Rafael Mariano Grossi | AP

Nach Angriff auf Atomanlage IAEA-Chef will Sicherheit vor Ort prüfen

Stand: 04.03.2022 13:04 Uhr

Laut IAEA-Chef Grossi ist keine radioaktive Strahlung aus der angegriffenen Atomanlage in der Ukraine ausgetreten. Er zeigte sich besorgt - und will in die Ukraine reisen. Auch das Bundesumweltministerium beobachtet die Lage.

Der Direktor der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA), Rafael Mariano Grossi, ist bereit, persönlich zum ukrainischen Atomkraftwerk in Saporischschja zu reisen, um vor Ort die Sicherheit der Anlage zu prüfen. "Ich bin bereit zu kommen", sagt Grossi am Sitz der IAEA in Wien.

Bislang ist nach Angaben Grossis keine radioaktive Strahlung aus der offenbar von Russland in der Ukraine angegriffenen Atomanlage ausgetreten. Die IAEA stehe mit der ukrainischen Atomaufsicht und der betroffenen Atomanlage Saporischschja in Kontakt. Seinen Angaben zufolge wurden zwei Sicherheitsmitarbeiter verletzt.

Umweltministerium beobachtet die Lage

Das Bundesumweltministerium (BMUV) und das Bundesamt für Strahlenschutz informieren auf ihren jeweiligen Webseiten fortlaufend über die Gefährdungslage. Alle radiologischen Messwerte an dem Kraftwerk bewegten sich "weiter im normalen Bereich". Beide erklärten, fortlaufend über relevante Entwicklungen zu informieren.

Deutschland verfüge seit vielen Jahren über Instrumente zur Bewertung einer radiologischen Lage, hieß es dazu. "Sollte das BMUV Hinweise haben, dass sich ein radiologischer Notfall mit erheblichen Auswirkungen in der Ukraine ereignet, würde das radiologische Lagezentrum des Bundes im BMUV die Lage bewerten, die Öffentlichkeit informieren und, soweit erforderlich, Verhaltensempfehlungen geben."

Beide Behörden raten nach wie vor "dringend von einer selbstständigen Einnahme von Jodtabletten ab". Eine Selbstmedikation berge erhebliche gesundheitliche Risiken und habe aktuell "keinerlei Nutzen".

Experte sieht keine unmittelbare Gefahr

Die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) sieht keine unmittelbare Gefahr eines Atomunfalls. Zwar sei das Gelände laut der ukrainischen Aufsichtsbehörde von russischen Truppen umstellt oder besetzt, sagte der Abteilungsleiter Internationale Projekte, Sebastian Stransky, der Nachrichtenagentur dpa. "Zum jetzigen Zeitpunkt ist das Kraftwerk laut Aufsichtsbehörde in sicherem Zustand und wird entsprechend den Betriebsvorschriften durch die Betriebsmannschaft betrieben", so Stransky.

Bei dem Angriff war ein Gebäude auf dem Gelände der Atomanlage getroffen worden. Das Gebäude gehöre nicht zu dem Reaktor. Es habe sich um ein Trainingsgebäude gehandelt. Das verursachte Feuer sei gelöscht worden. Sicherheitsrelevante Teile seien nicht betroffen, so die GRS.

Von den sechs Blöcken der Anlage sei derzeit nur einer am Netz. Die übrigen abgeschalteten Blöcke befänden sich im Abschaltbetrieb. In diesem Zustand müssten die Brennelemente dauerhaft nachgekühlt werden. "Die Wärme wird abgeführt mit den ganz normalen, dafür vorgesehenen Systemen." Alle sechs Blöcke befänden sich aus kerntechnischer Sicht in einem sicheren Zustand, betonte Stransky. Er ist Ingenieur für Kernenergietechnik und spezialisiert auf den in Saporischschja betriebenen Reaktortyp russischer Bauart.

Greenpeace-Atomexperte besorgt

Der Kernphysiker Heinz Smital hat sich besorgt geäußert. "Soviel ich weiß, läuft nur mehr Block 4, das Feuer betrifft das Schulungscenter", schrieb der Atomexperte der Umweltschutzorganisation Greenpeace am frühen Morgen auf Twitter. Die Gefahr einer Kernschmelze bestehe nicht unmittelbar. "Tschernobyl hatte einen Graphitkern, brachte Radioaktivität in große Höhen und weite Verteilung bis Europa, das ist hier nicht der Fall." Die Situation sei trotzdem kritisch.

Völkerrechtler: Gezielter Angriff auf Kernkraftwerk Kriegsverbrechen

Ein gezielter russischer Angriff auf ein ukrainisches Atomkraftwerk wäre nach Einschätzung des Völkerrechtlers Claus Kreß als Kriegsverbrechen einzuordnen. "Ein gezielter Angriff auf ein zivil genutztes Kernkraftwerk, ja, das wäre ein Kriegsverbrechen", sagte der Kölner Wissenschaftler im Deutschlandfunk. Ein solcher Fall fiele in die Zuständigkeit des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag. Kreß berät dort Chefankläger Karim Khan, der offizielle Ermittlungen zu Kriegsverbrechen in der von Russland angegriffenen Ukraine eingeleitet hat.

Stoltenberg: Rücksichtslosigkeit in der Kriegsführung

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg verurteilte das Vorrücken russischer Truppen zu Europas größtem Atomkraftwerk scharf. Die Berichte über den Angriff zeigten die Rücksichtslosigkeit, mit der der Krieg geführt werde und wie wichtig es sei, ihn zu beenden, sagte Stoltenberg am Rande eines Sondertreffens der Außenminister der Bündnisstaaten in Brüssel.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. März 2022 um 12:00 Uhr.