Flammen und Rauch über dem Lager | AP

Lager in Bosnien geräumt Großbrand in Flüchtlingslager Lipa

Stand: 27.12.2020 18:55 Uhr

Einen Tag vor Weihnachten hat die Internationale Organisation für Migration das in der Kritik stehende Flüchtlingslager Lipa in Bosnien geschlossen. 1300 Menschen sind nun ohne Obdach. Einige setzten offenbar aus Frust ihre Zelte in Brand.

Die Internationale Organisation für Migration (IOM) hat einen Tag vor Weihnachten das Aufnahmelager Lipa in der Nähe der bosnischen Stadt Bihac geschlossen. Rund 1300 Flüchtlinge würden nun auf der Straße stehen, sagte Natasa Omerovic, die Koordinatorin des Lagers, dem Nachrichtenportal "klix.ba". Die IOM hatte zuvor bereits gedroht, das Camp sich selbst zu überlassen, wenn es nicht winterfest gemacht wird: Es ist nur über Feldwege zu erreichen und weder an das Wasser- noch an das Stromnetz angeschlossen. Dafür zuständig sind allerdings die bosnischen Behörden. Nun entschied die IOM das Camp endgültig zu räumen.

Kurz vor der Räumung setzten einige Bewohner Zelte und Container in Brand. Eine dicke schwarze Rauchwolke war weithin sichtbar. Zu dem Zeitpunkt sei das Lager bereits fast leer gewesen, erklärte Peter Van der Auweraert, der IOM-Vertreter in Bosnien, auf Twitter. Es sei niemand verletzt worden. Aber fast die gesamte Infrastruktur in dem Lager sei zerstört oder beschädigt worden, es sei ein "fürchterlicher Tag". Feuerwehren konnten den Brand löschen. Die Polizei ermittelt nun nach den Brandstiftern.

Tausende obdachlos im Winter

Was nun mit den Bewohnern des Lagers passiert, ist unklar. Ein Teil von ihnen dürfte versuchen, nach Kroatien und damit in die EU zu gelangen. Andere werden wohl oder übel bleiben: in Wäldern, auf Felder oder in leerstehenden Gebäuden. In den offiziellen Camps werden die meist alleinstehenden Männer keinen Platz finden, denn diese sind bereits überbelegt. Insgesamt könnten je nach Schätzung mehr als 3000 Menschen im Nordwesten von Bosnien mitten im Winter obdachlos sein.

Das Lager Lipa liegt in einem unwirtlichen Gelände 25 Kilometer südöstlich von Bihac. Es war im Frühjahr errichtet worden, nachdem die bosnischen Behörden die Schließung des Lagers Bira am Stadtrand von Bihac angeordnet hatten. Die Flüchtlinge und Migranten sollten durch diese Maßnahme aus dem Stadtbild der 60.000-Einwohner-Stadt im Nordwesten Bosniens verschwinden. 

Internationale Kritik an Bosnien

Ihr Versprechen, Lipa an Strom und Wasser anzuschließen, lösten die Behörden aber nie ein. Flüchtlingshelfer kritisierten die menschenunwürdigen Zustände in dem Lager. Die österreichische Organisation SOS Balkanroute bezeichnete es als das "Moria vor unserer Haustür", in Anspielung auf das Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos, das im September abbrannte. Auch die EU übte deutliche Kritik: "Die Lage von Migranten in Bosnien und Herzegowina ist alarmierend", kritisierten die EU-Kommissariate für Äußeres, Migration und Erweiterung am Montag.

Wegen der unmittelbaren Nähe zum EU-Land Kroatien üben Bihac und der Kanton Una-Sana eine große Anziehungskraft auf Flüchtlinge und Migranten aus. Durch Bosnien verläuft ein Ableger der sogenannten Balkanroute, über die Flüchtlinge und Migranten aus der Türkei nach Westeuropa zu gelangen versuchen.

Mit Informationen von Srdjan Govedarica, ARD-Studio Wien
Anmerkung: In einer früheren Version des Textes hieß es, dass je nach Schätzung mehr als 1500 Menschen obdachlos seien. Richtig ist, dass die Zahl bei insgesamt mehr als 3000 Menschen liegt. Das Flüchtlingslager wurde zudem im Frühjahr errichtet und nicht im September.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. Dezember 2020 um 17:00 Uhr.