Eine Frau und ein Kind in Sanaa halten Bilder mit Friedenstauben in den Händen | Bildquelle: YAHYA ARHAB/EPA-EFE/REX/Shutters

Krieg im Jemen Friedensgespräche für ein vergessenes Land

Stand: 06.09.2018 07:20 Uhr

22 Millionen Menschen sind im Jemen auf Hilfe angewiesen. Der Krieg bringt Hunger, Krankheit und Tod. Das Land sterbe allein, beklagen UN-Helfer. Heute beginnt in Genf eine neue Runde von Friedensgesprächen.

Von Georg Schwarte, ARD-Studio New York

Radhya Almutwakel kämpfte mit den Tränen damals. Die Menschenrechtlerin aus dem Jemen von der Mwatana Organisation für Menschenrechte saß vor gut einem Jahr im UN-Sicherheitsrat. Sie komme aus dem vergessenen Jemen, einem Land vor dem Zusammenbruch. Nichts aber hat sich seither geändert. Helfer kommen in den Sicherheitsrat. Monat um Monat erzählen sie vom Sterben: Der Jemen, wie ein Bus voller Jemeniten, der auf einen Abgrund zurast, sagt Auke Lootsma, einer der verzweifeltsten UN-Mitarbeiter überhaupt. Er ist der Direktor des UN-Entwicklungshilfeprogrammes für den Jemen. Aber das einzige, was sich entwickele, sei die Katastrophe.

Immer wieder Angriffe auf Schüler und Krankenhäuser

Der Bus rast weiter: Tausende Tote, wöchentliche Angriffe auf Schüler, Krankenhäuser. 17 Millionen Menschen sind angewiesen auf Lebensmittelhilfen. Sechs Millionen direkt vom Hunger bedroht. Und dann auch noch die Cholera. Muhammed Haydi arbeitet seit 25 Jahren für das Welternährungsprogramm. Auch er versuchte vergeblich, dem UN-Sicherheitsrat zu erklären, warum es bald zu spät sein wird für den Jemen. Er hat Elend erlebt. Aber als er unlängst aus dem Jemen zurückkam, sagte er den 15 Mitgliedern des höchsten UN-Gremiums, diese Bilder werde er, der Familienvater, nie mehr vergessen:

"Zwangsrekrutierte Kinder. Mädchen, zwangsverheiratet, weil die Eltern nicht mehr wissen, wie sie ihre Kinder ernähren sollen. Fast drei Jahre Bürgerkrieg. Krieg macht Hunger, macht Krankheit, macht hilflos, weil die Welt zuschaut", sagt der hilflose Mann den 15 UN-Botschaftern: Der Jemen fühle sich im Stich gelassen. Das Land sterbe allein: "Wir sind in der Hand Gottes."

Blockaden im Sicherheitsrat

Gerade erst hat Russland im Sicherheitsrat eine von Großbritannien eingebrachte Resolution für ein Waffenembargo gegen den Jemen per Veto blockiert. Hier steht die von Saudi-Arabien unterstützte Regierung des Präsidenten Al Mansour. Da die vom Iran belieferten Huthi-Rebellen. Und mittendrin das Volk. Der Jemen ist mittlerweile die größte von Menschen gemachte Hungerkatastrophe der Welt samt des größten Choleraausbruches, sagt UN-Helfer Auke Lootsma.  

Stephen O'Brien (Archivbild)
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UN-Koordinator O'Brien appellierte immer wieder an den Sicherheitsrat, endlich zu handeln.

Jetzt also Friedensgespräche, während 70 Prozent der Einwohner nicht wissen, woher sie am nächsten Tag ihr Essen bekommen sollen. Lehrer streiken, Wasserwerker sind seit Monaten unbezahlt, Ärzte und Krankenschwestern fliehen. Als der ehemalige UN-Nothilfekoordinator Stephen O’ Brien wieder mal den Sicherheitsrat anflehte, endlich zu handeln, sagte er: "Wenn ich hier aufhöre zu reden, wird ein weiteres Kind im Jemen an einer vermeidbaren Krankheit gestorben sein." 14 Minuten sprach er damals.

Jemen, ein von der Welt vergessenes Land. Die Kinder dort seien Gottes vergessene Kinder. Es sei der schäbigste Stellvertreterkrieg auf Erden. Iran gegen Saudi-Arabien. Und die Welt schaut auf eine Katastrophe, die nicht mehr nur drohe, sagte Stephen O‘Brien den betroffen schauenden UN-Botschaftern. Die Katastrophe sei längst da.

Der vergessene Krieg im Jemen. Hintergrund zum Beginn der Friedensgespräche
Georg Schwarte, ARD New York
06.09.2018 06:43 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 06. September 2018 um 07:53 Uhr.

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