Das Kohlekraftwerk in Hamburg-Moorburg  | dpa

Stilllegung von Kraftwerken Einstieg in den Kohleausstieg

Stand: 02.01.2021 15:08 Uhr

Im neuen Jahr geht es los mit dem von der Bundesregierung beschlossenen Kohleausstieg - die ersten Blöcke werden de facto abgeschaltet. Wie ist der Fahrplan, wie hoch sind die Kosten - und was bedeutet das für die Stromversorgung?

Martin Polansky, ARD-Hauptstadtstudio

Das Kraftwerk Moorburg in Hamburg ist erst seit 2015 im Betrieb. Zwei große Kraftwerksblöcke, eines der modernsten Kohlekraftwerke in Deutschland. Jetzt gehört es zu den ersten, die abgeschaltet werden - im Zuge des deutschen Kohleausstiegs. Hamburgs grüner Umweltsenator Jens Kerstan zeigte sich erfreut, als Anfang Dezember die bevorstehende Abschaltung klar war. "Das ist heute ein Tag der Befriedigung und Genugtuung. Es wäre besser gewesen, dieses Kraftwerk wäre nie ans Netz gegangen", so Kerstan. "Jetzt nach vielen Jahren harter Auseinandersetzung ist es erreicht."

Martin Polansky ARD-Hauptstadtstudio

Jahrelang hatte der Streit über Moorburg in Hamburg getobt. Er stand exemplarisch für die bundesweiten Debatten über die klimaschädliche Kohleverstromung. Inzwischen ist klar: Deutschland steigt bis 2038 schrittweise aus der Kohle aus. Knapp ein Dutzend Steinkohleanlagen und der Braunkohleblock Niederaußem D im Rheinischen Revier machen den Anfang und dürfen seit dem Jahreswechsel keine Energie mehr vermarkten. 

Wegen Moorburg fürchtet Matthias Boxberger vom Industrieverband Hamburg um die Versorgungssicherheit. "Wenn plötzlich eine der größten Erzeugungsanlagen in Norddeutschland abgeschaltet wird, ist die Frage welche Alternativen die Politik dafür zu bieten hat", sagt Boxberger. "Die sehe ich im Moment noch nicht. Deshalb ist die große Freude darüber, die ich an der einen oder anderen Stelle wahrnehme, total verfrüht."

Zwei Drittel Ökostrom bis 2030

Die Bundesregierung setzt auf einen massiven Ausbau der Erneuerbaren Energien. Zumal Ende 2022 die letzten Kernkraftwerke in Deutschland abgeschaltet werden - und der Strombedarf absehbar eher steigen dürfte. 65 Prozent Strom aus Erneuerbaren Energien im Jahr 2030 ist das Ziel, so SPD-Umweltministerin Svenja Schulze: "Uns ist vollkommen klar, dass wir in Zukunft mehr Energie brauchen werden. Wenn der Verkehr stärker elektrisch läuft, wenn die großen Industrieunternehmen umstellen weg von der Kohle hin zu anderen Energieformen, dann werden wir in der Zukunft mehr Energie brauchen." Deswegen sei das Ziel von 65 Prozent Erneuerbaren im Jahr 2030 der Regierung so wichtig.

Die Hoffnung: Der Ausbau der Erneuerbaren geht fahrplanmäßig voran, während die Kohlekraftwerke nach Fahrplan abgeschaltet werden. Damit die großen Energieunternehmen wie RWE oder die LEAG mitziehen, werden sie für die Abschaltungen entschädigt. Jahrelange Rechtsstreitigkeiten wie beim Atomausstieg sollen nach dem Willen der Bundesregierung so verhindert werden.

Auch die Vordenker des Kohleausstiegs, die Mitglieder der sogenannten Kohlekommission, hatten sich prinzipiell für Entschädigungen ausgesprochen. Zur Kohlekommission gehörten vor allem Vertreter von Wirtschaft, Gewerkschaften und Umweltgruppen. Martin Kaiser hatte für Greenpeace mitgearbeitet. Er hält die Entschädigungen jetzt für zu hoch. "Wie es die Bundesregierung jetzt umgesetzt hat, ist für uns sehr enttäuschend", sagt er. "Weil vor allem die LEAG in den östlichen Bundesländern im Grunde Geld für nichts bekommt. Denn sie steigt erst dann aus der Verbrennung von Braunkohle aus, wie sie sowieso ursprünglich geplant hatte."

Hilfen für Kohleländer

Rund 4,3 Milliarden Euro sollen RWE und die LEAG für die Stilllegung ihre Braunkohleanlagen bis 2038 bekommen. Für Steinkohlekraftwerke wie Moorburg mit dem Betreiber Vattenfall gibt es weniger. Die genauen Summen dafür werden in Ausschreibungsverfahren festgelegt. 

Vereinbart sind zudem Anpassungsgelder für Kohlebeschäftigte und Strukturhilfen für die Länder mit Kohleförderung, also Nordrhein-Westfalen, Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Bis zu 40 Milliarden Euro sollen dafür fließen. Die Bundesregierung lässt sich den Kohleausstieg etwas kosten.

Jetzt geht es also los. Das Kraftwerk Moorburg in Hamburg bleibt nach dem Jahreswechsel aber erst mal betriebsbereit. Denn es muss geprüft werden, ob Moorburg systemrelevant ist für die Netzsicherheit. Wenn nicht, soll das Kraftwerk zum kommenden Juli endgültig abgeschaltet werden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. Dezember 2021 um 13:50 Uhr.