Container-Umschlag am Hamburger Hafen | dpa

ifo-Konjunkturprognose "Wir gehen in eine Winterrezession"

Stand: 12.09.2022 13:34 Uhr

Das ifo-Institut hat seine Konjunkturprognose für dieses und das kommende Jahr drastisch gesenkt. Deutschland werde in eine Winterrezession abrutschen, warnen die Forscher. Unterdessen stieg die Zahl der Unternehmenspleiten.

Das Münchner ifo-Institut hat seine Konjunkturprognose für dieses und das kommende Jahr drastisch gekappt: Im kommenden Jahr erwartet das Institut ein Schrumpfen der Wirtschaftsleistung um 0,3 Prozent, für dieses Jahr nur noch 1,6 Prozent Wachstum. "Wir gehen in eine Winterrezession", erklärte der Leiter der ifo-Konjunkturprognosen, Timo Wollmershäuser. 

Die Kürzungen der Gaslieferungen aus Russland im Sommer und die dadurch ausgelösten drastischen Preissteigerungen verhagelten die wirtschaftliche Erholung nach Corona. Die hohen Inflationsraten ließen die realen Einkommen der privaten Haushalte sowie deren Ersparnisse dahinschmelzen und reduzierten ihre Kaufkraft. "Erst 2024 erwarten wir eine Normalisierung mit 1,8 Prozent Wachstum und 2,5 Prozent Inflation", erklärte Wollmershäuser. 

In diesem Jahr rechnet das ifo mit einer Inflationsrate von 8,1 Prozent. Im kommenden Jahr werde sie auf 9,3 Prozent steigen, so die Prognose. Ihren Höhepunkt werde die Inflation im ersten Quartal 2023 mit etwa elf Prozent erreichen.

Weitere Leitzins-Erhöhungen wahrscheinlich

Das Institut rechnet wegen der hohen Inflation mit weiteren Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank (EZB). Sie dürfte ihn von aktuell 1,25 auf 4,0 Prozent heraufsetzen, so Wollmershäuser. Angesichts einer erwarteten Teuerungsrate von acht oder neun Prozent bliebe dann aber immer noch ein negativer Realzins übrig, der die Konjunktur unterstütze. "Es ist nach wie vor günstig, einen Kredit aufzunehmen", sagte Wollmershäuser. "Aber es ist nicht mehr ganz so günstig, wie das bislang war."

Die EZB hatte am vergangenen Donnerstag die bisher größte Zinsanhebung seit Einführung des Euro-Bargelds im Jahr 2002 beschlossen. Die Währungshüter um EZB-Chefin Christine Lagarde hoben den Leitzins außerordentlich kräftig um 0,75 Prozentpunkte auf 1,25 Prozent an. Zugleich stellten sie weitere Zinsanhebungen in Aussicht. "Ich gehe davon aus, dass weitere Zinsschritte kommen", sagte Wollmershäuser.

Angetrieben vom Energiepreisschub infolge des Ukraine-Kriegs war die Inflationsrate im Euro-Raum zuletzt auf ein Rekordniveau von 9,1 Prozent geklettert. Die EZB strebt eigentlich zwei Prozent an. Sie befürchtet, dass die langfristigen Inflationserwartungen allmählich aus dem Ruder laufen könnten. Denn sollte sich der Preisschub erst einmal in den Köpfen festsetzen, dürfte es für die EZB noch viel schwieriger werden, den Inflationsauftrieb einzudämmen.

Zahl der Unternehmenspleiten gestiegen

Unterdessen ist die Zahl der beantragten Regelinsolvenzen in Deutschland angesichts der hohen Inflation und der Gaskrise im August gestiegen. Nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) legte sie um 6,6 Prozent gegenüber Juli zu. Im Juli war sie noch zum Vormonat um 4,2 Prozent zurückgegangen. Von den Insolvenzverfahren sind 30 Prozent Regelinsolvenzen, zu denen in erster Linie jene von Unternehmen zählen. Dabei ist laut Destatis zu berücksichtigen, dass die Verfahren erst nach der ersten Entscheidung des Insolvenzgerichts in die Statistik einfließen. Der tatsächliche Zeitpunkt des Insolvenzantrags liegt in vielen Fällen annähernd drei Monate davor.

Im ersten Halbjahr haben die deutschen Amtsgerichte nach endgültigen Ergebnissen 7113 beantragte Unternehmenspleiten gemeldet. Das waren 4,0 Prozent weniger als im ersten Halbjahr 2021.

Die voraussichtlichen Forderungen der Gläubiger aus den in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres gemeldeten Unternehmensinsolvenzen bezifferten die Amtsgerichte auf knapp 8,2 Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr 2021 hatten sie bei rund 31,8 Milliarden Euro gelegen, da mehr wirtschaftlich bedeutende Unternehmen insolvent wurden als im ersten Halbjahr 2022.

Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) rechnet für den Herbst mit einer zunehmenden Zahl an Pleiten. Verantwortlich dafür seien in erster Linie stark steigende Preise für wichtige Produktionsfaktoren. Während der Ukraine-Krieg zu höheren Energiekosten führe, seien Unterbrechungen der internationalen Lieferketten für die Verteuerung vieler importierter Vorleistungsgüter verantwortlich. Die von der Europäischen Zentralbank (EZB) ausgerufene Zinswende werde überdies die Refinanzierungskosten der Unternehmen erhöhen. Ein Kostenfaktor für viele Firmen sei auch die Mindestlohnanhebung ab Oktober.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 12. September 2022 um 11:00 Uhr.