Verschiedene Zeitungen mit dem Foto eines türkischen Polizisten, der die Leiche des dreijährigen Aylan Kurdi trägt | null

Ein Foto erschüttert Europa Der Schrei des toten Jungen

Stand: 03.09.2015 18:25 Uhr

Das Foto eines ertrunkenen syrischen Jungen erschüttert Europa und die Welt. Durch den toten dreijährigen Aylan Kurdi bekommt das Flüchtlingselend einen Namen. Die Fotografin sagt, sie wollte mit ihrem Foto den Schrei des ertrunkenen Kindes hörbar machen.

Von Reinhard Baumgarten, ARD-Hörfunkstudio Istanbul

Eigentlich war Nilüfer Demir wegen einer anderen Story am Strand. Die Fotografin hatte gehört, dass eine Gruppe pakistanischer Flüchtlinge nach Griechenland übersetzen wollte. Nach ihnen hielt sie Ausschau, als sie am Strand leblose Körper sah, die von Wellen überspült wurden. Je näher sie kam, umso kleiner wurden die Körper.

Reinhard Baumgarten

Kinder, dachte sie entsetzt. Das sind Kinderleichen. "Als ich den dreijährigen Aylan Kurdi sah, ist mir das Blut gefroren", sagt Nilüfer Demir. "Von diesem Augenblick an war mir klar, dass ich nichts anderes mehr tun konnte, als den leblosen Schrei des am Boden liegenden toten Jungen mit seinem roten T-Shirt, den blauen Shorts und dem unbedeckten Bauch auszurufen - durch mein Foto quasi."

"Die Welt hat Aylan kennengelernt"

Seit 12 Jahren arbeitet Nilüfer Demir für die Nachrichtenagentur DHA. Seit gut vier Jahren berichtet sie als Fotoreporterin an der Ägäisküste über das Thema Flüchtlinge. Deren Zahl hat in den vergangenen Monaten ständig zugenommen. Die Gebiete Turgutreis und Akyarlar nahe dem Tourismuszentrum Bodrum sind beliebte „Abfahrorte“ für Migranten. "Die Türkei und die Welt haben Aylans Leiche gesehen und ihn kennengelernt. Mit ihm lagen am Strand noch zwei weitere tote Kinder: Ghalib und Tahara. In meinem Fotoapparat sind viele solcher Flüchtlinge und ihren Tragödien", erzählt die Fotojournalistin.

Nur Aylans Vater hat überlebt

Aylan Kurdi, sein Bruder Ghalib, ihre Mutter Rehan sowie ihr Vater Abdullah waren von Schleusern auf ein Schlauchboot verfrachtet worden, um zur griechischen Insel Kos überzusetzen. Der Vater überlebte die Fahrt. Unter Tränen beschreibt er im syrischen Oppositionssender Rozana, wie das Schlauchboot kurz vor der Küste von Kos Leck schlug und kenterte. Er habe versucht, seine Familie über Wasser zu halten, aber beide Söhne seien ihm entglitten, nachdem das Schlauchboot immer mehr Luft verloren habe. Seine Frau habe er aus den Augen verloren und von ihrem Tod erst nach seiner Rettung durch die türkische Küstenwache Stunden nach dem Unglück erfahren.

Die Schleuser verlangten 2050 Dollar pro Person

Abdullah Kurdi, der Vater des toten dreijährigen Jungen | null

Abdullah Kurdi, der Vater des toten dreijährigen Jungen

17 Menschen waren an Bord des kleinen Schlauchboot. 2050 Dollar pro Kopf kassierten die Schleuser. Türkische Medien berichten, die Schleuser hätten den Flüchtlingen die Schwimmwesten weggenommen, um mehr Leute aufs Boot zu bringen. Zwölf von 17 Menschen sind ertrunken, darunter waren acht Kinder.

Abdullah Kurdi und seine Familie waren aus Kobane vor der Terrormiliz "Islamischer Staat" geflohen. Sie wollten nach Kanada zu Abdullahs Schwester. Legal durften sie nicht ausreisen, weil die türkischen Behörden ihre Dokumente für unzulänglich hielten. Abdullah Kurdi will nun zurück nach Kobane, um dort seine ertrunkene Familie zu bestatten. Ein Angebot der kanadischen Regierung zur legalen Einreise, hat er ausgeschlagen.