: Sie dürfen nur noch im Hijab mitfahren.

Gut vier Monate nach ihrer brutalen Machtübernahme in Afghanistan verschärfen die Taliban nach und nach mehr Bereiche des öffentlichen Lebens. Künftig ist es nun verboten, beim Autofahren Musik zu hören. Das geht aus einem Schreiben des Ministeriums zur Erhaltung der Tugend und Unterdrückung des Lasters hervor, das auf den Straßen verteilt wurde. Der Sprecher des Ministeriums, Mohammed Sadik Asif, bestätigte die entsprechende Anordnung.

Frauen müssen Hijab tragen

Zudem werden den Frauen weitere Rechte genommen. Sie dürfen nur noch im Auto mitfahren, wenn sie Hijab tragen. In Europa wird unter dem Hijab lediglich das islamische Kopftuch verstanden, gemeint sein kann aber auch die zusätzliche Verschleierung des Gesichts oder des restlichen Körpers. Die Taliban ließen bisher offen, wie sie Hijab definieren. Die meisten Afghaninnen tragen Kopftuch.

Außerdem werden Fahrer dazu aufgerufen, keine Frauen mitzunehmen, die ohne männliche Begleitperson weiter als 45 Meilen (etwa 72 Kilometer) reisen wollen. In dem Schreiben, das auch in sozialen Medien verbreitet wurde, wurden Autofahrer unter anderem dazu angewiesen, Pausen zum Gebet einzulegen.

Bereits in den vergangenen Wochen hatten die Taliban die Rechte von Frauen massiv beschnitten. So wurden die afghanischen Fernsehsender aufgefordert, keine Dramen und Seifenopern mit Schauspielerinnen mehr zu zeigen. Das Tugend-Ministerium hatte auch Fernsehjournalistinnen aufgefordert, bei ihren Auftritten Hijabs zu tragen. 

Eine Frau steigt in ein Auto in Kabul, Afghanistan. | AFP

Die Taliban manifestieren weiter ihre Macht und beschneiden die Rechte von Frauen zunehmend. Wollen dieser weiter als 45 Meilen verreisen, ist dies künftig nur noch mit männlicher Begleitung möglich. Bild: AFP

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch HRW prangerte die jüngsten Einschränkungen als eklatanten Eingriff in die Frauenrechte an. Die neue Richtlinie zum Reiseverkehr mache Frauen noch mehr zu "Gefangenen", sagte die für Frauenrechte zuständige HRW-Direktorin Heather Barr. Die Maßnahme verhindere, "dass Frauen sich frei bewegen oder in eine andere Stadt fahren können, dass sie Geschäfte machen oder fliehen können, wenn sie zu Hause Gewalt erleben", kritisierte Barr.

Taliban lösen Wahlkommission auf

Auch beim Umbau der politischen Ordnung verschärfen die Taliban ihren Kurs. Die Radikalislamisten lösten die unabhängige Wahlkommission (IEC) und die Kommission für Wahlbeschwerden auf. Es gebe keinen Bedarf für diese Gremien, sagte der Sprecher der Taliban-Regierung, Bilal Karimi. Nach seinen Angaben wurden kürzlich außerdem die Ministerien für Frieden und für Parlamentsangelegenheiten abgeschafft. 

Die 2006 ins Leben gerufene Wahlkommission hatte den Auftrag, Präsidentschaftswahlen und andere Wahlen in Afghanistan zu organisieren und zu überwachen. Der frühere afghanische Regierungsvertreter Halim Fidai verurteilte die Auflösung der Kommissionen. Die Entscheidung zeige, dass die Taliban "nicht an die Demokratie glauben". Der ehemalige Gouverneur warf den Radikalislamisten vor, sich ihre Macht "durch Kugeln und nicht durch Wahlen" zu sichern. 

Die Taliban hatten Mitte August wieder die Macht in Afghanistan an sich gerissen. Bislang hat kein Land die Taliban-Führung offiziell anerkannt, die mit dem Versprechen angetreten war, dass ihre neue Herrschaft über das Land milder ausfallen werde als einst in den 1990er-Jahren.

Entscheidungen wie die Wiedereinsetzung eines Ministeriums für die Förderung der Tugend und die Verhinderung des Lasters schürten aber Zweifel an den Zusicherungen der Islamisten.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. Dezember 2021 um 04:28 Uhr.