Ein Garifuna baut eine Hütte am Strand von Triunfo de la Cruz. | Bildquelle: AFP

Garífuna in Honduras Angst vor Staat, Drogenclans und Investoren

Stand: 30.08.2020 04:24 Uhr

Die Garífuna leben an der Karibikküste von Honduras - in einer Region, die schön, fruchtbar und reich an Bodenschätzen ist. Viele finden diese Gegend attraktiv. In einem Land wie Honduras kann das zur Gefahr werden.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko-Stadt

"Wir wollen Gerechtigkeit", skandieren die Demonstranten, wie in einem Video auf Twitter zu sehen ist. Genau wie in den vergangenen Tagen rufen die Garífuna auch heute zum Protest auf. Sie wollen die Mitglieder ihrer Gemeinde lebendig wiedersehen. Am 18. Juli waren vier junge Männer und der Präsident der Gemeinde verschleppt worden.

"Es war ein Samstag", berichtet Miriam Miranda am Telefon. "Die Straßen des Dorfes El Triunfo de la Cruz waren menschenleer, denn am Wochenende gibt es während der Pandemie eine Ausgangssperre." Drei Fahrzeuge seien dann plötzlich aufgetaucht. "Die Männer in den Fahrzeugen waren schwer bewaffnet, sie trugen Polizeiuniformen."

Omar Guzman zeigt auf seinem Handy ein Bild seines Bruders Suamy Aparicio Mejia. Er ist einer der Männer, die seit Wochen vermisst werden. | Bildquelle: AFP
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Omar Guzman zeigt auf seinem Handy ein Bild seines Bruders Suamy Aparicio Mejia. Er ist einer der Männer, die seit Wochen vermisst werden.

Die Lage am Meer wird vom Segen zum Fluch

Miranda ist die Koordinatorin der Organisation "Ofraneh", die sich für die Rechte der Garífuna einsetzt. Die afro-honduranische Gemeinde lebt an der Karibikküste von Honduras. Die Region ist fruchtbar und reich an Bodenschätzen. "Wir leben direkt an dem Küstenstreifen, vor unserer Haustür sind die Strände. Das ist natürlich ein großer Segen. Aber es hat sich in einen Fluch für unsere Gemeinden verwandelt. Denn wir leben in einem Narco-Staat." Den Begriff "Narco-Staat" verwendet man im Spanischen für einen Staat, dessen Institutionen in Drogenhandel verstrickt sind.

In den vergangenen Jahren wurden immer wieder Großprojekte angeschoben - etwa im Tourismus. Und diese Projekte bedrohen die natürlichen Lebensgrundlagen der Garífuna. Multinationale Unternehmen bauten widerrechtlich auf ihrem Land, kultivierten Palmöl-Monokulturen.

Garifuna am Strand von Triunfo de la Cruz. | Bildquelle: AFP
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Die Garífuna leben direkt an der Karibikküste - in einer Region, die viele attraktiv finden.

"Sie wollen das Volk der Garífuna komplett zerstören"

Investoren seien aufgetaucht, bei denen nicht einmal klar gewesen sei, woher sie kamen, sagt Miranda. Die Garífunas wehren sich dagegen. Seit Jahren gibt es Auseinandersetzungen zwischen den Gemeinden, dem organisierten Verbrechen und dem Staat. Regelmäßig kommt es zu Drohungen und Übergriffen auf die Garífuna. Sie selbst sei Ziel von Angriffen geworden, bekam Morddrohungen. "Der Staat hat einen Plan: Sie wollen das Volk der Garífuna komplett zerstören", sagt Miranda.

In dem Fall der fünf Verschwundenen hat der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte einen Ermittlungsbericht angefordert. Doch das Ergebnis sei kläglich: "Es gibt keinen Hinweis, dass in diesem Fall wirklich ermittelt wird. Wir wurden auch nicht beteiligt, befragt als Organisation, die die Garífuna vertritt."

Garifuna mit Protestplakaten vor dem Obersten Gericht in Tegucigalpa | Bildquelle: AFP
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"Die Leben von Garífuna zählen auch", steht auf dem Plakat, das eine Frau vor dem Obersten Gericht in die Höhe hält - wohl bewusst eine Anspielung auf die "Black Lives Matter"-Bewegung in den USA. Die Garífuna fordern von den Behörden in Honduras Aufklärung über das Schicksal der Verschwundenen.

Eines der gefährlichsten Länder

Honduras führe die Liste der weltweit gefährlichsten Länder für Land- und Umweltrechtsverteidiger an, sagt die Amerika-Direktorin von Amnesty International, Erika Guevara-Rosas. Angesichts der jüngsten Vorfälle kritisiert die Menschenrechtsanwältin, dass die Regierung bis heute ein Urteil des Interamerikanischen Gerichtshofs für Menschenrechte nicht umgesetzt hat.

2015 hatte er die honduranische Regierung verpflichtet, die Ländereien der Garífunas als Kollektivland zu markieren, um weitere Gewalt zu verhindern. Doch das Gegenteil sei der Fall. "Im letzten Jahr gab es 212 Angriffe auf Aktivisten, die sich gegen Landraub gewehrt haben, einige kamen dabei ums Leben, andere überlebten die gewaltsamen Angriffe", so Guevara-Rosas. Laut der Organisation "Ofraneh" starben 16 Aktivsten bei diesen Übergriffen.

Miriam Miranda fordert die sofortige Aufklärung der Geschehnisse. Die Koordinatorin von "Ofraneh" hat für ihr Engagement im vergangenen Jahr den Menschenrechtspreis der Friedrich-Ebert-Stiftung erhalten. Sie setzt sich seit mehr als 30 Jahren für die Rechte der Garífuna ein. "Der honduranische Staat muss politischen Willen zeigen und das Urteil des Interamerikanischen Gerichtshofs für Menschenrechte umsetzen. Solange das nicht passiert, wird es auch keine Sicherheit, keine Ruhe und keinen Frieden für die Garífuna geben."

Von den fünf Verschwundenen fehlt nach wie vor jede Spur.

Verschwunden in Honduras - Die Garífuna kämpfen um ihre Rechte
Anne Demmer, ARD Mexiko-Stadt
29.08.2020 23:58 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 30. August 2020 um 12:20 Uhr.

Korrespondentin

Anne Demmer  | Bildquelle: Klaus Dieter Freiberg Logo rbb

Anne Demmer, rbb

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