Atomkraftwerk Barakah, Vereinigte Arabische Emirate

Ausbaupläne vieler Länder Atomkraft erlebt weltweit Renaissance

Stand: 17.09.2021 14:10 Uhr

Deutschland steigt aus der Atomkraft aus, international ist die Technologie hingegen zunehmend gefragt. Viele Staaten wollen damit ihren CO2-Ausstoß reduzieren.

Die Bedeutung der Atomenergie könnte in den nächsten Jahrzehnten dramatisch wachsen. Das geht aus einer Untersuchung der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) hervor. Die IAEA revidierte ihre Prognose zum weltweiten Ausbau der Atomenergie zum ersten Mal seit zehn Jahren nach oben. Um im Kampf gegen den Klimawandel fossile Brennstoffe zu vermeiden, erwägen demnach nun viele Länder den Einsatz von Atomkraft.

Laut dem Maximal-Szenario der Behörde mit Hauptsitz in Wien könnte sich die weltweite nukleare Produktionskapazität bis 2050 auf bis zu 792 Gigawatt verdoppeln. Das sind zehn Prozent mehr als in der entsprechenden Prognose im Vorjahr. Dies wäre laut IAEA nur durch neue Technologien im Atomsektor zu erreichen. Dazu gehören die Herstellung von Wasserstoff als Energieträger sowie der Einsatz fortschrittlicherer Reaktoren. In einem konservativeren Szenario der IAEA würde die Produktionskapazität bei 392 Gigawatt fast gleich bleiben.

Im Vorjahr kam rund zehn Prozent des weltweiten Stroms aus Kernkraft. Im Maximal-Szenario der IAEA würde der Anteil bis 2050 auf rund zwölf Prozent leicht steigen. Zehn Jahre nach der Explosion von Fukushima stecken einige Länder Milliarden beispielsweise in Kernkraftwerke im Kleinformat.

Stimmen pro Atomkraft

Der Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Stefan Wolf, hat sich für Deutschlands Rückkehr zur Atomkraft ausgesprochen. "Wir haben in den kommenden Jahren nicht zuletzt wegen der steigenden Elektromobilität einen steigenden Strombedarf, gleichzeitig steigen wir aus der Kohle aus und kommen mit dem Bau von Windkraftanlagen nicht hinterher", sagte Wolf der "Bild"-Zeitung. Deshalb müsse jetzt über eine Rückkehr zur Kernkraft diskutiert werden. "Es kann doch nicht sein, dass wir uns völlig abhängig von anderen Ländern machen, wo wir den Atom- und Kohlestrom dann teuer einkaufen", sagte Wolf weiter.

Auch Christian Kullmann, Chef des Chemiekonzerns Evonik und Vorsitzender des Verbands der Chemischen Industrie (VCI), sieht die Aussicht steigender Stromimporte kritisch: "Da drängt sich mir die Frage auf, ob wir nicht selbst die Kernkraft stärker nutzen sollten - zumindest so lange, bis wir eine eigene Grundlastversorgung haben. Denn wenn wir von Importen abhängig werden, wird’s richtig teuer", sagte der Manager in einem Gespräch mit der "FAZ".

Selbst Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg kann - oder konnte - der Kernenergie positive Seiten abgewinnen: "Auch wenn Atomenergie sehr gefährlich, teuer und zeitraubend ist, können vor allem Länder und Regionen ohne große Möglichkeiten für erneuerbare Energieträger von der Atomenergie profitieren", schrieb sie vor zweieinhalb Jahren auf Facebook.

Atomstrom aus Tschechien?

Erst Ende August hatte der tschechische Präsident Milos Zeman Deutschland angeboten, bei Versorgungsengpässen aufgrund der deutschen Energiewende auszuhelfen. "Wenn es zu einem Mangel an Elektrizität kommt, wird Tschechien als bedeutender Exporteur sehr gerne bereit sein, Strom in die Bundesrepublik zu liefern - zu einem vernünftigen Preis", hatte der Politiker nach einem Treffen mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gesagt. Das östliche Nachbarland will den Anteil von Atomstrom bis zum Jahr von derzeit einem Drittel auf rund die Hälfte ausbauen.

Ist Atomkraft ein grünes Investment?

Während die IAEA Atomstrom als saubere Energieform sieht, haben sich Deutschland und andere Länder angesichts der Sicherheitsrisiken und der problematischen Endlagerung von Atommüll für den Atomausstieg entschieden.

Auch in anderen Bereichen herrscht keine Einigkeit, wie man Atomkraft genau bewerten soll. Bei der Investition in grüne Wertpapieren gibt es bereits seit längerem einen Streit, was zurecht als nachhaltig gilt. Umstritten ist vor allem, ob Atomenergie dazugehört oder nicht.