Laptop, auf dem eine Szene aus dem von Netflix produzierten panarabischen Film "Ashab wala Aaz" mit den libanesischen Schauspielern Adel Karam und Diamand Bou Abboud zu sehen ist. | AFP

Arabischer Netflix-Spielfilm Die Welt steht auf dem Kopf

Stand: 31.01.2022 04:32 Uhr

Homosexualität, Affären, erotische Geheimnisse: Die libanesische Netflix-Produktion "Fremde Freunde" bricht mit Traditionen der arabischen Welt. Dagegen formiert sich Widerstand - vor allem in Ägypten.

Jürgen Stryjak, ARD-Studio Kairo

Der erste arabischsprachige Netflix-Spielfilm wurde innerhalb weniger Tage zum Riesenerfolg. "Der Streifen ist derzeit die Nummer eins unter allen gestreamten Filmen in der gesamten Region, und das ist enorm. Damit stellt er durchaus eine Gefahr für die arabischen Regime dar ‒ weil er unkontrolliert liberale Auffassungen präsentiert und das auch noch überzeugend und attraktiv", sagt der renommierte ägyptische Filmkritiker Joseph Fahim im Interview mit dem ARD-Studio Kairo.

Jürgen Stryjak ARD-Studio Kairo

"Ashab walla al-Azz", sinngemäß in etwa "Die allerbesten Freunde", ist die arabische Adaption eines italienischen Spielfilms. Sieben Freundinnen und Freunde beschließen, beim geselligen Abendessen in Beirut ihre Handys auf den Tisch zu packen und ihre gesamte Kommunikation offenzulegen - ein Spiel, das schnell für Tränen und Verwirrung sorgt.

In Ägypten ein Skandal

Einer der Freunde wird als schwul geoutet. Ein anderer erlaubt seiner 17-jährigen Tochter am Telefon, die Nacht mit ihrem Freund zu verbringen, obwohl die Eltern bei ihr kurz zuvor Kondome fanden. Die erotische Facebook-Affäre von einer der Mütter in der Runde wird enthüllt. Bevor sie die Freunde trifft, hatte sie sich noch ihren Slip ausgezogen.

Und da diese Frau in der libanesischen Netflix-Produktion von Mona Zaki gespielt wird, die zu den beliebtesten ägyptischen Schauspielerinnen gehört, wird der Film vor allem in Ägypten zum Skandal - unter anderem wegen der Szene mit dem Slip, aber auch wegen des schwulen Filmcharakters.

"Der Schwule im Film wird nicht stigmatisiert, sondern sogar sympathisch dargestellt - und das während die Kampagne gegen Homosexuelle in Ägypten in den vergangenen Jahren sogar noch verstärkt wurde", so Kritiker Fahim.

Sittenwächter auf der Zinne

Eine schwule Filmfigur, das treibt die selbst ernannten Sittenwächter in Politik und Medien zur Weißglut. Der ägyptische Parlamentsabgeordnete Ahmed Hamdy in einer Talkshow des Fernsehsenders MBC Masr: "Wir fordern ein Gesetz, das die Normalisierung dieser Perversion, die manche mit dem Wort ›Homosexualität‹ verharmlosen, unter Strafe stellt."

Der Moderator der ägyptischen Talkshow fragt ihn, was er machen würde, wenn sich einer seiner Freunde als schwul outen würde. "Zuerst würde ich ihn ermahnen", so Hamdy. "Aber wenn er meinen Rat nicht annimmt, dann würde ich ihn anzeigen. Freiheit muss Grenzen haben."

So, wie der Parlamentsabgeordnete, denken vermutlich immer noch die meisten im Land. Wer sich outet, dem drohen Hass und Diskriminierung. Homosexualität ist in Ägypten nicht verboten, aber Betroffene können für homosexuelle Handlungen trotzdem verurteilt werden, wegen angeblicher Verletzung der öffentlichen Moral.

Rufe nach Zensur

Allerdings wird der Netflix-Streifen auch verteidigt. Der ägyptische Schauspielerverband betont die Freiheit der Kunst und lehnt Disziplinarmaßnahmen gegen die beteiligten ägyptischen Schauspieler strikt ab. Ebenfalls in der Talkshow von MBC Masr gesteht die prominente ägyptische Schauspielerin Elham Shaheen, dass sie die Aufregung gar nicht verstehen könne. "Es ist ein absolut anständiger Film. Die gesamte Handlung findet am Esstisch statt. Es gibt keine einzige erotische Berührung, kein einziges unanständiges Wort. Der Film handelt von Ehebruch und von einem, der homosexuell ist. Na und? Die Wahrheit ist, dass es sich um einen respektablen Film und um echtes Kino handelt."

Doch Kritiker wie Ahmed Hamdy meinen es ernst. "Solche Filme verletzen die Grundlagen unserer Religion und unsere nationale Identität, sie zerstören die Gesellschaft, den Staat, die Jugend und die Zukunft." Der Parlamentsabgeordnete bedauert, dass die ägyptische Regierung keinen Einfluss auf Netflix hat. Trotzdem könne man das Land doch schützen, er verweist auf Russland und China, auf Länder, die das Internet zensieren.

Es ist nicht die erste Kontroverse um arabische Netflix-Inhalte. Dem Streaming-Anbieter wird immer wieder vorgeworfen, er wolle mit einem Geheimplan den Sittenverfall in der Region vorantreiben. Netflix werde als Teil einer Verschwörung gesehen, erklärt der Filmkritiker Joseph Fahim, mit der den arabischen Gesellschaften die Normalisierung von Homosexualität angeblich aufgedrängt werden soll.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell Radio am 31. Januar 2022 um 07:26 Uhr.