Photovoltaikanlage auf dem Dach eines Industriegebäudes, Gelände der Kläranlage Bottrop | picture alliance / Rupert Oberh

Messe Intersolar Deutsche Solarbranche vor dem Comeback?

Stand: 08.10.2021 08:06 Uhr

Die schon totgesagte deutsche Solarindustrie ist zu neuem Leben erwacht. Auf der Messe Intersolar präsentiert sie sich selbstbewusst und sieht sich als Wegbereiter der Klimaneutralität. Kommt der Solarboom 2.0?

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Im "Solar Valley" in Sachsen-Anhalt geht wieder die Sonne auf. Seitdem der Schweizer Anlagenbauer Meyer-Burger im Mai zwei neue Fabriken für Solarzellen und Module in Thalheim und in Freiberg errichtet hat, ist die Attraktivität für einen Job in der Solarbranche in der Region sprunghaft gestiegen. Rund 300 Arbeitsplätze sollen anfangs an den beiden Standorten entstehen. Langfristig sind sogar bis zu 3500 Stellen dort geplant. "Wir haben vor einigen Jahren die Solarproduktion verloren, und jetzt bringen wir sie zurück", verkündete Meyer-Burger-Geschäftsführer Gunter Erfurt. Die Schweizer investieren rund 145 Millionen Euro in die neuen Werke.

Solarwatt und Meyer-Burger eröffnen neue Fabriken

Auch andere Solarunternehmen expandieren. Der Photovoltaik-Hersteller Solarwatt baut seine Produktion in Dresden aus. Kürzlich startete die Firma eine neue Fertigungsanlage für Module. Bis 2023 will Solarwatt rund 35 Millionen Euro in neue Produktionsstätten stecken.

Aus Branchenkreisen heißt es, dass neben Solarwatt weitere deutsche Unternehmen ihre Produktionskapazitäten in Europa hochfahren werden. "Da wird es in den nächsten Wochen und Monaten Neuigkeiten geben", sagt ein Insider.

Die Branche steht vor einem ungeahnten Comeback, nachdem sie vor zehn Jahren fast schon untergegangen war. Die chinesische Konkurrenz mit ihren Billig-Modulpreisen hatte die deutschen Hersteller in den Ruin getrieben. Einige gingen insolvent, andere wurden an ausländische Firmen verkauft.

Personalkosten spielen keine Rolle mehr

Nun aber sind deutsche Unternehmen plötzlich wieder wettbewerbsfähig auf dem boomenden Weltmarkt. Die steigenden Transportkosten haben den Preisvorteil der chinesischen Anbieter fast zunichte gemacht. Die Modulpreise sind seit Jahresbeginn um zehn Prozent gestiegen, wegen des Chipmangels sind Solarmodule auf einmal knapp. Hinzu kommt, dass die Personalkosten keine entscheidende Rolle mehr spielen, da die Produktion inzwischen weitgehend automatisiert ist.

"Die Chancen für eine Renaissance der deutschen Solarindustrie stehen gut", sagt Carsten Körnig, Geschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft (BSW), gegenüber tagesschau.de. Er verweist auf den wachsenden politischen Druck. Wenn Deutschland seine Klimaschutz-Ziele schaffen will, müsse der jährliche Zubau auf 15 bis 16 Gigawatt mehr als verdreifacht werden.

BSW plädiert für "Solar-Beschleunigsgesetz"

Von der künftigen Bundesregierung forderte der Verband daher ein "Solar-Beschleunigungsgesetz". Außerdem sollte endlich der "Solardeckel" abgeschafft werden, der im Endeffekt Neuinvestitionen bremse, verlangt Körnig. Eine bundesweite Solardach-Pflicht, wie Baden-Württemberg sie ab nächstem Jahr einführt, lehnt Körnig ab. Großzügigere Einspeisevergütungen, die zu einer raschen Amortisierung der Investitionen führen, hält er für den besseren Weg.

Bei der Photovoltaik auf Gewerbedächern herrscht schon jetzt eine deutliche Zurückhaltung der Investoren. Im ersten Halbjahr sank der Ausbau im Mai um 57 Prozent, im Juni sogar um 67 Prozent. Nur dank der gestiegenen Nachfrage von Eigenheim-Besitzern nach Photovoltaik-Anlagen erhöhte sich die installierte Leistung von PV-Anlagen in den ersten sechs Monaten um 22 Prozent. Für das Gesamtjahr prophezeit der BSW einen Zuwachs von zehn bis 15 Prozent.

Deutlich mehr PV-Leistung auf dem Weg zur Klimaneutralität nötig

2021 dürfte die installierte Leistung in Deutschland somit bei rund fünf Gigawatt liegen. Das sei viel zu wenig, monieren Experten. Um die Klimaneutralität bis 2045 zu erreichen, müssten jährlich 40 Gigawatt geschaffen werden, hat Volker Quaschning, Professor für regenerative Energiesysteme an der HTW Berlin, ausgerechnet.

Sollte die Politik den Mut aufbringen, massiv die Photovoltaik auszubauen, dürfte die deutsche Solarindustrie einen ähnlichen Boom wie Anfang der 2000er Jahre erleben. Der Lobbyverband des BSW träumt davon, dass es in der Solarbranche 2030 wieder gut 100.000 Jobs gibt. Aktuell sind es nur gut 50.000 Stellen. Einst in der Hochphase des deutschen Solarbooms arbeiteten 133.000 Menschen in der Sonnenbranche.

"Deutsche Hersteller haben die besten Chancen im Premium-Markt"

Quaschning warnt aber vor zu viel Euphorie. Im Massenmarkt könnten die deutschen Hersteller nicht mithalten. Mit ihrer Marktmacht hätten die Chinesen bei den Einkaufspreisen deutliche Vorteile. Die deutschen Firmen sollten sich stattdessen eher auf den Premiummarkt konzentrieren, wo es nicht so sehr auf den Preis ankommt.

Über dieses Thema berichtete BR24 Börse am 06. Oktober 2021 um 09:38 Uhr.