Ein US-Militärflugzeug startet auf dem internationalen Flughafen Hamid Karzai in Kabul, Afghanistan. | AP

Deutsche Ortskräfte Evakuierungen - auch ohne Bundeswehr

Stand: 29.08.2021 18:16 Uhr

Die Bundeswehr hat Afghanistan bereits verlassen, viele Ortskräfte sind zurückgeblieben. Jetzt ist es gelungen, noch Hunderte Menschen zu retten - mithilfe privater Akteure. Eine Hilfsinitiative macht der Bundesregierung schwere Vorwürfe.

Wenige Tage vor dem Abzug der US-Streitkräfte aus Afghanistan herrscht rund um den Flughafen Kabul weiter Chaos - es gibt Warnungen vor weiteren Anschlägen. Und dennoch: Zuletzt gelang es, mehr als 300 weitere Schutzbedürftige in den gesicherten Teil des Airports zu bringen - mithilfe der deutschen Firma DHL, die noch in Afghanistan aktiv ist, wie der "Spiegel" unter Berufung auf das Auswärtige Amt berichtet. Unter den Geretteten waren nach Angaben aus der Bundesregierung etwa 140 Deutsche sowie Ortskräfte und Mitarbeiter eines Auftragsunternehmens der NATO.

"Zeit" und "Spiegel" berichteten zudem, dass 189 Schutzbedürftige - organisiert von der privaten Rettungsinitiative "Luftbrücke Kabul" - zum Flughafen gebracht und vom US-Militär ausgeflogen wurden, darunter auch Mitarbeiter deutscher Medien.

Schwere Vorwürfe gegen Bundesregierung

Bereits gestern hatte die "Luftbrücke Kabul" mehrere afghanische Ortskräfte in Sicherheit gebracht - und der Bundesregierung fehlende Unterstützung und massive Widerstände gegen die vorbereitete Evakuierung vorgeworfen. "Mit immensem Aufwand konnten wir 18 gefährdete Ortskräfte aus Kabul in Sicherheit bringen. 18 Menschenleben, dabei hätten es Hunderte mehr sein können, wenn unsere Rettungsaktion nicht aktiv vom Auswärtigen Amt blockiert worden wäre", hieß es in einer Erklärung, die am Samstag auf der Internetseite der zivilgesellschaftlichen Initiative verbreitet wurde.

Die Rettungsmission hatte eine Chartermaschine nach Kabul geschickt, um Gefährdete auszufliegen. "Für Hunderte Menschen hatten wir eine sichere Unterkunft, haben sie offiziell auf Listen des Auswärtigen Amtes registrieren und absegnen lassen, organisierten einen Bustransport über die katarische Botschaft und hätten Menschen innerhalb weniger Stunden an den Flughafen und auf unser Flugzeug bringen können", so die Initiative.

Die Bundesregierung "weigerte sich, eine E-Mail zu schreiben, um den Transport freizugeben", hieß es. Das Erlebte mache sprachlos und wütend und zeige eine "bürokratische und politische Verhinderungstaktik", so die Initiatoren. Und: "Öffentlich wurde behauptet, dass das Flugzeug erwünscht sei, doch nach der Landung vor Ort war klar: Unser Flugzeug sollte keine Menschen evakuieren."

Berlin verweist auf Chaos und Gefahren

Aus der Bundesregierung wurden die Vorwürfe als ungerechtfertigt zurückgewiesen und auf Chaos und Gefahren in Kabul sowie Blockaden an Kontrollstellen der Taliban verweisen, die in den vergangenen Tagen den Zugang zum Flughafen erschwert hätten.

Mit Hinweis auf das Charterflugzeug wurde erklärt, dass freie Sitzplatzkapazitäten nie der Engpass der Evakuierung gewesen seien, wohl aber der sichere Transport von Schutzbedürftigen zum Flughafen der afghanischen Hauptstadt.

Medien: Bundeswehr rettet nur etwa 100 Ortskräfte

Die Bundeswehr hatte ihren Evakuierungseinsatz am Donnerstag beendet. Wie die "Welt am Sonntag" berichtet, wurden mit den deutschen Rettungsflügen weniger Ortskräfte in Sicherheit gebracht als bislang angenommen. Demnach befanden sich unter den bis Mitte der Woche etwa 4500 Ausgeflogenen nur knapp mehr als 100 Ortskräfte mit ihren Familien. Insgesamt mache diese Gruppe rund 500 der 4500 ausgeflogenen Menschen aus. Darüber habe das Bundesinnenministerium mehrere Abgeordnete informiert. Das Auswärtige Amt hatte zuletzt an 10.000 Ortskräfte Aufnahmezusagen verschickt.

Angesichts der unübersichtlichen Evakuierungen aus Kabul werde allerdings davon ausgegangen, dass sich mehrere Ortskräfte, die für Deutschland tätig waren, derzeit womöglich noch in anderen europäischen Ländern aufhielten. Eine Anfrage dazu habe das Bundesinnenministerium unbeantwortet gelassen, schrieb die "Welt am Sonntag". Das Auswärtige Amt habe aber mitgeteilt, dass inzwischen 5300 Menschen aus Kabul in Sicherheit gebracht worden seien.

Die Bundesregierung steht massiv in der Kritik, weil sie afghanische Ortskräfte und andere gefährdete Afghanen nicht schon vor der Machtübernahme der Taliban ausgeflogen hat. Der Abflug der letzten Bundeswehr-Maschinen fand am Donnerstag unmittelbar nach einem Selbstmordanschlag vor dem Kabuler Flughafen statt, bei dem nach Angaben ranghoher Vertreter der ehemaligen afghanischen Regierung mehr als hundert Menschen starben.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 29. August 2021 um 19:00 Uhr.