Ein Mann steht vor einem von Granatensplittern getroffenen Fahrzeug in Kabul | Bildquelle: dpa

Afghanistan Abschiebung in die Gefahr

Stand: 16.12.2020 04:48 Uhr

Deutschland will heute wieder Flüchtlinge nach Afghanistan abschieben. Doch das Land ist eines der gefährlichsten weltweit. Die Gewalt nimmt täglich zu - nicht nur wegen der Taliban.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Südasien, zzt. Hamburg

Am vergangenen Wochenende wurde das Stadtgebiet von Kabul mit zahlreichen Mörsergranaten beschossen - zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen. Unklar ist noch, wer dafür verantwortlich war.

Gestern dann wurde der Vize-Gouverneur der afghanischen Hauptstadt bei einem Autobombenanschlag in der Nähe der Straße zum Flughafen getötet. An dem gepanzerten Fahrzeug von Mahbobullah Mohibi war eine Haftmine angebracht worden. Mohibi und sein Sekretär kamen ums Leben, zwei Leibwächter wurden verletzt.

Und vergangene Woche schon war die bekannte Fernsehjournalistin Malalai Maiwand bei einem gezielten Anschlag in der ostafghanischen Provinz Nangahar ums Leben gekommen. Attentäter des "Islamischen Staates" hatten die Moderatorin des Senders Enikass zusammen mit ihrem Fahrer auf dem Weg zur Arbeit erschossen.

Gewalt nimmt täglich zu

Solche Vorfälle gibt es fast jeden Tag. Nicht nur die Taliban sind für das allgemein hohe Gewaltniveau in Afghanistan verantwortlich, sondern auch eine ganze Reihe anderer Terrorgruppen.

Obwohl die Taliban und eine Delegation der afghanischen Regierung seit Wochen in Doha über Frieden in Afghanistan verhandeln, hat die Gewalt im Land in letzter Zeit zugenommen. Nach Einschätzung der Vereinten Nationen und zahlreicher internationaler Hilfsorganisationen ist Afghanistan eines der gefährlichsten Länder weltweit. Allein in diesem Jahr wurden laut UN-Angaben mehr als 300.000 Menschen infolge der Kämpfe zu Flüchtlingen im eigenen Land - drei Millionen insgesamt in den vergangenen Jahren.

Corona-Pandemie verschlimmert Situation noch weiter

Die Corona-Pandemie habe die Lebensbedingungen der Menschen am Hindukusch zudem weiter verschlechtert, sagt die Sprecherin des Welternährungsprogramms WFP, Frances Kennedy:

"Afghanistan ist durch drei Katastrophen belastet. Konflikt, Klimawandel und Covid-19. Immer mehr Menschen sind gezwungen, vor den zunehmenden Kämpfen zu fliehen, und diese Situation dürfte sich noch verschlimmern. Der frühe Wintereinbruch mit Schnee hat die Lebensumstände in den abgelegenen Regionen stark beeinträchtigt. Und die Corona-Pandemie hat die Menschen in den Städten und auch auf dem Land ihrer Lebensgrundlage beraubt, insbesondere die, die als Tagelöhner ihren Lebensunterhalt verdienen."

Nach Einschätzung des Welternährungsprogramms WFP, das in diesem Jahr mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, lebt etwa die Hälfte der Bevölkerung an der Armutsgrenze. Vor allem Kinder seien von Hunger bedroht, hieß es. Über 40 Prozent der Bevölkerung, etwa 17 Millionen Menschen wüssten nicht, wo sie die nächste Mahlzeit herbekommen.

Afghanistan - Abschiebung in ein gefährliches Land
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
15.12.2020 23:51 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. Dezember 2020 um 05:55 Uhr.

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