Masten mit Hochspannungsleitungen in der Nähe von Barcelona | REUTERS

Energiekrise Sorge vor Blackouts bleibt bestehen

Stand: 04.10.2022 17:49 Uhr

Die EU-Kommission hält auch großflächige Stromausfälle im kommenden Winter für möglich. Im Fall der Fälle stünde damit auch die europäische Solidarität auf dem Prüfstand.

Von Detlev Landmesser, tagesschau.de

Drohen in diesem Winter vermehrte Blackouts in Europa und auch in Deutschland? Die jüngsten Verlautbarungen von Energieexperten, aber auch aus Brüssel deuten darauf hin, dass diese Gefahr weiterhin besteht.

Deutschland könnte im Winter gezwungen sein, den Stromexport einzustellen, um einen Zusammenbruch des inländischen Stromnetzes zu verhindern, warnte Hendrik Neumann, technischer Geschäftsführer beim größten deutschen Übertragungsnetzbetreiber Amprion gegenüber der "Financial Times". Eine solche Notmaßnahme werde aber eher auf ein paar Stunden begrenzt sein als auf mehrere Tage.

Amprion und die drei weiteren deutschen Übertragungsnetzbetreiber waren federführend bei dem vom Bund beauftragten Stresstest, der bereits Anfang September in allen drei Szenarien eine Lastunterdeckung für Europa und für die kritischeren zwei Szenarien auch stundenweise Lastunterdeckungen beim langjährigen Stromexporteur Deutschland vorausgesagt hatte.

Außergewöhnliche Problemhäufung

Die Gaskrise infolge des Ukraine-Kriegs ist einer der wesentlichen Gründe dafür, aber nicht der einzige. Während eine mögliche Unterversorgung von Gaskraftwerken droht, ist vor allem ein erhöhter Strombedarf durch alternative Heizmethoden wie Heizlüfter, Konvektoren und auch Wärmepumpen zu erwarten. Dieses Jahr brachte aber eine außergewöhnliche Häufung weiterer Probleme mit sich.

Das derzeit drängendste Problem auf dem europäischen Strommarkt ist die tiefgehende Stromkrise in Frankreich. Bei unserem westlichen Nachbarn, dessen Stromversorgung noch immer zu rund 70 Prozent auf Atomkraft beruht, sind immer noch 32 der insgesamt 56 Atomkraftwerke außer Betrieb, teils wegen technischer Probleme, teils wegen Wartungsarbeiten. Die Probleme sind vielfältig; eines davon ist ein akuter Fachkräftemangel, der die notwendigen Reparaturen in den Notfall-Kühlsystemen verzögert. In der Folge wird die Jahresproduktion der Atomkraftwerke nach Einschätzung des Betreibers EDF ein historisches Tief von etwa 280 Terawattstunden erreichen. Im vergangenen Jahr hatten die französischen Reaktoren noch 360 Terawattstunden geliefert. Entsprechend muss die Atomnation Strom importieren. So kamen im ersten Quartal etwa fünf Prozent der französischen Gesamtproduktion aus Deutschland.

Ein weiteres außergewöhnliches Problem sind regionale Ungleichgewichte in der Versorgung von Kohlekraftwerken infolge der dürrebedingt niedrigen Pegelstände europäischer Wasserstraßen.

Sorge um Energieinfrastruktur

Nach den mutmaßlichen Sabotageakten gegen die Nord-Stream-Pipelines ist aber noch eine weitere, oft unausgesprochene Sorge offenbar geworden. Europas kritische Infrastruktur ist verwundbar, und koordinierte Attacken könnten großen Schaden bei der Stromversorgung anrichten. Diese Sorge dürfte in den Krisenplänen der Europäischen Union eine herausragende Rolle einnehmen.

Nach eigener Aussage bereitet sich die EU-Kommission angesichts des Ukraine-Krieges und der Energiekrise auf mögliche Stromausfälle und andere Notlagen innerhalb der Union vor. "Es ist gut möglich, dass Katastrophenhilfe auch innerhalb der EU nötig wird", sagte der EU-Kommissar für humanitäre Hilfe und Krisenschutz, Janez Lenarcic, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

"Wenn nur eine kleine Zahl an Mitgliedsstaaten von einem Zwischenfall wie einem Blackout betroffen ist, können andere EU-Staaten über uns Stromgeneratoren liefern, wie es während Naturkatastrophen geschieht", führte der Kommissar aus. Die Hilfen mit Material aus anderen EU-Staaten könnten auf Antrag vom Krisenschutz-Kommissar koordiniert und weitergeleitet werden. Im Notfall geschehe das noch am selben Tag, betonte Lenarcic.

Wäre eine große Zahl an Ländern gleichzeitig betroffen, könne die Kommission den Bedarf aus ihrer strategischen Reserve bedienen. Zu dieser Reserve für Krisenfälle zählen Löschflugzeuge, Generatoren, Wasserpumpen und Treibstoff, aber auch medizinisches Gerät und inzwischen auch Medizin.

Europäische Solidarität herausgefordert

Sollte der von den Netzbetreibern als unwahrscheinlichstes Szenario angesehene Fall von großflächigeren Blackouts eintreten, könnte die Lieferung von Generatoren naturgemäß nur begrenzt Abhilfe schaffen. Und wenn es um physiologische Grundbedürfnisse geht, dürften nationale Stromexporte der eigenen Bevölkerung schwer zu vermitteln sein. Im ungünstigsten Fall könnte der kommende Winter die europäische Solidarität also vor eine harte Belastungsprobe stellen.