Blick auf eine Finca auf Lanzarote | Bildquelle: imago/robertharding

Reisebranche kritisiert Reisewarnungen "Finca-Urlaub nicht gefährlicher als S-Bahn"

Stand: 25.09.2020 14:10 Uhr

Lanzarote hat vergleichsweise wenige Corona-Fälle, ist aber Risikogebiet - für die deutsche Reisewirtschaft ist dieser Fall nur ein Beispiel für zu Unrecht verhängte Reisewarnungen. Sie kritisiert: Die Regierung belaste die Reisewirtschaft unverhältnismäßig.

Angesichts der wachsenden Zahl an Reisewarnungen durch die Bundesregierung sieht die Tourismusbranche in Deutschland ihr Überleben gefährdet. "Die Situation in der Reisebranche ist existenzbedrohend", sagte der Präsident des Deutschen Reiseverbandes (DRV), Norbert Fiebig, den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Die Umsätze seien auf einer Viertel des Vorjahres geschrumpft und "eine Besserung ist nicht in Sicht".

Der Verbandschef kritisierte besonders, dass etliche Regionen zu Unrecht zu Risikogebieten erklärt worden seien. In Spanien beispielsweise gebe es zahlreiche Inseln wie Lanzarote, Formentera und Menorca, auf denen es keinen einzigen Corona-Hotspot gebe, trotzdem würden sie als Risikogebiete geführt. "Das ist absurd", kritisierte Fiebig. "Finca-Urlaub ist in keiner Weise gefährlicher als eine S-Bahn-Fahrt in Berlin", sagte der Verbandschef.

Reisewarnung für Kleinwalsertal in Vorarlberg

Auch andere als Risikogebiete ausgewiesene Regionen weisen aktuell keine oder nur wenige Infektionsfälle aus: So etwa gilt für das österreichische Bundesland Vorarlberg eine Reisewarnung. Zum Vorarlberg gehört auch das bei deutschen Touristen beliebte Kleinwalsertal - es hat aber kaum Corona-Fälle und ist zudem ausschließlich von Deutschland aus erreichbar.

DRV-Chef Fiebig betonte, dass Reisen per se nicht gefährlich sei - vorausgesetzt, die Menschen hielten sich an die Corona-Regeln. Die Bundesregierung ignoriere diese Fakten und belaste die Reisewirtschaft damit unverhältnismäßig.

Mit Blick auf die bevorstehenden Herbstferien sprach er von einer überaus schwierigen Lage. Mit immer neuen Reisewarnungen steuere die Bundesregierung die Reisewirtschaft in einen zweiten sektoralen Lockdown. Außerdem setze die Regierung auf Quarantäne-Regelungen statt Corona-Tests. "Das ist definitiv der falsche Weg", kritisierte Fiebig.

Spahn empfiehlt Urlaub in Deutschland

Den Warnungen der Bundesregierung entsprechend appellierte Gesundheitsminister Jens Spahn erneut an die Bürger, in den Herbst- und Winterferien keine Auslandsreisen zu unternehmen. "Man kann ja auch Urlaub im Inland machen", sagte der CDU-Politiker im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF. Es habe sich in der Corona-Pandemie immer wieder gezeigt, dass Reiserückkehrer verstärkt das Virus einschleppten. "Ich finde, für Herbst-, Winter-, Weihnachtsurlaub sollten wir daraus gemeinsam lernen", sagte Spahn. Das sei zwar hart für die Reiseveranstalter, aber in der derzeitigen Lage nicht zu ändern.

Der DRV bewertet die Empfehlung Spahns als alarmistisch. Der Gesundheitsminister gebe "unterkomplexe Antworten" auf wichtige Fragen zum Thema Reisen, sagte DRV-Hauptgeschäftsführer Dirk Inger im tagesschau24-Interview. Er warf der Bundesregierung vor, undifferenzierte Entscheidungen zu treffen.

Bisher zeigten Erhebungen zu Reiserückkehreren aus klassischen Urlaubsländern wie Portugal, Griechenland und auch Spanien deutlich niedrigere Ansteckungsraten als im Inland. "Es kommt darauf an, wie man sich verhält und nicht wo", sagte Inger.

Geschäftsreisende in hohem Maße betroffen

Zudem seien besonders auch Geschäftsreisende von den Reisewarnungen betroffen. Spahn und Außenminister Heiko Maas verhinderten die notwendige Mobilität, damit Firmen im Ausland Verträge verhandeln oder Maschinen warten könnten, so Inger.

Auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) forderte "Augenmaß" bei den Beschränkungen im internationalen Reiseverkehr. Es müssten sichere Hygienekonzepte sowie ausreichend Testkapazitäten etabliert werden, sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer der "Rheinischen Post". Die Pandemie und ihre wirtschaftlichen Folgen hätten seit März tiefe Spuren in den Bilanzen vieler Betriebe hinterlassen. Weitere Produktions- und Geschäftsausfälle könnten die Unternehmen daher in ihrer Existenz gefährden. "Ausbleibende Umsätze sorgen vielfach weiterhin für Finanzierungsprobleme", sagte der DIHK-Präsident.

Kritik an den aktuellen Regelungen kam auch von der FDP. Deren Tourismusexperte Marcel Klinge warf der Bundesregierung vor, "mit Kanonen auf Spatzen" zu schießen. "Es ist absolut überzogen, Millionen Beschäftigten im Tourismus den Boden unter den Füßen wegzureißen für Ausfälle Einzelner, die in Deutschland tagtäglich ebenso passieren."

Mehrheit der Reiseunternehmen hat Existenzängste

Laut einer DRV-Umfrage sehen knapp 70 Prozent der befragten Reisebüros ihre Existenz als massiv bedroht an, bei den Reiseveranstaltern sind es laut Fiebig mehr als die Hälfte.

Erst am Mittwoch hatte Deutschland weitere Regionen in elf EU-Ländern zu Risikogebieten erklärt und entsprechende Reisewarnungen ausgesprochen. Betroffen sind unter anderem Regionen in Tschechien, Österreich und den Niederlanden sowie die Hauptstädte Kopenhagen, Dublin und Lissabon. Damit gibt es inzwischen in jedem zweiten EU-Land Risikogebiete, für die Reisewarnungen gelten.

"Das bedeutet, dass Spahn gern unterkomplexe Antworten auf wichtige Fragen zum Thema Reisen gibt", Dirk Inger, Deutscher Reiseverband, zu den Corona-Maßnahmen der Bundesregierung
tagesschau24 11:00 Uhr, 25.09.2020

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. September 2020 um 05:00 Uhr in den Nachrichten.

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