Der kolumbianische linke Präsidentschaftskandidat Gustavo Petro von der Koalition „Historischer Pakt“ jubelt, nachdem er in der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen in Bogota, Kolumbien, gewonnen hat | REUTERS

Präsidentenwahl in Kolumbien In die Stichwahl gegen den "TikTok-Alten"

Stand: 30.05.2022 09:29 Uhr

Jahrzehntelang hatten linke Kandidaten in Kolumbien keine Chance. Nun hat der frühere Guerillakämpfer Petro die erste Runde der Präsidentenwahl gewonnen. In der Stichwahl könnte es aber nochmal spannend werden.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Rio de Janeiro

"Heute ist ein Tag des Triumphes", ruft Linkskandidat Gustavo Petro, als er endlich auf die Bühne tritt, gut zwei Stunden nachdem die Auszählung längst keine Zweifel mehr ließ. Und so richtig feiern konnte die Linke an diesem Abend auch nicht. Zwar holte Petro mehr als 40 Prozent der Stimmen, aber es geht in die Stichwahl. Das war erwartet worden.

Anne Herrberg ARD-Studio Rio de Janeiro

Die Parteien, die mit dem amtierenden Präsidenten Duque und seinem politischen Projekt verbündet seien, hätten eine klare Niederlage erlitten, so Petro. "Diese Wahl hatte eine klare Nachricht an die Welt: Eine Ära ist zu Ende gegangen."

Die amtierende Rechte hat Kolumbiens Geschicke in den vergangen 20 Jahren maßgeblich bestimmt. Duque allerdings scheidet als der wohl unbeliebteste Präsident überhaupt aus dem Amt. Dass er und seine Partei bei diesen Wahlen einen anderen unterstützten, dürfte eher eine Belastung gewesen sein. Federico "Fico" Gutierrez, hinter dem sich Kolumbiens traditionelle Elite versammelte, schaffte es nicht mal in die Stichwahl.

Hernandez ist der große Überraschungssieger

Linkskandidat Petro trifft dort nun stattdessen auf den 77-jährigen Bauunternehmer Rodolfo Hernandez. Er ist der eigentliche Überraschungssieger dieses Abends. Denn bis vor wenigen Wochen war Hernandez noch kaum jemandem ein Begriff, nun holte er 28 Prozent der Stimmen. Mit einem einzigen Thema: dem Kampf gegen die Korruption.

"Heute hat das Land der Vetternwirtschaft und der Korruption verloren. Heute haben die Politikerfamilien verloren, die dachten, sie könnten ewig an der Macht bleiben. Heute haben die Bürger und Kolumbien gewonnen", erklärte Hernandez per Live-Stream und Selfie-Cam aus der Küche seiner Finca. Der "Alte von TikTok" nennt er sich auch.

Hernandez präsentiert sich als Politik-Außenseiter, eine Partei hat er nicht hinter sich. Und genau das ist für Petros linkes Bündnis "Historischer Pakt" nun ein Problem: Die klassische Polarisierung, links gegen rechts, alt gegen neu, funktioniert bei Hernandez nicht mehr. Das weiß auch Petro.

Unterstützung aus dem rechten Lager

Korruption bekämpfe man nicht mit Sätzen auf TikTok, erklärte er nun. Kolumbien müssen entscheiden, welche Art des Wandels es wolle. "Es gibt Veränderungen, die sind kein Wandel, sondern ein Sprung ins Leere", so Petro.

Der unterlegene Rechtskandidat Fico Gutierrez teilte bereits mit, dass seine Stimme in der Stichwahl Hernandez gehöre. Das war zu erwarten, schließlich rückte er Petro im Wahlkampf stets in die Nähe von Autokraten in Venezuela und Nicaragua.

Petro kämpfte in seiner Jugend bei einer linken Guerilla, bis diese 1990 die Waffen abgab, seitdem ist er als Abgeordneter, Bürgermeister von Bogota und Senator in der Politik. Er will Reiche höher besteuern, unabhängiger von Öl und Gas werden, mehr in Umweltschutz investieren. Seine Anhänger sehen ihn als grünen Sozialdemokraten. Doch der Ruf, die Institutionen nicht zu respektieren, hängt ihm an.

Kein leichtes Spiel für das linke Bündnis

Ist die zweite Wahlrunde für das linke Bündnis mit der neuen Konstellation bereits verloren? Abwarten, glaubt Daniel Racero, der als Abgeordneter des Linksbündnisses Historischer Pakt im Kongress sitzt. Politik funktioniere nicht wie ein einfaches Summenspiel. "In der zweiten Runde müssen die Karten auf den Tisch gelegt werden" sagte Racero. "Rodolfo präsentiert sich als Kämpfer gegen das Establishment und deren Korruption. Nun wird sich zeigen, ob er am Ende nicht doch genau die Stimmen und Strukturen sucht, die er vorher so kritisiert hat."

Eine prominente Unterstützerin hat Hernandez bereits: Ingrid Betancourt, einstige Grünenpolitikerin, bis sie 2002 im Wahlkampf von den FARC entführt wurde, hatte ihre eigene Kandidatur aufgegeben und sich für Hernandez ausgesprochen.

Der Wahlkampf in Kolumbien geht in die zweite Runde: Linkskandidat Petro ist dabei kein klarer Favorit mehr, sondern für einen Wahlsieg darauf angewiesen, auch seine Gegner davon zu überzeugen, dass er für einen Wandel in Kolumbien innerhalb der demokratischen Spielregeln der Richtige ist.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 30. Mai 2022 um 08:50 Uhr.