Corona-Testcenter auf dem Münchner Flughafen | dpa

Strategie der Flugbranche Massentests statt Impfpflicht

Stand: 19.01.2021 08:28 Uhr

Dürfen bald nur noch Geimpfte in den Urlaub fliegen? Airlines und Flughäfen verfolgen einen anderen Ansatz: Aus ihrer Sicht sind Massentests der Schlüssel.

Von Till Bücker, tagesschau.de

Parkende Flugzeuge, leere Flughäfen und verschobene Urlaubsplanungen: Eine der größten Verliererinnen der Corona-Krise ist die Flugbranche. Massive Reisebeschränkungen überall auf der Welt haben das Passagieraufkommen auf ein Minimum schrumpfen lassen.

Deutschlands größter Flughafen in Frankfurt meldete zuletzt historisch niedrige Zahlen: 2020 waren im Vergleich zum Rekordjahr 2019 nur ein Viertel der Fluggäste am Frankfurter Airport unterwegs. Die Pandemie werfe den Flughafen um Jahrzehnte zurück, teilte der Betreiber Fraport mit. Es wurden lediglich 18,8 Millionen Passagiere gezählt - ein Rückgang von 73,4 Prozent. Zuletzt war 1984 so wenig los.

Passagieraufkommen auf Niveau der 1980er Jahre

In ganz Deutschland befinden sich die Flughäfen in einer prekären Situation. Nach Angaben des Flughafenverbands ADV verlieren sie pro Tag Einnahmen von mehr als zehn Millionen Euro. Eine Trendwende sei bei einem anhaltenden Passagierrückgang von über 90 Prozent derzeit nicht in Sicht.

"Im Jahr 2020 werden wir im Passagieraufkommen mit weniger als 65 Millionen Passagieren auf das Niveau der späten 1980er-Jahre zurückgeworfen", sagte ADV-Hauptgeschäftsführer Ralph Beisel gegenüber tagesschau.de. Sowohl die anlaufenden Impfungen als auch verbesserte Teststrategien für Reisende würden allerdings zu einer Wiederbelebung des Luftverkehrs in der zweiten Jahreshälfte beitragen.

Auch Fraport-Chef Stefan Schulte erwartet ab Sommer eine "deutliche Belebung des Passagierverkehrs". Dennoch dürfte das Fluggastaufkommen seiner Schätzung zufolge nur 35 bis 45 Prozent des Rekordjahres 2019 erreichen.

Langfristig gesehen bleibt die Branche optimistisch. Denn: "Die Menschen möchten mobil sein und reisen - insbesondere, was den Freizeit- und Ferienverkehr betrifft", sagt Beisel. Gerade in Zeiten der Beschränkung der persönlichen Freiheit sei das deutlich zu spüren.

Ralph Beisel, Hauptgeschäftsführer des Flughafenverbands ADV

Ralph Beisel, Hauptgeschäftsführer des Flughafenverbands ADV, setzt große Hoffnungen auf die Impfungen.

Impfpflicht bei Flugreisen?

Trotzdem bleibt die Frage: Wie wollen die Flughäfen und Airlines Reisende und Regierungen wieder vom Fliegen überzeugen? Welche Strategie soll eine möglichst risikoarme Reise gewährleisten? Vielleicht ein Impfnachweis?

Zuletzt hatte die Debatte über Lockerungen für Geimpfte auch die Flugbranche erreicht. Der Chef der australischen Fluggesellschaft Quantas, Alan Joyce, kündigte bereits vor einigen Monaten eine Impfpflicht für internationale Flüge seiner Airline an.

Viele Deutsche sehen das offenbar ähnlich. So ergab eine aktuelle Civey-Umfrage für Tagesspiegel Background, dass sich eine knappe Mehrheit für einen Impfausweis beim Fliegen ausspricht.

Tests statt Impfnachweis

Die Bundesregierung lehnte solche Maßnahmen bislang ab. Auch in der Flugbranche mehren sich kritische Stimmen, die einer Impfpflicht für Reisen entschieden entgegentreten. Lufthansa-Chef Carsten Spohr etwa betonte im Interview mit der "Welt am Sonntag", dass es bei Deutschlands größter Airline Lufthansa keine solche Regelung geben solle.

Statt auf einen Impfnachweis setzen sowohl die Politik als auch die Branche auf Tests. Derzeit sind die Reisebedingungen für Fluggäste abhängig von den Einreisebestimmungen des jeweiligen Staates. In Deutschland müssen sich Menschen aus Risikogebieten laut Bund-Länder-Beschluss seit vergangener Woche unmittelbar bei der Einreise testen lassen - zusätzlich zur bestehenden Quarantänepflicht.

Um ihre alten Fluggastzahlen zurückzugewinnen, wollen die Flughäfen und Airlines neben den Hygieneauflagen und Abstandsregeln Schnelltests integrieren. "Wir arbeiten mit Hochdruck daran, zu den bereits bestehenden Testmöglichkeiten zusätzliche umfassende Testkapazitäten inklusive Schnelltests nachhaltig zu etablieren", sagte ein Sprecher des Flughafens Köln/Bonn der Deutschen Presse-Agentur.

Schon in der vergangenen Woche hatte auch der Düsseldorfer Flughafenchef Thomas Schnalke erklärt, das Testen im Terminal müsse ein normaler Schritt werden. Er halte es für möglich, bis zu 70.000 Passagiere am Tag zu testen. Ab Ende Januar werde dort wie auch an den Flughäfen Hamburg und Frankfurt ein Antigen-Test, dessen Ergebnis nach 20 bis 30 Minuten vorliegt, verfügbar sein, teilte der Betreiber des Testzentrums, Centogene, nun mit. Zudem erweitere das Unternehmen die Anzahl der Testkabinen und ziehe in ein weitläufigeres Areal.

Carsten Spohr

Lufthansa-Chef Carsten Spohr spricht sich gegen eine Impfpflicht aus.

Pilotprojekte in Gange

Erste Projekte mit Massen-Schnelltests führten einige Airlines bereits durch. Lufthansa startete im November auf ausgewählten Verbindungen zwischen München und Hamburg Probeläufe für flächendeckende kostenlose Schnelltests. Nach erfolgtem Test bekamen die Kunden innerhalb von 30 bis 60 Minuten ihr Ergebnis. War es negativ, so wurde die Bordkarte freigeschaltet und der Zutritt zum Flugsteig ermöglicht.

Die erste Phase ist mittlerweile abgeschlossen - nach Lufthansa-Angaben wurden rund 2000 Passagiere getestet. Nun solle das Ganze weiter beschleunigt und in die IT eingebaut werden.

Auch Condor hatte Anfang November die Passagiere des ersten Winterfluges von Frankfurt nach Varadero (Kuba) auf freiwilliger Basis testen lassen, um den konkreten Ablauf und die benötigte Zeit zu ermitteln. Die Fluglinie könne sich künftig auch die Integration in den Buchungsprozess vorstellen, so eine Unternehmenssprecherin.

"Testen, testen, testen"

"Letztlich heißt die Lösung: testen, testen, testen - so schnell es geht", sagte ein Sprecher des Flughafens München im Gespräch mit tagesschau.de. Ohne vielfältige Tests und ein etabliertes Verfahren käme die Branche nicht weiter. Dabei wäre eine europäische Zusammenarbeit wünschenswert.

Die Weiterentwicklung von Schnelltests sei ein richtiger Weg. Denn mit einem negativen Test könne bedenkenlos geflogen werden, so der Flughafensprecher. Der Airport hofft auf eine Aufhebung der Reiserestriktionen. Dafür müsse allerdings erst einmal die Zahl der Neuinfektionen sinken: "Wir erwarten eine zögerliche Entwicklung. Wie es weitergeht, steht in den Sternen."

Auch in Frankfurt sei die Testpflicht mit den Testzentren am Flughafen durchsetzbar, sagte eine Fraport-Sprecherin gegenüber tagesschau.de. Zudem befinde sich das Unternehmen bei den Schnelltests in einem kontinuierlichen Austausch und prüfe Möglichkeiten, um einen möglichen Prozess für Massentests aufzusetzen.