Mann im Gemüseladen | Bildquelle: Karin Senz

Coronakrise in der Türkei Bärte stutzen im Geheimen

Stand: 08.04.2020 11:29 Uhr

Ihre Bärte sind den türkischen Männern sehr wichtig. Für eine gute Pflege gehen sie deshalb regelmäßig zum Barbier. Doch deren Läden sind wegen der Corona-Krise zu. Nun ist die Not groß - und macht erfinderisch.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Der türkische Herrenfriseur, der Barbier oder türkisch "Berber", ist ein Multitalent. Er schneidet nicht nur Haare und kennt die neuesten Gerüchte des Stadtviertels. Früher hat er Zähne gezogen, heute operiert er immer noch gerne mal Seeigel-Stachel aus Füßen.

Und er kümmert sich um den Bart des türkischen Mannes. Der kommt in der Regel einmal pro Woche vorbei, maximal alle zehn Tage, zum Stutzen und Rasieren und für die Bartpflege. Kaum ein Türke macht das selbst - muss er aber jetzt. Denn die "Berber" dürfen wegen Corona nicht mehr aufmachen. Allerdings gibt es auch nicht ganz legale Ausnahmen.

"Der Bart steht für die Kraft des Mannes"

Mesut hat einen Gemüseladen im kleinen Ort Kas an der türkischen Ägäis-Küste. Der junge Mann ist stolz auf seinen dunklen Vollbart: "Der Bart steht für die Kraft des Mannes, die will er damit zeigen. Wir türkischen Männer lieben unseren Bart, ganz ohne geht es eigentlich nicht. Man fühlt sich damit stärker und selbstbewusster. Man wirkt auch einfach männlicher damit."

Nur im Moment ist es um Mesuts Männlichkeit etwas struppig bestellt. Sein Bart wuchert wild vor sich hin.

Stammkunden bitten um Hausbesuch

Mehr als 20 Herrenfriseure gibt es in Kas. Und alle haben zu - wegen Corona -, auch Mehmets Laden im Zentrum.

Einige Stammkunden hätten schon angefragt, ob er nicht vorbeikommen könne, wenn er schon nicht aufmachen dürfe: "Vielleicht wenn es ein Notfall ist, aber eigentlich helfe ich nicht. Sie rufen auf dem Handy an und fragen. Aber in 99 Prozent der Fälle lass ich mich nicht drauf ein", sagt Mehmet.

Mehmet sitzt im Laden neben seinem kleinen Friseursalon und unterhält sich mit dem Besitzer. Als Kemal, ein Kunde vor seiner verschlossenen Ladentür steht, kommt er raus. Nach ein paar konspirativen Sätzen ist ausgemacht: Er wird ihm zuhause die Haare schneiden und den Bart zurechtstutzen.

500 Euro Strafe drohen

Mehmet und Kemal heißen eigentlich anders. Aber vor allem der Friseur muss mit einer Strafe von knapp 500 Euro rechnen, wenn rauskommt, dass er trotz Verbot arbeitet. Schließlich gibt er zu: Natürlich bedient er fast seine ganze Kundschaft weiter. Mit Schere, Langhaarschneider und Rasierpinsel macht er sich auf seinem Motorroller auf den Weg zum Hausbesuch.

Schere und Kamm | Bildquelle: Karin Senz
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Die Minimalausstattung eines Herrenfriseurs.

Natürlich trägt er zum Schutz der Kunden eine Maske. Und nicht nur das: "Es gibt so ein Sterilisierungsgerät für die Geräte. Wenn ich nachher wieder in den Laden komme, lege ich sie da rein. Das funktioniert mit solchen blauen Strahlen."

Vor Ort sprüht er die Geräte noch mal mit Desinfektionsspray ein. Dann geht es los. Auf Kemals Glatze sprießen ein paar Haare, sein grau-schwarzer Bart ist in den vergangenen Wochen wild gewuchert.

Mesut lässt seine Frau nicht an den Bart

Unterdessen hat Mesut, der Gemüsehändler, überlegt, sich selbst zu rasieren. Die Reaktion seiner Frau war skeptisch. "Sie hat gefragt, ob ich das überhaupt kann. Sie will, dass ich nicht mehr aus dem Haus gehe, ich soll ihr lieber beim Bügeln helfen. Aber ich hab ihr gesagt, dass das nichts für mich ist."

Doch seine Frau lässt er weder an seinen Bart, noch an seine Stoppelfrisur. Warum nicht? Er versucht es charmant zu verpacken: "Wir halten uns mal besser dran, den Abstand von einem Meter auch zwischen uns einzuhalten. Denn mir ist schon wichtig, dass sie gesund bleibt. Wer will denn so seine Lieben verlieren?!" Ein paar Tage später steht er frisch rasiert im Laden. Er grinst. Einer der "Berber"-Kollegen von Mehmet in Kas war bei ihm zuhause.

Alle halten sich so über Wasser, während der Salon geschlossen bleibt, meint der Friseur, während er an Kemals Nasenhaaren rumschnippelt.

Dabei ist er direkt vor seinem Gesicht. Anders geht es eben nicht, meint er, darum die Maske. Seine Angst, dass er erwischt wird, wenn er trotz Verbots arbeitet, hält sich allerdings in Grenzen. Denn sein geheimer Kundenkreis ist durchaus erlesen: "Mich rufen auch Polizisten, Staatsanwälte oder Ärzte an. Da geh ich dann auch hin, natürlich heimlich, aber natürlich bediene ich die auch."

Mit einem großen Rasierpinsel fegt er Kemal die abrasierten Haare vom Kopf und den Schultern und nimmt ihm den rosa Friseurumhang ab.

Sein Handy klingelt. Der nächste Kunde fragt, wann Mehmet vorbeikommen kann. Der packt sein Werkzeug in eine schmale unauffällige Aktentasche. Dann braust er mit seinem Motorroller zum nächsten Termin.

Hilflos ohne Barbier? Der türkische Mann und sein Bart zu Corona-Zeiten
Karin Senz, ARD Istanbul
08.04.2020 09:46 Uhr

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