Prozess im Gefängnis Tora  | Bildquelle: imago/ZUMA Press

Leben in Ägypten Brutaler als unter Mubarak

Stand: 25.01.2019 13:15 Uhr

Seit sechs Jahren ist der ägyptische Präsident al-Sisi an der Macht. Doch wer das System kritisiert, kommt ins Gefängnis und wird brutal gefoltert.

Von Martin Durm, SWR

Sie haben ihn schon drei Mal abgeholt. Einmal zerrten sie ihn am hellichten Tag aus einem Straßencafé. Die beiden anderen Male nahmen sie ihn zu Hause fest. Die Männer waren maskiert. Sie schlugen Türen und Schränke kaputt, nahmen mit, was sie kriegen konnten - Geld, Papiere, Computer - und verschleppten ihn dann mit verbundenen Augen zur Staatssicherheit. Amr sagt, er habe gelernt, wie man Zeiten der Gefangenschaft übersteht:

"Ich denke dann an alle, die ich liebe, die mir etwas bedeuten. Ich halte mich an Erinnerungen fest, an allem, was gut ist. Ich sage mir, dass mir das ja schon mal passierte und dass es auch diesmal vorbei gehen wird, dass ich wieder frei kommen werde."

Im Ägypten des Jahres 2019 ist es fast nicht mehr möglich, Leute wie Amr zu treffen. Zu groß ist die Angst vor einem Regime, das weder Kritik noch Gegnerschaft duldet.

60.000 politische Gefangene

Internationale Beobachter gehen von mehr als 60.000 politischen Gefangenen aus; nicht nur Moslembrüder, sondern auch liberale Politiker, Blogger, Journalisten oder NGO-Mitarbeiter wie Amr.

Der Name des Ägypters wurde geändert. Nur soviel darf gesagt werden: Amr ist Mitte 20, ein junger, weltoffener Mann, der nach seinem Studium an der Universität Kairo bei einer Menschenrechtsorganisation angestellt wurde. Genau das war sein Verbrechen. "Für eine NGO zu arbeiten, heißt, dass du dafür früher oder später bestraft wirst", sagt Amr und ergänzt: "Mich haben sie bei der Staatsicherheit erstmal zwei Stunden lang mit Stöcken geschlagen. Hals, Ohren, Bauch, Beine, überall…Sie haben mir mit einem Gewehrkolben die Nase gebrochen und mich dann mit Elektroschocks gefoltert." Danach habe man ihn zum Staatsanwalt gebracht, dem er erzählt habe, was mit ihm gemacht wurde. Der Staatsanwalt ordnete dann Untersuchungshaft an.

Angeklagte im Tora-Gefängnis in Kairo | Bildquelle: AP
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Angeklagte im Tora-Gefängnis in Kairo (Archivbild Juli 2018)

Kein Raum für freie Medien

Seit 2013 ist Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi an der Macht. Die Art, wie er sie ausübe, sei so brutal, dass er manchmal sogar dem gestürzten Autokraten Hosni Mubarak hinterhertrauere, meint der Regimegegner Khaled Dawoud. Mubarak habe wenigstens noch ein wenig Luft zum Atmen gelassen: "Heute gibt es keinen Raum mehr für Leute, die sich für Menschenrechte engagieren oder für Oppositionsparteien oder für frei Medien", sagt Dawoud. Seit Mai 2018 würden Blogger verhaftet, nur, weil sie die politische Lage auf Facebook oder Twitter kommentierten. "Leute kommen ins Gefängnis, weil sie etwas gepostet haben und man ihnen vorwirft, das sei ein Umsturzversuch. Es kann jeden treffen, der irgendwie Kritik am Regime übt."

Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi | Bildquelle: AFP
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Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi ist seit 2013 an der Macht. Seine Art sei brutal, sagen Kritiker.

Die schiere Masse der Gefangenen stellt den Staatssicherheitsapparat vor ein Unterbringungsproblem. In den Jahren unter al-Sisi wurden nach Informationen von Amnesty International 19 neue Gefängnisse in Ägypten gebaut, zwei davon können angeblich insgesamt 30.000 Häftlinge fassen.

Traumatisierte Ex-Häftlinge werden betreut

"Zu uns kommen neben all den Folteropfern inzwischen auch viele junge Leute, die nicht mal mehr über die Gewalt in den Gefängnissen klagen", sagt Aida seif al-Dawla vom sogenannten Nadeem-Center. Das Zentrum für Folteropfer wurde vor zwei Jahren vom Staat dicht gemacht, aber seine Mitarbeiter betreuen noch immer traumatisierte Ex-Häftlinge in Kairo. "Wir haben es mit Menschen zu tun, die völlig orientierungslos sind", sagt al-Dawla. "Sie waren zwei, drei Jahre eingesperrt und finden sich nicht mehr in der Welt zurecht. Ihnen ist alles fremd geworden, sie wissen nicht mehr, wohin mit sich."

In Gefängniszellen gebrochen

Ägypten - acht Jahre nach dem arabischen Frühling. Viele von denen, die 2011 auf dem Tahrir-Platz für ein freies, besseres Leben kämpften, wurden danach in Gefängniszellen gebrochen. Das sei alles erfunden, erklärt das Regime, es gebe keine systematische Folter, allenfalls ein paar Einzelfälle.

Tahrir-Platz mit Tausenden von Menschen | Bildquelle: REUTERS
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Wer vor acht Jahren auf dem Tahrir-Pkatz für ein freies Leben kämpfte, wurde danach in Gefängniszellen gebrochen.

Nach der Auffassung von Aida Seif al-Dawla lügt die Regierung: "Die Berichte der Opfer stimmen durchweg überein. Zum Beispiel, wie sie unabhängig voneinander die Ankunft in den Haftanstalten beschreiben: Wenn die Transportvans ankommen und sie aussteigen und reingehen müssen. Sie nennen das Taschrifa - Empfangsfeier."

Amr hat dieses Prozedere drei Mal erlebt. Er erzählt von der "Empfangsparty", bei der die Neulinge rasiert und entkleidet werden: "Dann bilden die Wächter eine Art Gasse. Da müssen wir dann durch, während die Wächter mit Schläuchen und Elektrokabeln auf uns eindreschen. Sie meinen, wir sollten vom ersten Tag an die eiserne Hand des Regimes spüren."

Deutschland liefert Wehrtechnik

Vergangenen Oktober war Ägyptens Machthaber auf Staatsbesuch in Berlin. Bei der gemeinsamen Pressekonferenz bezeichnete Kanzlerin Angela Merkel die Beziehungen als "sehr eng und sehr vielschichtig". Dazu zählten auch die deutschen Rüstungsexporte, die im sich im Jahr 2017 auf 428 Millionen Euro beliefen.

Ägypten zählt zu den Top-Empfängern deutscher Wehrtechnik außerhalb der EU, erst vor wenigen Wochen hat der Bundessicherheitsrat den Verkauf einer Fregatte im Wert von einer halben Milliarde Euro genehmigt. Angeblich soll die ägyptische Marine in den kommenden Jahren noch eine weitere Fregatte aus Deutschland bekommen. 

Es laufe gut für Sisi, sagt der Oppositionelle Khaled Dawoud, das Chaos in der arabischen Welt scheine sein Regime zu legitimieren: Länder wie Syrien, Irak, Libyen, Jemen drohten zu zerbrechen. Also sage Sisi seinen westlichen Gesprächspartnern, dass es nur sein autoritärer Regierungsstil sei, der Ägypten ein ähnliches Schicksal erspart, sagt Dawoud: "So verkauft er das: Er sagt: 'Ich bin in dieser Region der einizge Garant für Stabilität, zu mir gibt es keine Alternative.' Aber wie sollte eine Diktatur Ägyptens Probleme lösen?"

Jederzeit mit Verhaftung rechnen

Amr ist seit einem Jahr wieder frei. Er bewegt sich vorsichtig in der Stadt, und er muss jederzeit damit rechnen, wieder verhaftet zu werden. Ohne Anklage, ohne Prozess, ohne etwas verbrochen zu haben - so, wie beim letzten Mal:

"Der, der mich folterte, sagte kurz vorher zu mir: 'Ich hab nichts Persönliches gegen Dich, das Problem ist nur, dass sich hier unsere Wege kreuzen.' Er mache hier nur seine Arbeit. Und bevor er anfing, fragte er noch: 'Glaubst Du an Gott?' Da hab ich ja gesagt."   

Ägypten: Die gebrochene Revolte
Martin Durm, SWR
25.01.2019 09:45 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. Januar 2019 um 07:45 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".

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Martin Durm, SWR

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