Ein Fahrer des Lieferdienstes Deliveroo | Bildquelle: AFP

Rückzug von Deliveroo Abbestellt

Stand: 13.08.2019 17:02 Uhr

Der Essenslieferdienst Deliveroo verlässt Deutschland. 1000 Fahrer verlieren ihren Job. Absicherung gibt es für sie nicht. Mit dem Wegfall ändert sich der hiesige Markt.

Von Philipp Wundersee, WDR

Keno Böhme war ein sogenannter Rider. Er war ein Fahrer bei Deliveroo, der Essen ausgeliefert hat. Böhme sagt, er habe Deliveroo als knallhart kalkulierendes Unternehmen kennengelernt.

In türkisfarbener Kleidung mit einer Essensbox auf dem Rücken fuhr er mit seinem Rad durch Düsseldorf und lieferte frisches Essen der Restaurants nach Hause. Wertschätzung der Arbeitnehmer sei ein Fremdwort, sagt Böhme.

Bescheid per Mail erhalten

Das Unternehmen informierte die rund 1000 Fahrer in Deutschland per Mail, dass sie am Ende der Woche keinen Job mehr haben werden. Ab dem 16. August will Deliveroo sein Geschäft in Deutschland aufgeben. Das Unternehmen will sich den Angaben zufolge auf wachstumsstärkere Märkte konzentrieren.

Das plötzliche Ende hat viele Fahrer überrascht. "Es geht um 1000 Menschen, die bei Wind und Wetter auf dem Rad sitzen. Und die können ab Freitag kein Geld mehr verdienen", kritisiert Christoph Schink von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). "Jetzt fallen die alle ins Bodenlose, weil es keine Kündigungsfristen gibt. Wir finden nicht, dass die Abfindungen ausreichen."

Seitdem bei Deliveroo ein Betriebsrat eingeführt wurde, habe es das Unternehmen geschafft, die Anzahl der Angestellten deutlich zu reduzieren, so der Gewerkschafter. Befristete Verträge habe es auslaufen lassen. "Bei Deliveroo gibt es keine Arbeitsverträge mehr", sagt Schink. "Das ist ein Problem: Deliveroo spricht von Freelancern, wir sprechen hier von Scheinselbstständigen."

Rechtfertigungen des Unternehmens

Deliveroo habe den Fahrern die Möglichkeit gegeben, diese Woche noch weiter zu arbeiten und Geld zu verdienen, erklärt das Unternehmen. Sie hätten dafür gesorgt, dass die Mitfahrer großzügige Kompensationszahlungen erhalten.

Außerdem rechtfertigt das Unternehmen das Beschäftigungsmodell: "Die Fahrer sind keine Angestellten. Sie haben keine Arbeitsverpflichtungen. Und diese Flexibilität ist vor allem bei Studenten und Menschen mit pflegebedürftigen Angehörigen sehr beliebt."

Deliveroo hat seinen Hauptsitz in London, wurde 2013 gegründet und ist nach dem Ausstieg in Deutschland nun noch in mehr als zehn verschiedenen Ländern aktiv.

Deutscher Markt verändert sich

Der deutsche Markt verändert sich damit jetzt drastisch: Die Lieferando-Mutter Takeaway hatte bereits die deutschen Unternehmen Lieferheld, Foodora und Pizza.de geschluckt. Solche Fusionen können vom Bundeskartellamt nur kontrolliert werden, wenn die Unternehmen im Geschäftsjahr mehr als 500 Millionen Euro umgesetzt haben. Das war hier nicht der Fall.

Mit dem Wegfall von Deliveroo ändert sich der deutsche Markt. "Einen Anlass zum Einschreiten hätten wir erst dann, wenn die Lieferando-Mutter tatsächlich marktbeherrschend wäre und diese starke Stellung missbrauchen sollte, beispielsweise durch Knebelverträge", sagt ein Sprecher der Behörde.

Gerade wegen der hohen Marktkonzentration werde das Bundeskartellamt den Bereich der Online-Essenslieferdienste aber verstärkt im Blick behalten.

Ein Fahrer von Deliveroo in London | Bildquelle: REUTERS
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Ein Deliveroo-Fahrer in London: Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz in der Stadt, wurde 2013 gegründet und ist in mehr als zehn verschiedenen Ländern aktiv.

Sorgen und Befürchtungen

"Ich befürchte eine Verschlechterung der Bedingungen bei Lieferando, einerseits für die Rider und andererseits für die gastronomischen Betriebe", sagt Böhme. Auch die Gewerkschaft NGG rechnet damit, dass die neue Situation auf dem Markt die Verhandlungsposition von Restaurantbetreibern schwächen wird.

Für ihren Dienst zwischen Kunden und Restaurants kassieren die Plattformbetreiber Provisionen. Die Höhe ist Verhandlungssache. Es könnte sich verschlechtern für die Restaurants, wenn sie künftig in vielen Gegenden Deutschlands nur noch einen Anbieter haben.

Gewerkschaftler Schink macht sich Sorgen: "Ich habe mit geschockten Fahrern gesprochen. Das ist eigentlich kein Arbeiten, wie es hier in Europa sein sollte. Wir reden bei den Unternehmen nicht mehr von kleinen Start-ups. Die Fahrer von Lieferdiensten leiden unter Folterinstrumenten prekärer Beschäftigung. Hier ist die Politik endlich gefordert."

Britischer Lieferdienst Deliveroo zieht sich aus Deutschland zurück
Thomas Spickhofen, ARD London
13.08.2019 18:00 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 12. August 2019 um 14:25 Uhr.

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