Ein Mitarbeiter der Lappwaldbahn Gleisbau GmbH mäht am Bahnhof das wild wachsende Gras zwischen den Gleisen | dpa

Reaktivierung von Bahnstrecken Zurück auf alte Schienen

Stand: 09.07.2020 12:06 Uhr

Stillgelegte Bahnstrecken könnten nach Einschätzung zweier Verbände eine große Rolle bei der Stärkung der Schiene spielen: Durch ihre Revitalisierung sei es möglich, drei Millionen Menschen wieder anzubinden.

Mit der Neubelebung stillgelegter Eisenbahnstrecken können nach Einschätzung des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) mehr als drei Millionen Menschen in Deutschland wieder ans Schienennetz angebunden werden. Laut einer aktualisierten "Reaktivierungsliste", die der Verband gemeinsam mit der Allianz pro Schiene vorstellte, lassen sich 238 Strecken mit insgesamt 4016 Kilometern Länge wieder nutzen.

Damit könnten insgesamt 291 Städte und Gemeinden wieder ans Netz angeschlossen werden, sagte Jörgen Boße, Vorsitzender des VDV-Ausschusses für Eisenbahninfrastruktur und Geschäftsführer der Usedomer Bäderbahn. "In Deutschland leben rund 70 Prozent der Menschen in Mittel- und Kleinstädten oder im ländlichen Raum. Für diese große Mehrheit der Bevölkerung benötigen wir effiziente und umweltfreundliche Angebote im Schienenverkehr." Dabei gehe es um den Klimaschutz, aber auch um die Gleichwertigkeit von Lebensverhältnissen.

"Eine riesige Chance"

Allianz-pro-Schiene-Geschäftsführer Dirk Flege bezeichnete die Reaktivierung stillgelegter Bahnstrecken als "ein Erfolgsrezept für einen besseren Verkehrsmix in der Zukunft". Damit lasse sich "der jahrzehntelange Rückzug der Schiene aus der Fläche stoppen und umdrehen".

Bereits im vergangenen Jahr wurden laut den Verbänden durch die Reaktivierung bereits stillgelegter Gleise rund 106 Kilometer Bahnstrecke gewonnen. Vor allem kleinere Städte und Regionen seien auf diese Weise wieder ans Schienennetz angeschlossen worden. Bundesweit sei auf sechs Strecken der Personenverkehr wiederaufgenommen worden. "Die Reaktivierung ist eine riesige Chance, um die Schieneninfrastruktur rasch fit zu machen für den Transport von mehr Fahrgästen und mehr Gütern", erklärte Flege.

Tausende Kilometer weniger als 1994

So ging in Baden-Württemberg etwa die Strecke zwischen der Gemeinde Engstingen und Gammertingen wieder ans Netz. Auch in Niedersachsen, Bayern und Nordrhein-Westfalen wurden Güter- und Personenverkehrsstrecken wieder in Betrieb genommen. Nun haben die beiden Verbände rund 55 weitere Projekte in verschiedenen Bundesländern identifiziert, die erneut ans Netz angeschlossen werden könnten.

Der Allianz pro Schiene zufolge wurden zwischen 1994 und 2020 Verbindungen mit insgesamt 933 Kilometer Länge für den Personenverkehr und 364 Kilometer für den Güterverkehr wieder in Betrieb genommen. Insgesamt fällt die Bilanz aber deutlich negativ aus: Im selben Zeitraum wurden mit über 3600 Kilometern deutlich mehr Strecken im Personenverkehr abbestellt als reaktiviert. Beim Güterverkehr hat das Schienennetz demnach eine Streckenlänge von derzeit rund 38.500 km - gut 6000 Kilometer weniger als im Bahnreform-Jahr 1994. 

Rahmenbedingungen "erheblich verbessert"

Dennoch zeigen sich VDV und Allianz pro Schiene mit Blick auf die Reaktivierung optimistisch. Nicht nur in der öffentlichen Wahrnehmung sondern auch politisch gibt es demnach großen Zuspruch. Außerdem habe die Änderung des Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes die Rahmenbedingungen "erheblich verbessert", erklärte Boße. "Wir rechnen damit, dass dadurch die Wiederbelebung stillgelegter Strecken in den kommenden Jahren erheblich an Fahrt aufnimmt." 

Die Bundesregierung will bis 2030 die Fahrgastzahlen auf der Schiene verdoppeln und den Marktanteil des Schienengüterverkehrs auf 25 Prozent erhöhen. Der VDV sieht in den Reaktivierungen auch eine Möglichkeit, neue Möglichkeiten zu schaffen, Nadelöhre zu umfahren - etwa im Falle von Sperrungen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. Juli 2020 um 12:00 Uhr.