Wasserdampf steigt aus dem Kühlturm vom Atomkraftwerk Isar 2. | dpa

Stresstest zur Energiekrise Zwei AKW bleiben als Reserve

Stand: 05.09.2022 19:20 Uhr

Trotz Energiekrise sollen die deutschen Atomkraftwerke nicht weiter regulär Strom produzieren. Allerdings bleiben zwei AKW als Reserve bis April 2023 am Netz. Das ist die Konsequenz eines Stresstests.

Zwei der drei verbliebenen deutschen Atomkraftwerke sollen bis zum nächsten Frühjahr als Reserve für die Stromversorgung bereitstehen. Das ist das Ergebnis eines Stresstests, den Wirtschaftsminister Robert Habeck in Berlin vorstellte. Demnach sollen die beiden Kraftwerke Neckarwestheim 2 in Baden-Württemberg und Isar 2 in Bayern eine "Einsatzreserve bis Mitte April 2023" bilden. Das dritte verbliebene Kraftwerk Emsland solle wie geplant zum 31. Dezember komplett abgeschaltet werden.

Keine neuen Brennelemente

Die beiden AKW Isar 2 und Neckarwestheim 2 sollten jedoch "in bestimmten Stresssituationen im Stromnetz einen zusätzlichen Beitrag zur im Stresstest identifizierten angespannten Versorgungs- und Netzsituation in Süddeutschland im Winter 2022/23 leisten" können, hieß es aus dem Wirtschaftsministerium. "Neue Brennelemente werden nicht geladen und Mitte April 2023 ist auch für die Reserve Schluss", erklärte Habeck.

Als Begründung führt das Ministerium an, dass Atomkraft eine Hochrisikotechnologie bleibe und hochradioaktive Abfälle nachfolgende Generationen belasteten. "Eine pauschale Laufzeitverlängerung wäre daher auch im Hinblick auf den Sicherheitszustand der Atomkraftwerke nicht vertretbar", so Habeck. Daher komme eine Laufzeitverlängerung nicht infrage. Am Atomausstieg, wie er im Atomgesetz geregelt sei, werde somit festgehalten. Um die Meiler in Süddeutschland in Reserve zu halten, sei allerdings eine Gesetzesänderung notwendig, so Habeck. Das gehe nicht nur mit einer Verordnung.

"Sehr hohe Versorgungssicherheit im Stromsystem"

Der zweite Stresstest, den die Netzbetreiber 50Hertz, TenneT, Amprion und TransnetBW im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums durchgeführt haben, kommt zu dem Ergebnis, "dass stundenweise krisenhafte Situationen im Stromsystem im Winter 22/23 zwar sehr unwahrscheinlich sind, aktuell aber nicht vollständig ausgeschlossen werden können". Deutschland habe eine "sehr hohe Versorgungssicherheit im Stromsystem".

"Insgesamt ist klar geworden, dass wir vor einer angespannten Situation in ganz Europa stehen", sagte der Chef des Netzbetreibers 50Hertz, Stefan Kapferer. "Unsere Botschaft ist ganz klar: Es ist sinnvoll und notwendig, alle Möglichkeiten zur Erhöhung der Strom-Erzeugung und der Transportkapazitäten zu nutzen." Der längere Betrieb der beiden Atommeiler sei ein Baustein in einem Bündel von Maßnahmen.

Nur geringe Leistung

Allerdings können die Atomkraftwerke in wirklich kritischen Situationen nur einen begrenzten Beitrag leisten. In einem "sehr kritisch" genannten Szenario würden die AKW den Bedarf an Strom aus dem Ausland nur um 0,5 Gigawatt senken, berichteten die Übertragungsnetzbetreiber. Es bliebe auch dann ein Bedarf aus dem Ausland von 4,6 Gigawatt. Solche Ausgleichskraftwerke können dem deutschen Markt kurzfristig Strom zum Ausgleich von Netzengpässen zur Verfügung stellen.

Die Netzbetreiber empfehlen daher auch weitere Maßnahmen, wie unter anderem die Nord-Süd-Transportkapazität zu erhöhen und sich Kraftwerksleistung für den Ausgleich von Netzengpässen im Ausland zu sichern. Auch sollte es ermöglicht werden, dass große Stromverbraucher - also beispielsweise Industriebetriebe - gegen Entschädigung auf Strom verzichten können.

FDP reagiert zurückhaltend

Im Zuge des russischen Angriffs auf die Ukraine, der Strom massiv verteuert und Engpässe vor allem bei Gas ausgelöst hat, waren Stimmen nach einer AKW-Laufzeitverlängerung immer lauter geworden. Auch die an der Regierung beteiligte FDP hatte für einen Fortbetrieb der Atomkraftwerke geworben. FDP-Chef und Bundesfinanzminister Christian Lindner forderte noch heute den Weiterbetrieb der drei noch produzierenden Atomkraftwerke.

Entsprechend reagierten Vertreter der FDP eher zurückhaltend auf Habecks nun erfolgte Ankündigung. "Es ist eine Frage der Vernunft, jetzt jede klimaneutrale Kilowattstunde zu ermöglichen", schreibt der Parlamentarische Geschäftsführer der Bundestagsfraktion, Johannes Vogel, auf Twitter. "Habecks Notreserve ist ein Schritt, aber erscheint auch als politischer Notausgang."

Union will volle Atomkraft

Unionsfraktionschef Friedrich Merz kritisierte die Entscheidung schon vorab. "Es macht keinen Sinn, jetzt über Reserve-, Stand-by-Betriebe oder etwas ähnliches zu reden", sagte Merz, der auch CDU-Vorsitzender ist, vor einer Sitzung der CDU/CSU-Abgeordneten in Berlin. Vielmehr müsse es jetzt heißen: "Volle Kraft voraus aller drei Kernkraftwerke. Einschließlich neuer Brennstäbe, so dass diese Kernkraftwerke noch möglicherweise drei bis vier Jahre am Netz bleiben können, bis wir diese Krise hinter uns haben."

Auch der stellvertretende Fraktionschef der Union, Jens Spahn, äußerte sich kritisch zu Habecks Ankündigung. "Diese drei Kernkraftwerke könnten in dieser Krise sicher, verlässlich und bezahlbar Energie, Strom für Deutschland liefern. Und das sollten sie auch mindestens noch in den nächsten zwei Wintern tun", so der CDU-Politiker. Spahn nannte es bemerkenswert, dass das Atomkraftwerk im niedersächsischen Emsland anscheinend für einen Weiterbetrieb gar nicht in Betracht gezogen werde, obwohl es das neueste aller noch in Deutschland laufenden AKW sei.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 05. September 2022 um 18:00 Uhr.