Leerer Strand in Hurghada | Bildquelle: dpa

Corona-Krise in Ägypten "Es war noch nie so heftig"

Stand: 21.04.2020 10:38 Uhr

Pyramiden geschlossen, Kreuzfahrtschiffe verwaist, Strände abgesperrt: Wegen der Corona-Krise ist der Tourismus in Ägypten zum Erliegen gekommen. Hotel-Manager und Händler schauen trotzdem nach vorn.

Von Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo

Geschlossene Türen, verriegelte Fensterläden, verrammelte Cafés - der Basar Khan El-Khalili in der islamischen Altstadt von Kairo wirkt wie ausgestorben. Nur wenige Geschäfte haben geöffnet.

"Zu Beginn der Krise habe auch ich meinen Laden dicht gemacht", erzählt der Händler Walid Al-Tarabischi. "Aber seit einer Woche habe ich wieder geöffnet, weil es mir zu langweilig wurde, zu Hause zu sitzen. Ich dachte mir, dass mir ein bisschen Bewegung gut tut. Ich bleibe eine Weile hier, trinke eine Tasse Tee oder Kaffee und gehe dann wieder nach Hause. Viele Besitzer machen ihre Läden nur aus Langeweile auf."

Corona-Krise trifft Geschäfte mit voller Wucht

Ein bisschen verloren steht der Händler zwischen Regalen mit Schlüsselanhängern, Schmuck und bestickten Seidenschals. Das Geschäft hat Al-Tarabischi von seinem Vater übernommen. Es hat schon viele Krisen überstanden - zum Beispiel die Auswirkungen des Golf-Krieges und das Attentat in Luxor in den 1990er-Jahren. Damals kamen nur noch wenige Touristen. Doch die Corona-Krise trifft die Branche mit voller Wucht.

"So etwas haben wir in Ägypten noch nie erlebt - außer vielleicht zur Zeit der Revolution 2011", sagt Al-Tarabischi. "Damals war unser Geschäft auch beeinträchtigt, aber um ehrlich zu sein: Es war nicht so schlimm wie jetzt.“

Keine Gäste aus dem Ausland

Nur noch alle paar Tage verkauft Al-Tarabischi ein Backgammon-Spiel oder eine Geldbörse. Sein Geschäft sei zu 80 Prozent eingebrochen, sagt er, denn Gäste aus dem Ausland gibt es hier gar nicht mehr. Selbst nebenan, im berühmten Café El-Fischawi, herrscht gähnende Leere. Wo sich früher Einheimische und Touristen bei einem Minztee trafen, stehen heute nicht einmal mehr Stühle. Dass das El-Fischawi jemals länger als ein paar Tage geschlossen war - daran kann sich Al-Tarabischi nicht erinnern.

Geschlossene Cafés und Restaurants | Bildquelle: <Anne Allmeling>
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Geschlossene Cafes und Restaurants in der islamischen Altstadt von Kairo.

"Es tut mir leid, dass Sie unser Hotel nicht in voller Pracht sehen, da wir momentan geschlossen haben“, entschuldigt sich Rafik Boulos. Der Manager des Riad Hotel de Charme führt seine Gäste auf die Dachterrasse - mitten in der islamischen Altstadt. "Von hier oben haben wir einen sensationellen Panoramablick", schwärmt er. Man könne sehr viele Sehenswürdigkeiten sehen.

Mitte März haben hier noch die Hotelgäste zu Abend gegessen. Doch vor vier Wochen hat Boules das Boutique-Hotel wegen der Corona-Krise vorübergehend geschlossen.

"So eine Situation hatten wir noch nie"

"So eine Situation, dass wir gar keine Gäste haben - weder aus dem Inland noch aus dem Ausland - hatten wir noch nie. Früher gab es immer mal wieder Probleme im Tourismus, aber es war noch nie so heftig." Boules hat die Arbeitszeit seiner Angestellten reduziert, so dass jeweils nur ein Teil der Belegschaft gleichzeitig im Hotel arbeitet. Kündigungen will er vermeiden, um das gut geschulte Personal nicht zu verlieren. Die Zeit ohne Gäste will der Hotel-Manager für Renovierungsarbeiten nutzen: "Ich denke, dass diese Situation noch maximal einen Monat dauert. Danach wird sie zu einem wirtschaftlichen Problem. Das Geschäft muss wieder laufen."

Viele Länder wägten zwischen den gesundheitlichen Risiken und der wirtschaftlichen Situation ab. Ein Gleichgewicht könne die Wirtschaft nach vorn bringen, meint er. "Wenn wir aber allein die gesundheitlichen Risiken berücksichtigen, fallen wir zurück ins Mittelalter, und die Wirtschaft wird eine große Rezession erleben."

Verluste in Milliardenhöhe vermutet

Experten vermuten, dass die Tourismusbranche wegen der Corona-Krise Verluste in Höhe von einer Milliarde Dollar macht - pro Monat. Darunter leiden nicht allein Hotels und Reiseveranstalter, sondern auch Restaurants, Wäschereien und Taxifahrer.

Arbeiter gehen vor einer Pyramide während einer Reinigungs- und Desinfektionsaktion auf der Hochebene von Gizeh | Bildquelle: dpa
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Etwa 13 Millionen Touristen haben Ägypten im Jahr 2019 besucht - derzeit herrscht gähnende Leere auch vor den Pyramiden.

Urlaub im eigenen Land

Während die ausländischen Gäste wegbleiben, will die Regierung in Kairo die Einwohner ermuntern, im eigenen Land Urlaub zu machen. Darüber hinaus hat sie knapp sechs Milliarden Euro für die Bewältigung der Corona-Krise bereitgestellt.

Hani Samir, Geschäftsführer von Presidential Nile Cruises, einem Veranstalter für Nilkreuzfahrten, hofft, dass auch seine Firma etwas davon bekommt. Er glaubt, dass frühestens in sechs Monaten wieder Schiffe auf dem Nil kreuzen: "Reisen ist für viele Menschen ein großer Luxus. Das kann man nicht mit der Notwendigkeit vergleichen, Essen zu kaufen. Es ist ein Luxus - und deshalb wird es dauern, bis wir zur Normalität zurückkehren.“

Aufwärtstrend an Touristenbesuchen gebrochen

Etwa 13 Millionen Touristen haben Ägypten im Jahr 2019 besucht - viel mehr als in den Jahren nach der Revolution 2011. Dieser Aufwärtstrend ist nun erst einmal unterbrochen. Hani Samir hofft dennoch, dass bald wieder Touristen nach Ägypten kommen:

"Ich kenne Leute, die zehn oder zwanzig Mal hergekommen sind. Touristen, Ausländer. Ägypten ist ein schönes Land, die Leute genießen nicht nur die Sonne, das Wetter, das Meer - auch die Kultur und die Herzlichkeit der Ägypter. Deshalb erholt sich der Tourismus hier immer wieder ziemlich schnell."

Tourismus in Ägypten: Hoffen auf die Zeit danach
Anne Allmeling, ARD Kairo
21.04.2020 09:16 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 21. April 2020 um 12:41 Uhr.

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