VW-Autos beim Händler | Bildquelle: picture alliance / Geisler-Fotop

Skandal bei Volkswagen Fünf Jahre "Dieselgate" - und heute?

Stand: 18.09.2020 08:20 Uhr

Am 18.09.2015 wurde der bislang größte Industrieskandal in der bundesdeutschen Geschichte bekannt: "Dieselgate". Er kostete allein den VW-Konzern rund 32 Milliarden Euro und beschäftigt die Autobranche bis heute.

 Von Arne Meyer-Fünffinger, ARD-Hauptstadtstudio 

Am 3. September 2015 knickt VW in den USA ein: "Volkswagen hat in dem Gespräch das Defeat Device vollständig zugegeben", schreiben zwei VW-Mitarbeiter aus den USA an einen größeren E-Mail-Verteiler im Unternehmen. Über Monate hatten sie der US-Umweltbehörde EPA in vielen Gesprächen zu erklären versucht, warum Diesel-Fahrzeuge des Konzerns auf der Straße deutlich mehr Schadstoffe ausstoßen als auf dem Prüfstand. Ohne Erfolg.

Forscher der Universität West Virginia waren dem deutschen Hersteller 2014 bei Testfahrten auf die Schliche gekommen. "Eine fundierte Erklärung für die dramatisch erhöhten NOx-Emissionen kann den Behörden nicht gegeben werden", notiert ein hochrangiger VW-Manager schon damals in einer internen Notiz, die für die Konzernspitze gedacht ist.

Winterkorn: Keine frühe Kenntnis von den Manipulationen? 

Aber die Wolfsburger VW-Bosse geben sich nach außen hin ahnungslos. Kurz nachdem die EPA am 18. September 2015 in ihrer "Notice of Violation" die Manipulationen öffentlich macht, äußert sich der damalige Konzernchef Martin Winterkorn per Videobotschaft: "Die Unregelmäßigkeiten bei Diesel-Motoren unseres Konzerns widersprechen allem, für was Volkswagen steht. Auch ich habe zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht die Antworten auf alle Fragen."

Bis heute lautet die offizielle Version des Konzerns: Winterkorn habe keine frühzeitige Kenntnis gehabt. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig sieht das anders. Sie klagt Winterkorn und vier weitere VW-Verantwortliche an. Seit wenigen Tagen ist klar, dass sich der frühere Konzernchef vor Gericht verantworten muss: wegen des Vorwurfs des "gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs", so das Landgericht Braunschweig.

"Keine Waffengleichheit"

Der sogenannte Abgas-Untersuchungsausschuss im Bundestag beschäftigt sich von Juli 2016 an mit der Frage, ob zum Beispiel das Kraftfahrtbundesamt im Vorfeld des Skandals zu nachlässig umgegangen ist mit VW und Co. Für den Grünen-Verkehrsexperten Oliver Krischer, der für seine Fraktion im Untersuchungsausschuss gesessen hat, liegt rückblickend in der mangelhaften Personalausstattung des KBA ein zentraler Grund für den Skandal: "Im Kraftfahrtbundesamt haben 2015 vier Mitarbeiter sämtliche Typengenehmigungen, 800 an der Zahl, für die gesamte Industrie überwacht. Das KBA ist zwar inzwischen im Bereich der Abgasmessung besser geworden, aber es herrscht nach wie vor keine Waffengleichheit mit der Autoindustrie."

Letztere gerät nach und nach in den Sog des Skandals: VW, Audi, Porsche - in immer mehr Diesel-Modellen stellen die Behörden unzulässige Abschalteinrichtungen fest. Zunächst in den USA, dann auch in Europa. Noch im September 2015 setzt der damalige Bundesverkehrsminister eine Untersuchungskommission ein, um sich auch die Modelle anderer Hersteller anzusehen.

Der damalige Daimler-Chef Dieter Zetsche betont im November 2015 unmissverständlich: "Wir haben bei Daimler nie betrügerische Software eingesetzt und werden das auch nicht tun". Heute ist klar: Diese Aussage war falsch. Denn auch bei Modellen des Stuttgarter Herstellers weisen die Behörden unzulässige Abschalteinrichtungen nach. Auch an BMW geht das Thema nicht spurlos vorbei.

400.000 Autos noch heute ohne Update

Auf einem Diesel-Gipfel im August 2017 verspricht die Autoindustrie, für 5,3 Millionen Diesel-Fahrzeuge bis Ende 2018 Software-Updates zu entwickeln - um die Autos sauberer zu machen, den Stickoxidausstoß zu senken und die Luftqualität in den Städten zu verbessern. Diese Zusage schraubt die Branche sogar noch auf 6,3 Millionen Updates hoch. Stand heute haben nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums 400.000 Fahrzeuge noch immer kein Update erhalten. Das KBA habe die von den Herstellern vorgelegte Software allerdings bereits freigegeben, erklärt das CSU-geführte Bundesverkehrsministerium auf BR-Anfrage.

Hardware-Nachrüstung wird zum Ladenhüter

Eine weitere, zwischen den Herstellern und der Bundesregierung verabredete Maßnahme entwickelt sich nach Informationen von BR Recherche zum Ladenhüter: die Nachrüstung von Diesel-PKA mit einem zusätzlichen Katalysator-System. Daimler und VW unterstützen Fahrzeughalter, die sich für eine "Hardware-Nachrüstung" entscheiden, mit bis zu 3000 Euro. 

Allerdings ist die Nachfrage gering. Bei VW sind nach Angaben eines Sprechers 85 Anträge auf einen Zuschuss eingegangen, bei Daimler sind es 550. "Die zukünftige Nachfrage hängt aus unserer Sicht von einer Reihe von unsicheren Faktoren ab - insbesondere davon, ob es zonale Fahrverbote für Euro-5-Diesel-Fahrzeuge in großen Städten geben wird", teilt ein Daimler-Sprecher dem BR schriftlich mit. Und er ergänzt: "Die öffentlichen Diskussionen und die rechtlichen Verfahren rund um den Diesel werden die Branche und unser Unternehmen noch länger beschäftigen."

Über dieses Thema berichtete BR24 am 18. September 2020 um 07:09 Uhr.

Korrespondent

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Arne Meyer-Fünffinger, BR

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