Passanten in der leeren Frankfurter Innenstadt |

Nach Corona-Beschlüssen Die Sorgen und Nöte des Einzelhandels

Stand: 26.11.2020 15:47 Uhr

Corona-Beschränkungen nun auch wieder im Einzelhandel - und das in der Vorweihnachtszeit. Vor allem Geschäfte in den Innenstädten fürchten nun um ihre Existenz.

Von Alex Jakubowski, HR

Die Fichte "Bertl", was für eine traurige Figur. Eigentlich sollte der neue Weihnachtsbaum auf dem Frankfurter Römerberg ein Zeichen der Hoffnung sein. Doch weil das Nadelholz zu klein und zu hässlich ist, sorgt es in Stadt und Internet für Spott. Ein kleiner Trost nur, dass wegen Corona ohnehin kaum Menschen unterwegs sind.

Alex Jakubowski
Der Römerberg in Frankfurt mit dem Weihnachtsbaum am Abend | dpa

Frankfurter Römerberg: Wo sonst ein Weihnachtsmarkt stattfindet, steht in diesem Jahr nur Fichte "Bertl". Bild: dpa

Nur wenige Meter weiter hat man ohnehin schon wenig zu lachen. Auf der nach Umsatz gemessen drittgrößten Einkaufsstraße Deutschlands, der Zeil, ist seit Monaten Totentanz. In der Pendler- und Messestadt Frankfurt am Main bleiben die Tagesbesucher aus. Auch die Touristen kommen seit Corona nicht mehr.

Per Laser misst die Wirtschaftsförderung der Stadt, wieviele Passanten hier am Tag entlang flanieren. Waren es vor dem Lockdown im Februar noch fast 9500 Menschen pro Stunde, ging diese Zahl auf 900 herunter und hat sich auch in den vergangenen Wochen fast halbiert. Natürlich mit weitreichenden Folgen für den Einzelhandel der Straße.

Umsatz geht gegen Null

"Der Umsatz geht in Teilen gegen Null", sagt Joachim Stoll, der Vorsitzende des Handelsverbands in Frankfurt. "Für Sport oder Homeoffice wird zwar durchaus eingekauft, aber generell ist der Handel stark betroffen. Vor allem Bekleidungs- und Schuhgeschäfte leiden."

Doch nicht nur hier sind die Sorgen groß. Der Bundesverband des Einzelhandels stellt fest: "Der November hat viele innerstädtische Händler in den ersten drei Wochen des 'Lockdown light' in Existenznöte gebracht. Es finden immer weniger Kunden den Weg in die Innenstädte, die Umsätze schrumpfen massiv. Wenn noch schärfere Einschränkungen kommen, so könnten das viele Händler vor allem aus dem Bereich Bekleidung und Textil nicht mehr überstehen", so Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des HDE.

Der Verband fordert deshalb die Ausweitung der Nothilfen auf den Einzelhandel und die Überarbeitung der Antragskriterien für die Überbrückungshilfen.

Zehntausenden Läden droht die Schließung

Dass jetzt noch weniger Menschen in die Geschäfte dürfen, sieht man im Handel kritisch. "Es wird dazu führen, dass noch mehr online eingekauft wird, das ist gerade für die Innenstädte ein Problem im Einzelhandel. Wir rechnen deutschlandweit mit rund 50.000 Ladenschließungen", meint Sven Rohde, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Hessen.

Der Bundesverband ergänzt: "Wenn nur noch wenige Menschen gleichzeitig den Supermarkt oder das Modehaus in der Innenstadt betreten dürfen, dann führt das zwangsläufig zu langen Schlangen vor den Geschäften und in den Fußgängerzonen", sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Genth. Das aber könne den Kunden den Eindruck von erhöhter Nachfrage und Warenknappheit vermitteln und am Ende zu erneuten Hamsterkäufen im Lebensmittelhandel führen. "Diese Entwicklung sollte unbedingt vermieden werden, damit der Handel auch weiterhin flächendeckend die Versorgung der Bevölkerung mit Waren des täglichen Bedarfs sicherstellen kann", sagt Genth.

Der Frankfurter Handelsverbandsvorsitzende Stoll ergänzt: "Die Neuregelung ist vor allem für kleine Läden ein Problem, wo vier bis fünf Gäste im Laden stehen, aber das größte Problem entsteht im Lebensmittelhandel. Hier Leute auszusperren, kann zu Schlangen führen. Da verstehen wir nicht, warum das jetzt sein muss."

Geschäft suchen Alternativen

Auf der Suche nach Alternativen bieten viele Geschäfte längst Gutscheine an, um liquide zu bleiben. Andere richten einen Lieferservice ein und werden auf Social-Media-Seiten aktiv, um die Kundenbindung aufrecht zu erhalten. Der HDE ermuntert die Händler, sich ein Online-Standbein aufzubauen. Doch bei vielen ist das Geld für Investitionen verbraucht, die Finanzreserven wurden schon vom ersten Lockdown aufgezehrt.

Dass nun auch vor den Geschäften Masken getragen werden müssen, ist zumindest in Frankfurt nicht das Problem. Hier gilt die Maskenpflicht in der Innenstadt schon seit mehreren Wochen. Die Menschen sind generell weniger unterwegs und das hat natürlich Folgen für den Innenstadthandel.

Maskenpflicht auf der Frankfurter Zeil | dpa

Auf der Frankfurter Zeil gilt die Maskenpflicht schon länger. Bild: dpa

Laut Handelsverband Deutschland ist der Umsatz im November im Vergleich zum Vorjahr in der ersten Woche des Monats um 35 Prozent zurückgegangen. Besonders betroffen sind die Bekleidungsgeschäfte (-43 Prozent) und Schuhläden (-43 Prozent), aber auch bei Uhren und Schmuck (-22 Prozent) oder Elektronik (-26 Prozent) halten sich die Kunden zurück.

"Der Teil-Lockdown hinterlässt tiefe Spuren. Die Kunden kommen nicht mehr in gewohnter Zahl in die Stadtzentren. Das ist insbesondere im für die Händler für gewöhnlich umsatzstarken Weihnachtsgeschäft für viele Unternehmen existenzbedrohend", so Genth.

Innenstädte werden sich ändern

Aus der Sicht des Deutschen Städtetags ist die Begrenzung der zulässigen Personenzahl im Einzelhandel angesichts des Infektionsgeschehens durchaus nachvollziehbar. "Die strengere Regelung trifft den Einzelhandel allerdings gerade in der konsumstarken Adventszeit" meint Städtetagspräsident Burkhard Jung. "Das könnte für noch mehr Einzelhändler, die unter den Corona-Folgen leiden, existenzgefährdend werden."

Die Einkaufsmeilen seien aber wegen des boomenden Online-Handels schon länger unter Druck. Das habe Corona nur beschleunigt. "Die Städte werden alles daransetzen, die Innenstädte attraktiv zu halten, denn die Innenstadt ist das Gesicht einer Stadt", sagt Jung.

Dafür bräuchten sie unbedingt weitere Unterstützung von Bund und Ländern, so Jung: "Die Städte wollen mehr attraktive Orte für sozialen Austausch, für Begegnungen und Kultur schaffen. Nötig ist außerdem, sobald die Infektionszahlen das wieder zulassen, eine gesicherte Perspektive für die Öffnung der Kultureinrichtungen, auch weil sie entscheidend mit zur Belebung der Innenstädte beitragen."

Fichte "Bertl" auf dem Frankfurter Römerberg | dpa

Von oben geht es: "Bertl" sorgte wegen seiner traurigen Gestalt für Spott. Inzwischen wurde der Baum aufgehübscht. Bild: dpa

So denkt man übrigens auch in Frankfurt am Main. Die Wirtschaftsförderung der Stadt geht davon aus, dass sich das Bild der Einkaufsstraße Zeil langfristig ändern wird. Mehr Erlebnisgastronomie, mehr Clubs auf Dachflächen. Als Zeichen der Hoffnung will man jetzt erstmal zu kleineren Maßnahmen greifen. Eine neue schicke Weihnachtsbeleuchtung soll das Straßenbild verschönern und vielleicht vom gebeutelten Weihnachtbaum auf dem Römerberg ablenken. Den die Stadt mittlerweile ganz gut aufgepeppelt hat. Das soll Mut machen, meint man bei der Wirtschaftsförderung der Stadt. Ganz egal, wie viele Menschen hier täglich entlanglaufen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 26. November 2020 um 17:00 Uhr.