Polizisten aus China und Myanmar sind im bangladeschischen Flüchtlingslager Cox´s Bazar angekommen. Die Kinder vor Ort schauen die Offiziellen an. | Bildquelle: AP

Rohingya-Rückkehr nach Myanmar "Tötet uns lieber gleich hier"

Stand: 22.08.2019 15:13 Uhr

Myanmar und Bangladesch haben sich geeinigt, dass die geflüchteten Rohingya in ihre Heimat zurück sollen. Nun suchen UNHCR-Mitarbeiter nach freiwilligen Rückkehrern. Die Betroffenen sind entsetzt.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Mitarbeiter der Vereinten Nationen gehen dieser Tage im bangladeschischen Flüchtlingslager Cox´s Bazar durch die armseligen Behausungen der Rohingya. Sie suchen nach Freiwilligen, die bereit sind, nach Myanmar zurückzukehren. Auf ihrer Liste stehen 3000 Namen möglicher Rückkehrer, die die Behörden von Bangladesch und Myanmar zusammenstellten.

Die Angelegenheit ist für die UNHCR-Mitarbeiter nicht einfach, denn die Vereinten Nationen stecken in einer Zwickmühle: Eigentlich hatten sie in der Vergangenheit immer vor einer Rückkehr der Rohingya gewarnt. Jedoch verständigten sich die Länder Myanmar und Bangladesch auf eine Rückführung. Bevor diese unkontrolliert und unter Zwang erfolgt, erklärten sich die Mitarbeiter vor Ort nun bereit, nach Freiwilligen zu suchen.

"Gebt mir Gift, ich trinke es sofort"

Doch auch schon die Suche nach freiwilligen Rückkehrern löst bei den Betroffenen große Sorgen aus: Sabbir Ahmed, ein älterer Mann im weißen, muslimischen Gewand, sagt, er würde - wie viele andere - lieber sterben. "Die haben unsere Frauen und Mädchen vergewaltigt, unsere Kinder getötet, unsere Häuser und unser ganzes Hab und Gut verbrannt. Vier meiner Enkel sind ums Leben gekommen und zwei Onkel", erzählt er. Und trotz dieser Ereignisse wolle man sie nun in dieses brutale Land zurückschicken. "Dann können sie uns gleich hier töten. Gebt mir Gift, ich trinke es sofort. Dorthin zurück gehe ich niemals!", sagt Sabbir Ahmed.

Rohingya Rokeya Begum hält im Flüchtlingslager in Bangladesch ihre beiden Kinder auf dem Arm. Das Foto entstand im Oktober 2017. | Bildquelle: AP
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Rokeya Begum hält ihre beiden Kinder im Arm: "Bitte zwingt uns nicht zur Rückkehr. Tötet uns lieber gleich hier." (Archivbild)

Auch Rokeya Begum fleht: "Bitte zwingt uns nicht, zurückzugehen." In Myanmar seien ihr Vater, ihre Mutter und ihre Brüder getötet worden, sagt die junge Frau einem Reporter der Nachrichtenagentur AP. In ihrem Dorf seien Frauen vergewaltigt worden - nur, weil sie Muslime gewesen seien. "Wenn dort endlich Frieden herrscht, wenn sie uns unsere Häuser zurückgeben und unsere Staatsbürgerschaft anerkennen, dann können wir über eine Rückkehr nachdenken", sagt Begum. Aber das sei noch lange nicht so. "Bitte zwingt uns nicht zur Rückkehr. Tötet uns lieber gleich hier."

In Myanmar droht Folter

Mehr als 700.000 Rohingya waren im Sommer 2017 aus Myanmar vertrieben worden oder vor der Gewalt der Streitkräfte von Myanmar geflohen. Seitdem leben sie in Flüchtlingslagern in Bangladesch. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR und viele internationale Hilfsorganisationen, wie beispielsweise die deutsche Caritas und das Aktionsbündnis "Deutschland hilft", warnten vor einer Rückführung der Rohingya. Eine sichere Bleibe- oder Rückkehrperspektive sei weiterhin nicht in Sicht, hieß es.

Solange die Regierung von Myanmar die Rohingya nicht als Staatsbürger anerkenne und keine Ausweispapiere ausstelle, käme eine Rückkehr nicht in Frage, sagte Sayedul Haque. "Die Leute vom UNHCR haben mich gefragt, ob ich zurück nach Hause möchte. Ich sagte: 'Klar wollen wir zurück, aber nur, wenn wir unsere Rechte bekomme und unsere Freiheit, wie jeder andere Staatsbürger auch", sagt sie. Sie seien ja nicht hierher gekommen, um für immer in Bangladesch zu bleiben - sie seien nur hier, weil ihnen in Myanmar die Folter drohe. "Wir haben Angst, dass wir in der gleichen Situation landen, wie vor unserer Flucht."

Das Rohingya-Flüchtlingslager Shalbagan in Bangladesch. | Bildquelle: AFP
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Ein Rohingya-Flüchtlingslager in Bangladesch. Die Bewohner sind in Sorge.

Krieg zwischen Streitkräften ausgebrochen

Schon mehrmals hatten die Regierungen in Bangladesch und Myanmar eine Rückführung der Flüchtlinge vereinbart. Diesmal sollte alles wie geplant funktionieren, sagte Mohammad Abdul Kalam, der Flüchtlingskommissar von Bangladesch: "Wir haben alle Vorbereitungen getroffen, damit die Rückführung klappt. Die Abschiebung wird aber, wie versprochen, nur auf freiwilliger Basis erfolgen."

Auch die Vereinten Nationen sehen aktuelle Gefahren: Im Bundesstaat Rakhine sei ein neuer Krieg zwischen den Streitkräften von Myanmar und den Separatisten der Arakan Armee ausgebrochen. Im Umfeld dieses Konfliktes gebe es erneut Menschenrechtsverletzungen gegen Zivilisten, warnte die UN-Beauftragte für Menschenrechte, Yanghee Lee, erst vor rund einem Monat. Diese Situation belaste auch die Nachbarstaaten von Myanmar und könne zu einer Destabilisierung von Frieden und Sicherheit in der gesamten Region beitragen.

Forderung nach Ende der Rückkehr-Aktion

Ende Juni hatte die Chefanklägerin beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag, Fatou Bensouda, eine Untersuchung der Menschenrechtsverletzungen in die Wege geleitet. Ein Problem sei aber, dass Myanmar die Zuständigkeit des UN-Gerichts nicht anerkenne, sagt Gerichtssprecher James Steward in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Es sei fraglich, ob sie in den Rakhine-Staat hinein gelassen würden. "Aber die Chefanklägerin Bensouda ist auf der Grundlage ihrer Recherchen und der Gespräche mit Betroffenen, zu dem Schluss gekommen, dass es eine vernünftige Grundlage für eine Untersuchung gibt", sagt der Sprecher.

Ein Kind der Rohingya klettert in einem Flüchtlingslager in Bangladesch über Holzboden. | Bildquelle: AFP
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Eltern in Sorge: Auch die Kinder der Rohingya sind in großer Gefahr.

Über 700.000 Rohingya sind seinen Angaben zufolge infolge schwerer Verbrechen und großem Leid nach Bangladesch geflohen. "Wenn wir die Flucht untersuchen, werden wir auch die Gewalt näher betrachten, die letztendlich zu ihrer Flucht aus Myanmar geführt hat", sagt Steward.

Myanmar habe bislang nichts gegen die systematische Verfolgung der Rohingya unternommen, klagt die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Die Flüchtlinge hätten deshalb allen Grund, bei einer Rückkehr um ihre Sicherheit zu fürchten, sagt die Südasien-Direktorin Meenakshi Ganguly. Das Vorhaben solle deshalb besser fallen gelassen werden.

Bangladesch: Rückführung Rohingya nach Myanmar gescheitert
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Dehli
22.08.2019 12:28 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 22. August 2019 um 15:11 Uhr.

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