Der Hochgeschwindigkeitszug ICE  | Bildquelle: AFP

Mängel bei der Bahn Nur jeder fünfte ICE "voll funktionsfähig"

Stand: 22.11.2018 06:00 Uhr

Veraltet, verspätet, überlastet: Interne Dokumente, die dem ARD-Magazin Kontraste vorliegen, offenbaren die Mängel bei der Bahn - und zeigen, was das für Folgen hat, Stichwort: "umgekehrte Wagenreihung".

Von Sascha Adamek, Susanne Opalka, Ursel Sieber, RBB

Zu wenige Züge, zu wenig Personal und ein enormer Investitionsstau: Was Bahnfahrer tagtäglich spüren, belegen auch interne Dokumente des Unternehmens, die dem ARD-Magazin Kontraste vorliegen. Demnach sind nur magere 20 Prozent der ICE "vollständig funktionsfähig". Diese frappierende Zahl findet sich in Aufsichtsratsunterlagen der DB-Tochter Fernverkehr vom Juni 2018.

Zwar habe man seit dem Jahr 2016 in den Instandhaltungswerken deutlich mehr Züge mit Schäden abgearbeitet, heißt es in der aktuellen Vorstandsvorlage für die heutige Sondersitzung des DB-Aufsichtsrats - die Rede ist immerhin von einer Steigerung um 45 Prozent.

Bahn will Störungen in Zügen schneller beheben

Die Bahn will Wartung und Instandhaltung ihrer Züge möglichst schnell verbessern. Dem Aufsichtsrat des Konzerns seien dazu "detaillierte und umfassende Vorschläge vorgelegt" worden, teilte ein Sprecher mit. Das Kontrollgremium des Konzerns will am Nachmittag in Berlin zu einer zweitägigen Klausurtagung zusammenkommen.

Den Bericht des ARD-Magazin Kontraste wollte der Sprecher nicht kommentieren. Er fügte aber hinzu, ein Zug gehe schon dann als "nicht fehlerfrei" in die Statistik ein, wenn eine Wagentür defekt sei oder eine Kaffeemaschine nicht funktioniere.

Klar sei aber auch: "Mit dem aktuellen Stand der Fehlerbeseitigung in unserer Zugflotte sind wir selbst nicht zufrieden". Deshalb wolle man kurzfristig zusätzliche Ressourcen für die Wartung und Instandhaltung der Züge aufbauen.

Mehr kaputte Züge in den Werkstätten

Doch dieser Erfolg werde "überkompensiert", da "der Schadenseingang im gleichen Zeitraum anstieg", also mehr ICE-Züge mit Schäden in der Werkstatt eintrafen. Was dazu führt, dass die Anzahl der ICE, die mit Mängeln die Werkstatt wieder verlassen, sogar um 17 Prozent anstieg.

Auf Bahndeutsch wird als Grund unter anderem die "hohe Eingangsverspätung" aus dem Betrieb genannt, was auf Normaldeutsch heißt: ICE kommen auch im Instandhaltungswerk verspätet an, die Werkstattzeit wird knapper. Abgearbeitet wird dann nur, was sicherheitsrelevant ist, der Rest bleibt liegen. Und so kommt es, dass manchmal tagelang dieselben ICE mit kaputten Toiletten, defekten Klimaanlagen oder Kaffeemaschinen auf Reisen sind. Ein Teufelskreis.

Kontraste-Recherche: Nur 20 Prozent aller ICE voll funktionsfähig
tagesschau 20:00 Uhr, 22.11.2018, S. Adamek/U. Sieber, RBB

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"Umgekehrte Wagenreihung" sorgt für Verspätungen

Kleine Fehler addieren sich über den Tag zu immer größeren Verspätungen auf: So sorgt zum Beispiel die berühmte "umgekehrte Wagenreihung" oft für chaotische Szenen auf dem Bahnsteig. Das Einsteigen verzögert sich, der Zug fährt mit Verspätung los und das Unheil nimmt seinen Lauf. Das Schauspiel wiederholt sich an jedem Bahnhof, die Verspätungen summieren sich.

Hinter dem Phänomen "Wagenreihung" verberge sich ein enormes Problem, sagen Zugbegleiter: Die "Nachtbereitschaften" auf den Bahnhöfen seien nicht mehr ausreichend besetzt, es finde sich also kein Bereitschaftslokführer, der nachts mit dem Zug die nötige Drehfahrt unternimmt, damit der ICE am nächsten Morgen richtig gereiht einfährt.

Pünklichkeitsziel wird verschoben

Von einem wichtigen Ziel verabschiedete sich die Bahn angesichts der Vielzahl der Probleme offenbar. Die erwünschte Pünktlichkeitsquote von 82 Prozent aller Fahrten soll nicht mehr 2018, sondern erst 2025 erreicht werden, wie aus den Dokumenten hervorgeht, die Kontraste vorliegen. Aktuell liegt die Quote bei gerade mal 73 Prozent.

Die Probleme mit der Pünktlichkeit haben personelle und technische Ursachen. So fehlen im "betriebskritischen Bereich" mehr als 5000 Menschen, also Lokführer, Zugbegleiter, Instandhaltungskräfte und IT-Spezialisten. Der Vorsitzende der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, Claus Weselsky, reagierte mit scharfer Kritik: Das Eisenbahnsystem drohe zu "kollabieren", wenn es über Jahre mit Sparprogrammen überzogen werde.

Netz an der Auslastungsgrenze

In fast allen produktionskritischen Bereichen plagen die DB enorme Kapazitätsprobleme: Das Netz sei an der Auslastungsgrenze, heißt es in den Unterlagen - und das "bei hohem Investitionsrückstau und Modernisierungsbedarf". Nach Kontraste-Recherchen beläuft sich der Investitionsrückstau im Bestandsnetz auf rund 32 Milliarden Euro. Auch eine Folge dessen, dass der Bund erst vor zwei Jahren die Mittel aufgestockt hat, die für den Erhalt des Netzes nötig wären.

Chaos in den Ballungsräumen

Besonders gravierend sind die Engpässe an großen Verkehrsknoten, durch die sich der Güter-, Regional- und Fernverkehr wie durch ein Nadelöhr durchkämpfen muss: Laut den Kontraste vorliegenden Unterlagen gehen 50 Prozent der Verspätungen im Fernverkehr auf überlastete Strecken und Verkehrsknoten in den Ballungsräumen Köln-Dortmund, Mannheim-Frankfurt-Fulda, Hamburg und Nürnberg-Würzburg zurück. Hier fehlen zusätzliche Gleise, Überholmöglichkeiten, Weichen, moderne Signaltechnik und ganze Brücken etwa über Rhein und Main. Dieses Problem ist seit 15 Jahren bekannt, wurde aber von den früheren Bundesverkehrsministern ignoriert. Denn für die Erhaltung und Ausbau des Netzes ist der Bund zuständig.

DB-Chef Richard Lutz räumte diese Woche "Wachstumsschmerzen" durch Kapazitätsengpässe, ein erhöhtes Fahrgastaufkommen und zusätzlichen Güterverkehr auf den Strecken ein. Er will nun Tausende neuer Mitarbeiter einstellen. 

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 22. November 2018 um 06:23 Uhr.

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