Homeoffice

Corona-Pandemie Viele Top-Manager sind überfordert

Stand: 03.12.2020 06:35 Uhr

Ständige Lockdowns, harte Sparmaßnahmen und verunsicherte Mitarbeiter: Viele Firmenchefs befinden sich momentan zwischen Ohnmachtsgefühlen und permanentem Veränderungsdruck. Zudem stellt das Home Office die Hierarchien in Frage. Wie stark verändert Corona die Führungskultur?

Von Notker Blechner, boerse.ARD.de

Coaches für Manager haben derzeit Hochkonjunktur. Die in Zürich arbeitende Trainerin Katrin Bitterle kann sich vor Anfragen kaum retten. Noch nie zuvor hat sie so viele Manager beraten wie jetzt. "Ich habe mehr Anfragen als sonst."

Viele Chefs seien tief verunsichert und machen sich Vorwürfe, falsch reagiert zu haben. Sie seien in einer Art Schockstarre gefangen, erklärt Bitterle gegenüber tagesschau.de. "Sie fühlen sich erdrückt von der Last der Verantwortung." Die meisten Topmanager, die zu ihr kämen, seien mit der Krisensituation überfordert, meint Bitterle. "Sie können nicht mehr abschalten und kommen selbst am Wochenende nicht mehr aus ihrem Chefmodus heraus."

Katrin Bitterle

Katrin Bitterle

Performance-Kultur macht Top-Manager kaputt

Die Gefahr von Burnouts sei gestiegen, glaubt Bitterle. "Viele Top-Manager wollen performen oder gar überperformen." Nun hinterfragen sie ihr Tun und glauben, als Führungskraft versagt zu haben. "Stress und Selbstvorwürfe zermürben sie."

Als erster Vorstandschef eines Dax-Konzerns hat Elmar Degenhart die Konsequenzen gezogen. Der Chef des Autozulieferers Conti gab vor kurzem seinen Rückzug bekannt und nannte gesundheitliche Gründe. Offenbar konnte er dem Druck nicht mehr standhalten, nachdem er mehrfach tiefe Einschnitte im Konzern bekannt gegeben hatte. Der Autozulieferer stellt weltweit 30.000 Arbeitsplätze in Frage, davon 13.000 in Deutschland, um Kosten zu sparen und wettbewerbsfähig zu bleiben.

Elmar Degenhart

Elmar Degenhart

Rücktritt des Conti-Chefs "mutig"

Trainerin Bitterle hat großen Respekt für Degenharts Entscheidung. In unserer performancegetriebenen Kultur gehöre sehr viel Mut dazu, so etwas zu tun. Nur wenige Top-Manager würden es schaffen, öffentlich zuzugeben, dass sie mit der Krise nicht mehr fertig werden. Oft würden sie aus Angst vor einem Gesichtsverlust an ihrem Job festhalten. Insofern sollte jemand wie Conti-Chef Degenhart Vorbildfunktion haben, findet Bitterle.

Die 34-jährige ausgebildete Betriebswirtschaftlerin und Psychologin empfiehlt den überforderten Top-Managern, auf die Bremse zu treten. "Sie müssen erst mal das System herunterfahren." Zudem sollten sie eine Helikopter-Perspektive einnehmen, also die Situation von oben neutral betrachten. Schließlich gelte es, sich wieder klare jährliche Ziele zu setzen. Das fördere die Motivation und die Innovation.

Manche tun sich schwer mit Videokonferenzen

Die Corona-Krise hat auch die Kommunikation innerhalb der meisten Firmen spürbar verändert. Weil viele Mitarbeiter im Home Office sind, finden Meetings weitgehend virtuell statt. Die meisten Top-Manager haben sich inzwischen darauf eingestellt, ein paar tun sich aber noch schwer damit. Laut einer Studie des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation lehnen zwölf Prozent Home Office ab.

Einer von ihnen ist Trigema-Chef Wolfgang Grupp. Der 78-jährige Textil-Patriarch hat seinen Mitarbeitern Home Office untersagt. Videokonferenzen würden zu viel Zeit kosten, moniert er im "Handelsblatt". Grupp befürchtet Kontrollverlust und Bummelantentum im Home Office.

Wolfgang Grupp, Trigema

Wolfgang Grupp, Trigema

Weniger Produktivität im Home Office?

Tatsächlich gibt es seit Wochen eine Debatte um die Produktivität im Home Office. Laut einer Umfrage des Münchner ifo-Instituts im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen stellten 27 Prozent der Firmen eine gesunkene Produktivität ihrer Belegschaften fest. Nur eine kleine Minderheit von sechs Prozent der befragten Unternehmen fand, dass die Produktivität durch das mobile Arbeiten gestiegen sei.

Eine Umfrage der Boston Consulting Group (BCG) unter 12.000 Angestellten kommt zu einem anderen Ergebnis: Demnach arbeiteten 80 Prozent der Mitarbeiter bei individuellen Aufgaben produktiver. Bei kollaborativen Aufgaben beobachteten 47 Prozent Verbesserungen. "In Firmen, in denen die Mitarbeiter besonders motiviert und mit Ihren Kollegen und Vorgesetzten verbunden waren, erhöhte sich im Home-Office die Produktivität", erklärt Felix Schuler, Partner von BCG, gegenüber tagesschau.de. Er verweist darauf, dass es im Home Office weniger Krankmeldungen und weniger Zeitverlust durch das Pendeln mit dem Auto oder der Bahn gab.

Mit der Digitalisierung sei es für Chefs schwieriger geworden zu führen, vermutet Mario Müller-Dofel, Geschäftsführer des Coaching-Anbieters für Führungskräfte "Dialektik for business". "Wenn man eine Nähe zu den Mitarbeitern schaffen will, braucht man eine räumliche Nähe. Jetzt aber ist Distanz da." Zudem täten sich manche Führungskräfte noch schwer damit, in Videokonferenzen in die Kamera zu sprechen.

Mario Müller-Dofel

Mario Müller-Dofel

Meeting-Kultur wird demokratischer

Dennoch böten das "New Work" oder "Remote Work" neue Möglichkeiten. "Jetzt haben mehr Mitarbeiter Kontakt zum Chef." Denn an den virtuellen Meetings könnten beliebig viele Nutzer teilnehmen. Außerdem scheine sich die Meeting-Kultur zu ändern, hat Trainerin Bitterle festgestellt. "Es wird in Videokonferenzen respektvoller miteinander umgegangen."

Insgesamt seien Unternehmen mit agilem Führungsprinzip, in denen Entscheidungen delegiert werden und die eine hohe Vertrauenskultur aufweisen, bisher besonders gut durch die Corona-Krise gekommen, meint BCG-Berater Schuler. Seiner Ansicht nach ist das ein gutes Viertel aller Firmen. Dagegen würden sich Unternehmen mit ausgeprägter Präsenz-Kultur noch schwerer tun. Schuler ist aber zuversichtlich, dass sich das hierarchiefreiere und funktionsübergreifende Führen zunehmend durchsetzt.

Siemens-Chef plädiert für "andere Führungskultur"

Einzelne Vorstandschefs treiben die Veränderungen voran. Die Coronakrise werde die Führungskultur in der Wirtschaft nachhaltig umkrempeln, meint der designierte Siemens-Chef Roland Busch. Man müsse künftig weniger hierarchisch lenken und interne Silos niederreißen, fordert er.

Roland Busch

Roland Busch, Siemens

Coaches wie Mario Müller-Dofel sehen momentan eine große Aufbruchstimmung in deutschen Vorstandsetagen. "Digitale Führung ist derzeit ein Riesen-Thema meint er. Konzepte für effektives Auftreten bei Videokonferenzen seien stark gefragt. "Viele Führungskräfte sagen: 'Jetzt erst recht!'"