Recep Tayyip Erdogan | Bildquelle: AP

Boykottaufruf gegen Frankreich Will Erdogan von eigenen Problemen ablenken?

Stand: 26.10.2020 18:39 Uhr

Mit seinem Aufruf, französische Güter wegen der Haltung des Landes zu Mohammed-Karikaturen zu boykottieren, sorgt der türkische Präsident Erdogan für Unruhe. Will er so von der eigenen wirtschaftlichen Schwäche ablenken?

Von Uwe Lueb, ARD-Studio Istanbul

Der Präsident der Türkei, Recep Tayyip Erdogan, ist empört. Angefacht wurde sein Zorn von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der nach dem islamistisch motivierten Mord an einem französischen Lehrer mehr Kontrollen in Moscheen und anderen muslimischen Einrichtungen angekündigt hat. Erdogan sieht darin einen feindseligen Akt gegen Muslime in Europa.

Zeit, sich zu wehren, meint er - und ruft seine Landsleute auf, Frankreich in die Schranken zu weisen: "Ich appelliere jetzt an meine Bürger: So, wie in Frankreich dazu aufgerufen wird, Waren 'made in Turkey' zu boykottieren, so will ich meine eigenen Bürger dazu auffordern, keine französischen Waren zu kaufen!" Erdogan schließt sich damit dem Boykottaufruf von Demonstranten in einigen arabischen Ländern vom Wochenende an.

alt Die Tricolore weht vor dem Eiffelturm in Paris, Frankreich. | Bildquelle: dpa

Französische Wirtschaft gibt sich prinzipientreu

Vertreter der französischen Wirtschaft stellen sich hinter den Kurs von Präsident Macron. So erklärt der Chef des Arbeitgeberverbandes, Geoffroy Roux de Bézieux: "Wir müssen unsere Prinzipien über die Möglichkeit stellen, unsere Geschäfte zu entwickeln." Der einflussreiche Wirtschaftsvertreter hat die französischen Unternehmen angesichts der Boykottaufrufe in der islamischen Welt wörtlich dazu aufgerufen, der Erpressung zu widerstehen und den Boykott zu erdulden. Die Türkei ist ein großer Handelspartner Frankreichs und ein wichtiger Absatzmarkt etwa für den Autobauer Renault.

Mit Informationen von Marcel Wagner, ARD-Studio Paris

Wem schadet Erdogan: Frankreich oder der Türkei?

Dabei schadet ihm - beziehungsweise seinem Land - so eine Wirtschaftsattacke vermutlich am ehesten selbst. Denn die Probleme der Türkei sind groß - allen voran die immer weiter verfallende Landeswährung Lira. Der Wirtschaftswissenschaftler Baris Soydan sieht hier einen Zusammenhang mit der Politik Erdogans. Er nennt zwei Gründe für die Äußerungen des türkischen Präsidenten: auf der einen Seite wirtschaftliche, auf der anderen außenpolitische.

"Am vergangenen Wochenende hat Staatspräsident Erdogan harsche Worte gegenüber Frankreichs Präsident Macron und gegenüber den USA geäußert", ruft Soydan in Erinnerung. "Macron bezeichnete er als einen Kandidaten für eine psychologische Behandlung - eine Antwort auf harte Äußerungen Macrons gegen die Türkei." Die USA wiederum habe Erdogan aufgefordert, mit angedrohten Sanktionen nicht länger zu warten: "Wegen der S400-Angelegenheit", sagt Soydan, und meint das russische Raketenabwehrsystem, das die Türkei gekauft hat. Die NATO-Partner lehnen dieses System ab, und die USA haben gar mit Sanktionen gedroht. Erdogan gibt sich unbeeindruckt und provoziert sogar, die USA sollten ihre Sanktionen doch ruhig verhängen. Investoren schreckt so eine Politik ab - zum Schaden der Landeswährung, der türkischen Lira.

Zinspolitik "politisch motiviert"?

Doch die leidet auch noch aus einem weiteren Grund, sagt Wirtschaftsfachmann Soydan: "Der zweite Grund ist der Verzicht der türkischen Nationalbank auf eine Anhebung des Leitzinssatzes vergangene Woche." Erwartet worden sei aber das Gegentei, denn: "In der Türkei haben wir 11,75 Prozent Inflation - bei einem politischen Zins der Nationalbank von 10,25 Prozent, also weit unterhalb der Inflationsrate."

Für das Vertrauen in die Lira sei das Gift, sagt Soydan. Denn nicht nur Investoren, auch Normalbürger legten ihr Geld bei einem so hohen  Wertverlust der Lira lieber in US-Dollar und Euro an. Stiegen andererseits die Leitzinsen, wäre auch das ein weiterer Hemmschuh für Investoren. Die Fachleute in der Nationalbank hätten die Zinsen vielleicht trotzdem erhöht, aber nach Ansicht Soydans tun sie nichts gegen den Willen Erdogans.

"Die Geldpolitik in der Türkei wird weitgehend nicht von der Nationalbank, sondern von der Regierung Erdogans bestimmt. Die Nationalbank ist nicht unabhängig", konstatiert Soydan. Der Zorn Erdogans könnte da ein schlechter Ratgeber sein - ebenso, wie die Ursache der türkischen Probleme ausschließlich im Ausland zu sehen.

Erdogan bezeichnet europäische Politiker als islamfeindlich
tagesschau 20:00 Uhr, 26.10.2020, Katharina Willinger, ARD Istanbul

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Erdogan überdeckt schlechte Wirtschaftslage mit Außenpolitik
Uwe Lueb, ARD Berlin
26.10.2020 18:08 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. Oktober 2020 um 20:00 Uhr.

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Uwe Lueb, SWR

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