Studenten in Hongkong recken bei einer Protestaktion die Hände mit ausgestreckten Fingern in die Höhe. | Bildquelle: AFP

Proteste in Hongkong Aus der Schule auf die Straße

Stand: 02.10.2019 14:29 Uhr

Der Protest in Hongkong wird jünger. Der Schuss eines Polizisten auf einen 18-Jährigen schürt die Wut bei Schülern und Studenten. Und Gewalt als Mittel scheint seinen Schrecken zu verlieren.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Rund 50 Schülerinnen und Schüler des Leung Sing Tak College im Norden Hongkongs haben sich auf dem Schulhof versammelt. Bei 32 Grad Celsius stehen sie in adretten blau-weißen Schuluniformen in der prallen Sonne - und sie skandieren "Gaa Jau" ("Auf geht's!") - den Schlachtruf der Hongkonger Protestbewegung.

Mehr als 100 Menschen sind am Vortag bei den Anti-Regierungs-Protesten verletzt worden, darunter ein 18-Jähriger, der auf eine Schule geht, die direkt gegenüber des Leung Sing Tak Colleges liegt. Man kennt sich, erzählt die 16-jährige Schülerin Nicole:

"Der Vorfall macht uns auch hier alle sehr traurig. Die Polizei hat diesen Schüler aus kurzer Distanz angeschossen. Sie haben sich nicht einmal entschuldigt, sondern schieben die Verantwortung auf uns, die Schüler und Studenten."

Der 18-Jährige Schüler liegt schwer verletzt im Krankenhaus. Sein Zustand sei inzwischen stabil, heißt es.

Behörden und Aktivisten geben sich gegenseitig die Schuld

Er wurde am Rande eines nicht genehmigten Protestzugs angeschossen, als er gemeinsam mit weiteren Demonstranten auf Polizisten einschlug. Die Behörden sagen: Der Schuss erfolgte aus Notwehr. Aktivisten argumentieren, der Polizist hätte auch andere Mittel gehabt, um sich zu wehren: Pfefferspray etwa.

Verwackelte Handy-Videos, die den Vorfall zeigen, sind das Gesprächsthema in Hongkong. Auf den Aufnahmen ist zu sehen, dass die Demonstranten vor dem Schuss äußerst brutal und energisch auf die Polizisten einprügelten.

"Erst Tränengas, heute schießen sie auf Leute"

Immer mehr junge Leute in Hongkong rechtfertigen diese Art des gewaltsamen Protestes. Denn letztlich sei die von der verhassten Staats- und Parteiführung in Peking eingesetzte Regierung verantwortlich für die Eskalation der vergangenen Wochen. So sieht es auch der 16-jährige Schüler Calvin: "Sie setzen zu viel Gewalt ein, um die Demonstranten zu stoppen. Zu Beginn war es Tränengas, heute schießen sie auf die Leute."

SchülerInnen protestieren in Hongkong | Bildquelle: Steffen Wurzel/ARD
galerie

Der Schuss auf einen 18-jährigen Demonstranten beschäftigt auch die Schüler des Leung Sing Tak College in Hongkong.

"Wir werden Rache nehmen"

Ein großer Teil der Demonstranten ist nach wie vor friedlich und besonnen. Doch immer deutlicher wird: Die Situation verhärtet sich.

Ein Vertreter der "Civil Human Rights Front", einer Gruppe von Anti-Regierungs-Aktivisten, drohte der festlandchina-freundlichen Regierung bei einer Pressekonferenz:

"Wenn Sie auf uns nicht eingehen, dann werden wir, wenn wir an der Macht sind, Rache nehmen für alles, was uns angetan wurde."

"Wir wissen zwar nicht, wie es in Hongkong genau weitergehen wird", sagt der Schüler Calvin: "In den kommenden Wochen wird es wohl weitergehen - auch mit Gewalt und Randalen. Wir wollen, dass Regierungschefin Carrie Lam auf unsere Forderungen eingeht und dass die Polizei auf den Einsatz von Gewalt verzichtet."

Hongkong: Schüler-Proteste nach Polizei-Schuss auf 18-Jährigen
Steffen Wurzel, ARD Shanghai, zzt. Hongkong
02.10.2019 13:39 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. Oktober 2019 um 13:00 Uhr.

Darstellung: