"Zimmer frei"-Schild an einem Hotel (Archivbild) | dpa

Beherbergungsverbote Hotels beklagen Stornierungswelle

Stand: 12.10.2020 17:00 Uhr

Verunsicherte Gäste, frustrierte Hoteliers - die umstrittenen Beherbergungsverbote belasten den Inlandstourismus. Werden die neuen Corona-Regeln der Länder zum Jobkiller im Gastgewerbe?

Philipp Jaklin

Von Philipp Jaklin, tagesschau.de

Gästen hinterhertelefonieren, die aus einem Corona-Risikogebiet anreisen - das muss Paul Berberich nicht mehr. Ein Beherbergungsverbot gilt auch im baden-württembergischen Neckar-Odenwald-Kreis, wo sein Hotel Frankenbrunnen 38 Jahre lang vor allem Gäste aus dem Inland bewirtete. Doch seit vergangener Woche ist Schluss. Berberichs Familienbetrieb musste Insolvenz anmelden.

"Seit Mitte September haben wir nur noch Stornierungen bekommen", sagt Berberich. Steigende Infektionszahlen verschreckten die Hauptklientel des 27-Zimmer-Hauses: die "Best-Ager", reiselustige Senioren, die sich im Bus den Odenwald zeigen und am Abend Spezialitäten-Menüs auftischen ließen. "Keiner wollte mehr eine Busreise unternehmen. Da mussten wir die Reißleine ziehen."

Nur noch 40 Prozent Auslastung

Ein, zwei Monate hätte sein Hotel vielleicht noch durchgehalten, auch dank finanzieller Hilfen vom Staat, sagt Berberich. Doch im Schnitt habe die Auslastung selbst in der Saison nur noch bei rund 40 Prozent gelegen - statt normalerweise 90 Prozent. Das Geschäft lasse sich überhaupt nicht mehr planen, deswegen habe er keine Perspektive für sein Unternehmen gesehen. Seinen sechs Mitarbeitern steht die Kündigung bevor.

Das Hotel Frankenbrunnen gehört zu den Betrieben des Gastgewerbes, die ohnehin besonders hart getroffen worden sind von der Corona-Krise - und denen die Beherbergungsverbote in vielen Bundesländern nun die letzte Hoffnung auf baldige Besserung rauben. Wer in Corona-Zeiten noch reist, reist durchs eigene Land, hieß es bislang. Seit immer mehr deutsche Metropolen als Risikogebiete gelten, hat auch das Inland den Status einer Gefahrenzone. Mit möglicherweise fatalen Folgen für die Hotellerie.

Eine "heftige Stornierungswelle" sei gerade zu beobachten, sagt Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des Branchenverbands Dehoga. Zu abschreckend seien die harten Auflagen für Reisende, die etwa einen höchstens 48 Stunden alten negativen Corona-Test vorweisen müssen, wenn sie zum Beispiel aus Berlin oder Bremen kommen. "Die Lage ist ernst", so Hartges. "Ich habe sehr besorgte Unternehmer am Telefon."

Die Beherbergungsverbote seien unverhältnismäßig und brächten nichts, kritisiert Hartges. Die Hotels hätten massiv investiert in Corona-Schutz und Hygienemaßnahmen. Es gebe keine Hinweise darauf, dass Reisen durch Deutschland nennenswert zu einem Anstieg der Infektionszahlen beigetragen hätten.

Der Reisekonzern TUI spricht von einer großen Verunsicherung seiner Gäste. Auch seien Zimmer wieder abbestellt worden. Allerdings gebe es gleichzeitig neue Buchungen von Gästen aus Regionen mit einem eher geringen Anstieg der Infektionszahlen. Insgesamt sei ein "Trend zur Last-Last-Minute-Buchung" zu beobachten, heißt es bei dem Unternehmen, dem in Deutschland sieben Hotels gehören.

Städte/Landkreise mit höchstem Inzidenzwert (RKI; Stand 12.10, 0.00 Uhr)

  • 1. Berlin-Neukölln (142,3)
  • 2. Berlin-Mitte (106,1)
  • 3. Herne (86,3)
  • 4. Berlin-Tempelhof-Schöneberg (85,4)
  • 5. Cloppenburg (81,4)
  • 6. Bremen (79,5)
  • 7. Offenbach (77,4)
  • 8. Esslingen (74,4)
  • 9. Hagen (72,6)
  • 10. Regen (72,3)

Insgesamt liegen laut RKI 30 Städte/Landkreise über dem 50er-Wert.

Prominente Opfer der Krise

Schon das erste Halbjahr verlief katastrophal für die Branche - die allerdings auch die Folgen des kompletten Lockdowns verkraften musste. Um mehr als 47 Prozent brach die Zahl der Übernachtungen ein, fast 127.000 Betriebe meldeten Kurzarbeit an. So manches Haus fiel der Krise zum Opfer, darunter Hotels an prominenter Adresse wie der Hessische Hof in Frankfurt oder das Sofitel Berlin-Kurfüstendamm.

Droht nun eine deutschlandweite Welle von Hotel-Pleiten? Insbesondere in den Städten könnten die Beherbergungsverbote die Krise deutlich beschleunigen, glaubt Hartges. "Es kommt im Moment kein neues Geschäft herein." Der Odenwald-Hotelier Berberich befürchtet, dass die Krise die Branche "noch viele Arbeitsplätze kosten" wird.

Auch der Tourismusforscher Helmut Wachowiak hält Beherbergungsverbote für ein "gravierendes Problem", vor allem für kleine und mittelständische Betriebe. Auf das Geschäft mit dem Inlandstourismus in den Herbstferien habe die Branche große Hoffnungen gesetzt. Nun sei die Verunsicherung groß, zumal derartige Einschränkungen für Reisen durchs eigene Land nicht zu erwarten gewesen seien.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier macht dem Gastgewerbe indes Hoffnung auf zusätzliche Hilfen. Er wolle nicht, dass "Familienbetriebe aufgeben und verschwinden und wir am Ende vielleicht nur noch Fast-Food-Ketten haben". Nach massiver Kritik auch aus der Politik sollen die Beherbergungsverbote am Mittwoch erneut Thema sein, wenn Kanzlerin Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten der Länder berät.

Mehrere Klagen

Zur Unterstützung der Betriebe wäre zum Beispiel denkbar, dass der Bund die Überbrückungshilfen für Kleinbetriebe über den 31. Dezember hinaus verlängert. Dehoga-Geschäftsführerin Hartges fordert eine komplette Aufhebung der Beherbergungsverbote. Sollte das nicht durchzusetzen sei, müsse es wenigstens klare und nachvollziehbare Regeln für ganz Deutschland geben. "Die Betriebe müssen wissen, woran sie sind."

Ansonsten hoffen die Hotels nun auf die Gerichte. Hartges zufolge haben mehrere Betriebe eine Klage gegen die Beherbergungsverbote in Arbeit. Eine sei bereits eingereicht worden.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 12. Oktober 2020 um 15:02 Uhr.