Eine Frau mit Gesichtsmaske steht an einem Gemüsestand

Neue Einreisebestimmungen Droht ein Obst- und Gemüse-Engpass?

Stand: 25.01.2021 16:29 Uhr

In der Corona-Krise greifen immer mehr Deutsche zu gesunden Lebensmitteln wie frischem Obst und Gemüse. Nun drohen wegen verschärfter Einreisebedingungen leere Regale.

Von Till Bücker, tagesschau.de

Obst und Gemüse liegen derzeit im Trend. Durch die härtere Corona-Einreiseverordnung sieht der Deutsche Fruchthandelsverband die Versorgung aus dem Ausland nun allerdings gefährdet. "Wir befürchten durch die verschärften Einreisebedingungen einen Engpass", sagte Geschäftsführer Andreas Brügger gegenüber tagesschau.de.

Andreas Brügger

Der Geschäftsführer des Fruchthandelsverbands, Andreas Brügger, warnt vor einem Engpass bei Obst und Gemüse.

Denn Deutschland sei angewiesen auf Einfuhren. 80 Prozent des Obstes und 60 Prozent des Gemüses komme aus anderen Ländern. Ein bedeutender Hauptlieferant sei Spanien - seit Sonntag überraschend als Hochinzidenzgebiet mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von deutlich über 200 eingestuft.

"In Hochinzidenzgebieten ist eine Anmeldung der Lkw-Fahrer sowie ein PCR-Test nötig", erklärt Brügger. Eine Ausnahme für die Testpflicht gebe es bei einem Aufenthalt von weniger als 72 Stunden. Das Problem: Sollte ein Land unter die Virusvarianten-Gebiete fallen, gelte selbst diese Regel nicht mehr.

Lange Schlangen und verderbliche Ware

Das scheint bei Spanien nicht unwahrscheinlich. Am Montag erklärte das Robert Koch-Institut bereits Nachbarland Portugal zu solch einem Gebiet, in dem mit einem besonders hohen Infektionsrisiko durch ein verbreitetes Auftreten bestimmter Virusvarianten gerechnet wird.

"Falls es so kommt, gehen wir von riesigen Schlangen an den Grenzübergängen aus", so der Geschäftsführer des Fruchthandelsverbands. Jeder Fahrer müsse dann vor Ort einzeln kontrolliert werden. Da Frischware aber verderblich sei, sei der Transport somit umsonst und es drohe ein Engpass.

Tests im Waren- und Güterverkehr seien auch darüber hinaus nicht sinnvoll. Die Fahrer sollen laut Brügger schließlich überhaupt nicht absteigen, sondern die Lebensmittel lediglich transportieren. Dazu komme, dass es auch ohne die neuen Bestimmungen aufgrund schlechter Bezahlung und harter Bedingungen schwierig sei, geeignete Fahrer zu finden.

Einkaufsmengen drastisch gestiegen

Dabei erfreuen sich gesunde und nachhaltige Lebensmittel in der Corona-Krise wachsender Beliebtheit. In einer Umfrage des Berliner Marktfoschungsinsituts POSpulse gab im August fast ein Fünftel der Befragten an, mehr Obst und Gemüse zu kaufen als vor der Pandemie.

Auch dem Marktforschungsinsitut GfK zufolge achten die Menschen mehr auf frische Produkte und ernähren sich gesünder. Die Einkaufsmenge von Gemüse stieg demnach im vergangenen Jahr um zehn Prozent. Bei Obst waren es 3,5 Prozent. In einzelnen Monaten fiel das Plus noch höher aus. Allein im Dezember ist die Menge von Obst laut GfK um 15 Prozent nach oben geklettert.

"Insgesamt sind die Einkaufsmengen von Lebensmitteln gestiegen, weil die Restaurants zeitweise geschlossen waren und die Menschen mehr kochen", erklärt Hans-Christoph Behr, Abteilungsleiter Gartenbau bei der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft, im Gespräch mit tagesschau.de. Dabei hätten Obst und Gemüse mehr profitiert als andere Nahrungsmittel. "Die Verbraucher kochen frisch - im Gegensatz zu vielen Restaurants", so Behr. Deshalb sei besonders Gemüse im Trend.

Abhängigkeit von Einfuhren

Nun drohen allerdings leere Regale. Denn gerade bei Frischobst sei Deutschland auf Einfuhren angewiesen. "Nur drei von den zehn meist verkauften Arten werden regional und kommerziell angebaut", sagt Behr. Das seien Äpfel, Birnen und Erdbeeren. Die Inlandsernte betrage lediglich 1,2 bis 1,5 Millionen Tonnen. Davon werde ein großer Teil sogar noch weiterverarbeitet. Schätzungsweise 5,4 Millionen Tonnen werden dem Experten zufolge dagegen jährlich importiert.

Hans-Christoph Behr, Abteilungsleiter Gartenbau, Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI)

Agrar-Experte Hans-Christoph Behr betont die Abhängigkeit vom Ausland bei Gemüse und Obst.

Bei Frischgemüse sei die Selbstversorgung mit einer Inlandsernte von 3,5 bis vier Millionen Tonnen deutlich höher. Die Einfuhrmenge liege bei etwa 3,3 Millionen Tonnen pro Jahr.

Dennoch: Bei beiden Lebensmitteln sei eine Abhängigkeit von anderen Ländern vorhanden, so Behr. Und die Versorgung hänge letztlich davon ab, wie reibungslos das Frischobst und -gemüse über die Grenzen kommt.

Verband fordert einheitliche Regelungen

"Innerhalb Europas muss ein gesicherter Waren- und Güterverkehr für lebensnotwendige Lebensmittel gewährleistet sein", betont Brügger. Gemeinsam mit anderen Verbänden habe man die Bundesregierung frühzeitig auf die möglichen Konsequenzen hingewiesen, "leider ohne Ergebnis".

Der Verband forderte europaweit verbindliche Regelungen, wie sie mit der Green-Lanes-Richtlinie der Europäischen Union bereits definiert seien. Diese sieht Grenzübergänge innerhalb der EU mit Sonderfahrspuren vor, die eine schnelle Durchfahrt von Güterfahrzeugen ermöglichen.

Agrar-Experte Behr sieht die Situation eher gelassen: "Eigentlich müsste in Kürze eine Lösung gefunden werden." Nicht umsonst gebe es politische Appelle, mehr Obst und Gemüse zu kaufen. Und wenn die Einfuhr offen ist, seien auch keine Engpässe zu befürchten.

Der Handel sieht ebenfalls noch keine große Gefahr. "Die Belieferung der Lebensmittelgeschäfte mit frischem Obst und Gemüse ist nach unseren Erkenntnissen gesichert. Versorgungsengpässe sehen wir momentan nicht", sagte ein Sprecher des Handelsverbandes Lebensmittel (BVLH) der Deutschen Presse-Agentur. Auch große Handelsketten gaben zunächst Entwarnung. Dass es durch die neuen Bestimmungen doch noch zu Beeinträchtigungen im Warenfluss kommen könnte, wollte der Handelsverband Lebensmittel allerdings nicht ausschließen.