Die Icons der vier großen Technologiekonzerne Google, Apple, Facebook und Amazon | Bildquelle: AFP

Konkurrenz aus Asien Die US-Dominanz im Internet schwindet

Stand: 17.10.2020 11:07 Uhr

Im Internet kommen inzwischen bis zu 90 Prozent aller User nicht aus den USA. Und in China gibt es mehr Smartphone-Nutzer als in Amerika und Westeuropa zusammen. Endet die Vormachtstellung des Erfinderlandes USA?

Von Marcus Schuler, ARD-Studio Los Angeles

Für den Technologie-Analysten Benedict Evans ist klar: Die Dominanz der Internetwelt durch die USA geht langsam zu Ende. Das Web wurde in der Schweiz erfunden, der Computer in Großbritannien und das Internet eben in den USA. 1994, so sagt der Brite Evans, habe es 100 Millionen Computer auf der Welt gegeben, und die Hälfte davon habe sich in den USA befunden.

"Heute haben vier Milliarden Menschen ein Smartphone. In China gibt es mehr Smartphones als in den USA und Westeuropa zusammen." In Indien sei das ähnlich. "Wir befinden uns also in einer Art Übergangsphase", konstatiert Evans. Früher seien Tech-Unternehmen im Silicon Valley gegründet worden, heute sei das viel mehr verstreut.

Software ersetzt Hardware

Die ersten 50 Jahren war das Silicon Valley vor allem ein Ort, an dem Computer-Hardware entstanden ist. Dann wurde die Hardware immer mehr durch Software ersetzt. Unternehmen wie Google, Facebook oder Apple haben darauf ihren Erfolg aufgebaut. Diese Zeit, davon ist der Branchenkenner überzeugt, geht langsam zu Ende.

"Jeder kann heute Software programmieren", sagt Evans. "Im 19. Jahrhundert war Großbritannien eine Zeit lang das einzige Land, in dem Eisenbahnen hergestellt wurden. Das hörte aber auf. Nicht weil Großbritannien schlechtere Eisenbahnen baute, sondern weil plötzlich auch andere Länder in der Lage waren, Eisenbahnen zu bauen."

TikTok steht exemplarisch

Genau das passiere jetzt mit Software. Das Silicon Valley, so sagt der Analyst, beginne seine Vormachtstellung zu verlieren. Bestes Beispiel: TikTok. Die Video-App kommt aus China. Dort ist sie wegen des diktatorischen Regimes nicht verfügbar, dafür aber im Rest der Welt ungemein erfolgreich. Für die US-Amerikaner setze hier gerade ein Prozess des Umdenkens ein, meint Evans.

"Es ist das erste Mal, dass Amerikaner erkennen, dass die US-Teenager etwas verwenden, das cool und beliebt ist und eben nicht in Amerika hergestellt wurde." Genau das Gleiche hätten die Europäer in den vergangenen 25 Jahren erlebt. "Jetzt betrifft das plötzlich die US-Amerikaner."

China mit vitaler Start-up-Szene

China prescht genau in diese Nische vor. Jahrzehntelang hat das Land das produzierende Gewerbe nach Asien gelockt, jetzt ist die Service-Industrie dran. Allen voran: neue Software-Produkte. Daran, sagt der Technologie-Experte, müsse sich der Rest der Welt gewöhnen.

"In China nutzen 800 bis 900 Millionen Menschen Smartphones. Es gibt eine sehr vitale Start-up-Szene von Leuten, die Unternehmen gründen wollen." Sie wollten Innovationen hervorbringen und kopierten natürlich auch Ideen, so Evans. Er warnt davor, die chinesische Internetbranche zu unterschätzen: "Sie legen eine große Geschwindigkeit und Energie vor. Viele dieser Ideen werden nicht funktionieren. Trotzdem wäre es falsch anzunehmen, dass sie nicht auch außerhalb Chinas erfolgreich sein können."

Ende der US-Dominanz im Internet?
Marcus Schuler, ARD Los Angeles, zzt. San Francisco
16.10.2020 17:34 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Oktober 2020 um 06:36 Uhr.

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