Robert Blethen am Steuer eines LKW. | ARD-Studio Washington
Weltspiegel

"Unretiring"-Trend in den USA Aus dem Ruhestand zurück auf die Straße

Stand: 24.10.2022 08:14 Uhr

Immer mehr Rentner in den USA kehren auf den Arbeitsmarkt zurück, wo sie in vielen Branchen dringend gebraucht werden. Nicht immer geht es ihnen dabei vorrangig ums Geld.

Von Torben Börgers, ARD-Studio Washington

5 Uhr morgens, irgendwo auf einer Landstraße zwischen Massachusetts und Rhode Island: Robert Blethen sitzt hinter dem Steuer seines Sattelschleppers und wirft einen prüfenden Blick auf den Monitor über seiner Mittelkonsole. Darauf ist das Bild einer Videokamera zu sehen. Es zeigt drei Springpferde, die in seinem Anhänger auf die Ankunft bei einem Reitturnier warten. Eine wertvolle Fracht, die der 70-Jährige an diesem Morgen noch vor Sonnenaufgang durch den Nordosten der Vereinigten Staaten fährt. "Ich bin alt", sagt er lachend. "Ich stehe sowieso früh auf."

Torben Börgers ARD-Studio Washington

"Da bin ich wieder losgefahren"

Eigentlich war Robert schon im Ruhestand - nach vier Jahrzehnten und drei Millionen Meilen auf Amerikas Straßen. Bis eines Tages plötzlich sein Handy klingelte. "Mein ehemaliger Chef war dran und brauchte dringend Hilfe", erinnert er sich. "Da bin ich wieder losgefahren."

Robert Blethen | ARD-Studio Washington

Robert Blethen ist in den Job zurückgekehrt - obwohl er das Geld nicht unbedingt braucht. Die Arbeit habe seinem "Leben wieder einen Sinn gegeben", sagt er. Bild: ARD-Studio Washington

So wie ihm geht es gerade vielen US-Amerikanern: Allein im vergangenen Jahr sind 1,5 Millionen aus dem Ruhestand zurück in den Arbeitsmarkt gekehrt - manche aus Einsamkeit und Langeweile, andere aus purer Not. Die höchste Inflationsrate seit 40 Jahren hat so manchen Traum vom sorglosen Lebensabend zunichte gemacht.

"Unretiring" nennen Arbeitsmarktexperten diesen Trend. "Zu Beginn der Corona-Pandemie konnten viele Unternehmen ihre Mitarbeiter gar nicht schnell genug loswerden, aus Angst vor wegbrechenden Aufträgen und sinkenden Umsätzen", sagt Jane Oates, Präsidentin von "WorkingNation", einer gemeinnützigen Organisation aus Los Angeles, die sich auf Veränderungen in der Arbeitswelt spezialisiert hat. "Vor allem älteren Arbeitnehmern wurde der Ausstieg aus dem Erwerbsleben schmackhaft gemacht - mit üppigen Abfindungen. Das haben viele dankend angenommen."

Personalnot im Transportwesen besonders groß

Jetzt, wo US-Präsident Joe Biden offiziell das Ende der Pandemie verkündet hat, fehlen die Alten an allen Ecken und Enden. Die Folge: Ein "War of Talent" - ein Kampf um Arbeitskräfte. Auf jeden Arbeitssuchenden kommen in den USA gerade zwei offene Stellen. Im Transportwesen ist die Personalnot besonders groß: Branchenberechnungen zufolge fehlen landesweit schon jetzt 80.000 Fahrer. Bis 2030 sollen es doppelt so viele sein.

Rüstige Rentner wie Robert Blethen werden regelrecht umworben. 300 Dollar bekommt er für seine Fahrten pro Tag. Er ist auf das Geld nicht angewiesen, aber er kann es gut gebrauchen - zum Beispiel für eine neue Heizung in seinem Haus. Das kam ihm jedoch seit dem Tod seiner Frau sehr groß und leer vor. Das für ihn der Hauptgrund, wieder arbeiten zu gehen. "Während der Pandemie ist mir die Decke auf den Kopf gefallen", sagt er. "Die Arbeit hat meinem Leben wieder einen Sinn gegeben."

Fallen die Aktienkurse, sinken die Alterseinkünfte

Andere kehren nicht ganz so freiwillig zurück: Siew Cheng Ghiz aus Los Angeles zum Beispiel hat 40 Jahre als Stewardess gearbeitet. Im Ruhestand konnte sie sich das private Fliegen nicht mehr leisten. Wie bei vielen US-Amerikanern ist ihr Einkommen von einer Betriebsrente abhängig, die durch Aktienfonds finanziert wird. Seit die Kurse fallen, sinken ihre Alterseinkünfte. "Dabei hatten wir Rentner geplant, von genau dem Geld zu leben."

Seit Anfang dieser Woche arbeitet sie in einer Mode-Boutique. Erstmal nur drei halbe Tage pro Woche, zu einem deutlich niedrigeren Stundenlohn als früher. Sollten die Preise für Miete oder Lebensmittel jedoch weiter so rasant steigen, könnte daraus schnell wieder ein Vollzeitjob werden. "Mir ist bewusst, dass es mir noch sehr gut geht", sagt sie. "Aber ich muss zugeben, dass ich mir meinen Lebensabend anders vorgestellt habe."

Fraglich ist, was mit den Rückkehrern passiert, sollten die Vereinigten Staaten wie erwartet in den kommenden Jahren in eine Rezession rutschen. In der Vergangenheit waren sie die ersten, die ihre Jobs verloren haben. Dieses Mal könnte es anders sein. "Wenn ich Chefin eines Unternehmens wäre, würde ich versuchen, diese Rückkehrer unter allen Umständen zu halten", sagt Jane Oates. "Bis 2030 werden in den USA mehr Menschen leben, die über 60 sind als unter 18." Ohne die zurückgekehrten Rentner könnten viele Firmen dann ziemlich alt aussehen.

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel im Ersten am 23. Oktober 2022 um 18:30 Uhr.