Ein Auspuff eines Volkswagens auf einem Mitarbeiterparkplatz, aufgenommen mit dem Verwaltungshochhaus des VW-Werks im Hintergrund.  | dpa
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VW-Dieselmotor EA 288 Neue Hinweise auf Abschalteinrichtungen

Stand: 01.12.2020 15:34 Uhr

Fünf Jahre nach Aufdeckung des Dieselskandals gibt es neue Hinweise auf Abschalteinrichtungen in VW-Motoren. Nach Recherchen von Report Mainz kam es bei den Motoren zu auffälligen Messwerten.

Von Nick Schader, SWR

Vor rund fünf Jahren ist der Dieselskandal aufgeflogen. Seither wurden zahlreiche Abschalteinrichtungen bei Dieselfahrzeugen verschiedener Hersteller entdeckt. Jetzt gibt es nach Recherchen von Report Mainz neue Hinweise, dass auch beim Nachfolgemotor des "Skandal-Diesels" von VW, dem Motor EA 288, Abschalteinrichtungen eingebaut wurden. Gegen den VW-Konzern laufen bereits zahlreiche Klagen von Verbrauchern in ganz Deutschland, die ihr Fahrzeug zurückgeben möchten. Doch VW und auch das Kraftfahrtbundesamt bleiben dabei: Bei dem Motor gebe es keine "unerlaubten Abschalteinrichtungen".

Abgasreinigung abhängig von Temperatur

Der Katalysator-Entwickler und Ingenieur Martin Pley hat bei einem Golf 7 mit EA-288-Motor - mit der Schadstoffklasse Euro 5 - Abgastests durchgeführt. Report Mainz war bei den Tests mit der Kamera dabei. Die Abgasmessungen lieferten auf Testfahrten neue Belege dafür, dass bei dem Golf auf der Straße ein Vielfaches der Stickoxid-Emissionen entsteht, die auf dem Prüfstand ermittelt worden sind.

Die Emissionen lagen zudem deutlich über den Werten, die bei einem Prüfstandstest erlaubt sind. Doch die wichtigste Erkenntnis für Martin Pley und die beteiligten Verbraucher-Anwälte: Bei den Tests stellte sich heraus, dass die sogenannte Abgasreinigung abhängig von der Außentemperatur ist.

Regelung wie beim "Thermofenster"

Ingenieur Pley sagte im Interview mit Report Mainz: "Wir konnten zeigen, dass wir eine temperaturabhängige Regelung der Abgasreinigung haben, was einem Thermofenster entspricht. Und wir haben Stickoxid-Emissionen, die deutlich über dem gültigen Grenzwert liegen." VW teilte dazu mit, dass man diese Messungen nicht kommentieren wolle, da man deren "Natur" nicht kenne.

Die Autohersteller haben solche Abschalteinrichtungen "Thermofenster" getauft. Mittlerweile beschäftigt sich sogar der europäische Gerichtshof mit der Frage, ob diese temperaturabhängige Abschaltung der Abgasreinigung erlaubt ist. Die Generalanwältin des EuGH hat in ihrem Schlussantrag Ende April bereits klar gemacht, dass sie "Thermofenster" für illegal hält. Auf Anfrage von Report Mainz teilte VW hierzu mit, dass man diese Abschaltung für legal halte - sie diene dem "Motorschutz".

VW: Abschalteinrichtungen legal

Dass VW diese Abschalteinrichtung jetzt zugibt, verwundert. Denn als der SWR vor gut einem Jahr erstmals über Abschalteinrichtungen beim Dieselmotor EA 288 berichtet hatte, bestritt der Konzern scheinbar vehement. Wörtlich sagte VW-Chef Herbert Diess damals in der ZDF-Talkshow Maybrit Illner: "Der Motor hat keine Abschalteinrichtung."

Erst jetzt, ein Jahr später, teilt VW gegenüber Report Mainz mit, der Motor habe doch eine Abschalteinrichtung, aber die sei aus Konzernsicht legal. Die früheren Aussagen hätten sich ausschließlich auf Fahrzeuge mit EA 288 bezogen, die die Abgasnorm Euro 6 mit dem Zusatz "dTemp" besitzen. Über diese Fahrzeuge hatte der SWR allerdings nie berichtet - sondern über interne VW-Dokumente, die sich auf die weitaus größere Zahl der Fahrzeuge mit der Abgasnorm Euro 5 und Euro 6 (ohne "dTemp") bezogen. Darin wird unter anderem beschrieben, wie die sogenannte Zykluserkennung funktioniert - ein amtlicher Abgastest - und wie die Abgasreinigung verändert wird.

Anwälte sehen sittenwidrige Schädigung

Verbraucher-Anwälte, die bei den aktuellen Abgastests mit anwesend waren, bewerten den Motor EA 288 kritisch. Carolyn Diepold, die für die Kanzlei Gansel-Rechtsanwälte Verfahren gegen VW führt, sagte im Interview mit Report Mainz: "Wir sagen, das ist eine vorsätzliche, sittenwidrige Schädigung, dass die Fahrzeuge während der normalen Fahrt dreckig sind und nur in einem Temperaturbereich, in dem Prüfstands-Messungen durchgeführt werden, um eine Typgenehmigung zu erreichen, sauber sind."

Kraftfahrtbundesamt widerspricht sich selbst

Als Beleg für seine Unschuld führt VW bei Gerichtsverfahren immer wieder Untersuchungen des Kraftfahrtbundesamtes (KBA) an. Das KBA hatte unter anderem den Motor EA 288 bereits im Jahr 2016 untersucht. Doch diese Messungen werfen Fragen auf. Beim Golf 7 mit EA 288 stellte das KBA zwar fest, dass dieser auf der Straße rund zehn mal so viel Stickoxide ausstößt wie auf dem Prüfstand. Aber man kam dennoch zum Ergebnis: Kein Manipulationsverdacht.

Noch fragwürdiger sind die Aussagen des KBA in der gleichen Untersuchung bezüglich des VW Touareg 3.0. Im Abschlussbericht wurde der Touareg explizit vom Vorwurf der Manipulation freigesprochen. Doch ein Jahr später widersprach sich das Kraftfahrtbundesamt dann selbst - und erteilte einen amtlichen Rückruf für den VW Touareg wegen "unerlaubter Abschalteinrichtungen". Wie belastbar sind also die Ergebnisse des Kraftfahrtbundesamtes?

Report Mainz fragte beim KBA nach, wie man sich erklären könne, dass der Golf 7 auf der Straße zehnmal mehr Stickoxide ausstößt als auf dem Prüfstand. Dazu teilte die Flensburger Amt mit, "dass keine als unzulässig einzustufenden Abschaltvorrichtungen festgestellt werden konnten". Eine Erklärung für diese Aussage lieferte das KBA nicht.

Gerichte verpflichten VW zur Rücknahme

Während die Kritik von Verbraucheranwälten am KBA immer lauter wird, bemühen sich die Gerichte längst um Klärung - auch beim Dieselmotor EA 288. So kam ein Gutachten für das Landgericht Bielefeld im Sommer zu dem Ergebnis, dass beim EA 288 eine Abschalteinrichtung vorliege. Mittlerweile haben 16 Landgerichte den VW-Konzern zur Rücknahme von Fahrzeugen wegen "unerlaubten Abschalteinrichtungen" verpflichtet. Zuletzt hatte das Landgericht Darmstadt im Oktober den VW-Konzern zur Rücknahme eines manipulierten Fahrzeugs mit EA 288 Motor verurteilt. VW hat angekündigt, man werde gegen das Urteil in Berufung gehen - wie auch bei anderen Verfahren. Einige laufen noch an Oberlandesgerichten, andere wurden mit einem Vergleich beendet.

Über der gesamten Branche hängt das Damoklesschwert angesichts des Verfahrens in Luxemburg: Sollte der EuGH "Thermofenster" tatsächlich als "illegale Abschalteinrichtung" einstufen, droht der Autoindustrie die größte Rückrufaktion ihrer Geschichte. Denn Thermofenster wurden in Millionen Fahrzeuge eingebaut - und zwar nicht nur Wolfsburg.

Über dieses Thema berichtete Report Mainz am 01. Dezember 2020 um 21:45 Uhr.