Erdogan und Putin in Moskau. | dpa

Syrien-Gespräche in Moskau "Zufriedenstellende Entscheidungen"

Stand: 05.03.2020 22:30 Uhr

Mit einem Drei-Punkte-Plan wollen Russlands Präsident Putin und sein türkischer Kollege Erdogan die Situation in Idlib stabilisieren. Am Ende der langen Verhandlungen zeigten sie sich vorsichtig optimistisch.

Von Sabine Stöhr, ARD-Studio Moskau

Es war ein sechseinhalb Stunden langes Gespräch. Die Gesichter von Russlands Präsidenten Wladimir Putin und seinem türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan sahen müde aus - aber auch zufrieden. Es seien keine einfachen Gespräche gewesen, aber mit gutem Ergebnis, waren sich die beiden einig.

Sabine Stöhr ARD-Studio Moskau

"Jedes Mal, wenn wir an einem kritischen Moment ankommen, gelingt es uns Dank des hohen Niveaus unserer bilateralen Beziehungen immer wieder, gemeinsame Interessen bei umstrittenen Positionen zu finden und zufriedenstellende Entscheidungen zu treffen", fasste Putin zusammen. "Und so war es auch diesmal."

Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin | MICHAEL KLIMENTYEV/SPUTNIK/KREML

Erdogan und Putin hatten mehr als sechs Stunden lang über die Lage in Idlib beraten. Bild: MICHAEL KLIMENTYEV/SPUTNIK/KREML

Eskalation vorerst verhindert

Bei den Ergebnissen handelt es sich nicht um einen Durchbruch. Die "zufriedenstellenden Entscheidungen" haben erst einmal das Ziel, dass es zu keiner weiteren Eskalation kommt. Ein Drei-Punkte Plan soll dazu beitragen, menschliches Leid zu beenden und die humanitäre Krise einzudämmen.

Als erstes sollte ab Mitternacht ein Waffenstillstand in der Region Idlib greifen, in der jüngst die Situation eskalierte. "Zweitens soll ein Sicherheitskorridor geschaffen werden, mit einer Breite von jeweils sechs Kilometern nördlich und südlich der Autobahn M4", erläutert Russlands Außenminister Sergej Lawrow.

Die M4 ist ein wichtiger Verkehrsweg in der Region zwischen Mittelmeer und Aleppo, den die syrischen Regierungskräfte immer wieder versuchen, unter ihre Kontrolle zu bringen. Der Korridor soll es den Menschen vor Ort ermöglichen, sich wieder frei und gefahrlos zu bewegen. "Wie der Korridor genau funktionieren soll, werden die Verteidigungsministerien der Russischen Föderation und der Türkischen Republik im Laufe von sieben Tagen miteinander abstimmen", sagte Lawrow.

Karte des Sicherheitskorridors entlang der M4 in Idlib

Entlang der Schnellstraße M4 soll ein zwölf Kilometer breiter Sicherheitskorridor durch die Provinz Idlib führen, auf dem russische und türkische Truppen patrouillieren.

Anlass für Optimismus, aber keine Friedensgarantie

Als dritte Maßnahme sollen am 15. März entlang der M4 gemeinsame russisch-türkische Patrouillen beginnen, teilte Lawrow mit. Waffenstillstand, Sicherheitskorridor, gemeinsame Patrouillen, damit es nicht zu weiteren Kampfhandlungen kommt - über den Drei-Punkte-Plan werde Putin auch den syrischen Machthaber Baschar al-Assad informieren, versicherte der Sprecher des Kreml, Dmitri Peskow.

Schon zu Beginn des Treffens war spürbar, dass Ankara und Moskau viel daran liegt, ihre derzeit funktionierenden Beziehungen nicht aufs Spiel zu setzen und den Konflikt in der Region nicht militärisch eskalieren zu lassen. Der populäre russische Außenpolitiker Konstantin Kossatschow kommentierte die Vereinbarungen schon auf seiner Facebookseite: Sie seien Anlass für Optimismus, allerdings ohne Garantie auf dauerhaften Frieden.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 05. März 2020 um 22:15 Uhr.

IHRE MEINUNG

KOMMENTARE

Avatar
Sergius 05.03.2020 • 23:01 Uhr

Realpolitik üben und Miteinander reden

Die Mienen sprechen Bände. Neben Spuren von Enttäuschung, im etwas verlorenen Blick Erdogans im Salon mit Putin, ist auf einem anderen Bild zu spüren, wie beide wissen, was sie aneinander haben. Etwas von Wärme und Vertrauen ist zu erkennen. Es sieht so aus, als hätten beide die Persönlichkeit des jeweils anderen erfasst und akzeptiert. Auf dieser Grundlage konnten sie ihre Differenzen, die in einen handfesten Krieg auszuarten drohten, in den Griff bekommen und schließlich gemeinsamen Interessen den Vorrang geben. Diese Meisterleistung politischer und menschlicher Kommunikation wird der Europäischen Gemeinschaft wohl einige Sorgen abnehmen. Sie könnte sich bei beiden bedanken. Diejenigen Syrer, die sich in den türkischen Einflussbereich an der Grenze geflüchtet haben, können ebenfalls aufatmen, für's erste.