AstraZeneca Impfstoff | AFP

Impfkampagne in Europa Hoffen auf einen Neustart mit AstraZeneca

Stand: 17.03.2021 10:25 Uhr

Nach dem AstraZeneca-Stopp in vielen EU-Staaten richten sich alle Erwartungen auf die EMA. Morgen will die Arzneimittelbehörde ihre Einschätzung zu dem Vakzin abgeben. Hierzulande werden Forderungen lauter, beim Impfen flexibler zu werden.

Die EU-Kommission hofft darauf, dass das Corona-Vakzin von AstraZeneca ab morgen wieder in ganz Europa verimpft werden kann. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) werde dann ihre "abschließende Einschätzung" zur Sicherheit des Mittels vorstellen, sagte Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides nach einer Videokonferenz mit den EU-Gesundheitsministern. "Darauf warten wir und folgen dem wissenschaftlichen Rat der EMA."

Nach Berichten über einen Zusammenhang zwischen der Verabreichung von AstraZeneca und dem Auftreten von Blutgerinnseln hatten viele EU-Länder, darunter Deutschland, die Impfungen mit dem Mittel eingestellt.

Die EMA bekräftigte am Dienstag allerdings erneut ihre ursprüngliche Risikoeinschätzung des Impfstoffs: Es gebe derzeit keine Belege, dass die bei einzelnen Geimpften aufgetretenen Blutgerinnsel von dem AstraZeneca-Impfstoff verursacht worden seien, sagte Behördenchefin Emer Cooke. 

Hintergrund: Thrombosefälle nach AstraZeneca-Impfungen

Grund für das Aussetzen der AstraZeneca-Impfungen waren sieben Fälle einer speziellen Thrombose. Diese sei bei Menschen zwischen etwa 20 und 50 Jahren aufgetreten, teilte das Paul Ehrlich-Institut mit. Sechs der Erkrankten hätten eine sogenannte Sinusvenenthrombose erlitten, davon betroffen gewesen seien Frauen in jüngerem bis mittlerem Alter. In einem weiteren, vergleichbaren Fall sei es zu Hirnblutungen bei einem Mangel an Blutplättchen gekommen.

"Alle Fälle traten zwischen vier und 16 Tage nach der Impfung mit dem Covid-19-Impfstoff AstraZeneca auf", hieß es. Drei der sieben Betroffenen seien verstorben. Das seien mehr Fälle, als normalerweise ohne Impfung in der Bevölkerung auftreten.
 
Das Paul-Ehrlich-Institut weist darauf hin, dass sich Personen, die den Covid-19-Impfstoff von AstraZeneca erhalten haben und sich mehr als vier Tage nach der Impfung zunehmend unwohl fühlen - zum Beispiel mit starken und anhaltenden Kopfschmerzen oder punktförmigen Hautblutungen -, unverzüglich in ärztliche Behandlung begeben sollten.

Bund-Länder-Gipfel vertagt

Neben Portugal und Frankreich richtet auch Deutschland seine Hoffnungen auf die EMA, den Stopp wieder aufheben zu können. Denn eigentlich wollten Bund und Länder heute darüber beraten, wie es beim Impfen schneller vorangeht und wie sie etwa die Arztpraxen einbeziehen können. Doch als Gesundheitsminister Jens Spahn am Montag verkündete, dass die AstraZeneca-Impfungen ausgesetzt werden, warf das den ursprünglichen Plan über den Haufen. Das für die Impfstoff-Sicherheit zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) hatte eine Aussetzung der Impfungen mit AstraZeneca empfohlen.

Das Treffen soll wohl nun am Freitag stattfinden, um die Entscheidung der EU-Agentur abzuwarten. Die Verantwortlichen in Bund und Ländern hatten deshalb auf AstraZeneca gesetzt, da der Impfstoff nicht bei extremen Minusgraden gekühlt werden muss, sondern bei normalen Kühlschranktemperaturen transportiert und aufbewahrt werden kann.

"Wir brauchen diese Impfung"

In seinem Podcast Coronavirus-Update betonte der Virologe Christian Drosten, wie wichtig das Vakzin für die weitere Bekämpfung der Pandemie ist. "Wir brauchen diese Impfung", sagte er. Er und das Robert Koch-Institut (RKI) befürchten, dass die Inzidenz nach Ostern bei 300 liegen könnte. Die aus seiner Sicht wichtige Einbeziehung der Hausarztpraxen bei den Corona-Impfungen stehe und falle mit der Verfügbarkeit des AstraZeneca-Impfstoffs.

Der Bundesvorsitzende des Virchowbundes der niedergelassenen Ärzte, Dirk Heinrich, verlangte Änderungen an der Impfstrategie. "Wir müssen jetzt viel mehr BioNTech für die Jüngeren nehmen", sagte Heinrich dem "Tagesspiegel".

"Müssen flexibler werden"

Die Verantwortlichen in Bund und Ländern sehen einen Rückschlag für die Impfkampagne. Auf ihrem Gipfel wollen sie nun klären, wie sie die Impfkampagne voranbringen können, um letztlich Vertrauen zurückzugewinnen.

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet forderte im Vorfeld, man müsse von der Impfbürokratie herunterkommen, schneller werden und auch am Wochenende impfen, sagte der CDU-Vorsitzende in einem ARD extra. Laschet räumte ein, dass das Aussetzen der Impfungen mit AstraZeneca die Planungen zurückgeworfen habe. Der NRW-Regierungschef betonte aber, wenn es Warnungen der Wissenschaft gebe, sollte die Politik Ratschläge übernehmen.

Auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann, sagte in der Talkshow "Markus Lanz", wenn mehr Impfstoff da sei und die Fragen bei AstraZeneca beantwortet seien, müsse man auch in Arztpraxen impfen und dort die Impfpriorisierung lockern. "Wir bleiben bei bestimmten Prinzipien, aber wir sollten sie etwas lockerer, flexibler und mutiger anwenden."

Scholz hofft auf den Sommer

Bundesfinanzminister Olaf Scholz hofft auf ein positives Signal der EMA, AstraZeneca weiter zu nutzen. Gleichwohl werde der verfügbare Impfstoff bald immer mehr werden, sagte der SPD-Kanzlerkandidat in einem ZDF-spezial. Im Juni/Juli könnten es in Deutschland vielleicht zehn Millionen Impfdosen pro Woche sein. Dann müsse alles vorbereitet und geklärt sein, was Impfzentren, was Hausärzte und was Betriebsärzte schaffen können.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte im ZDF, er hätte sich anders als Spahn dagegen entschieden, AstraZeneca-Impfungen auszusetzen. Er erwarte, dass die EMA empfehle, AstraZeneca weiter einzusetzen. "Danach werden wir für den Impfstoff werben müssen", machte Lauterbach deutlich.

Attacken gegen Spahn

Gesundheitsminister Spahn gerät wegen seiner Entscheidung weiter unter Druck. FDP-Vize Wolfgang Kubicki legte Kanzlerin Angela Merkel die Entlassung des Ministers nahe. Die Leistungen von Herrn Spahn als Gesundheitsminister könne man nur mit einer Fünf oder Sechs bewerten. "Spahn ist seiner Aufgabe nicht gewachsen", urteilte Kubicki.

Auch Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt attackierte Spahn. Mit dem unkoordinierten und schlecht vermittelten Aussetzen der Impfungen mit AstraZeneca habe der Gesundheitsminister das Vertrauen in die Impfpolitik weiter untergraben, sagte sie den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Spahn und die Regierung müssten nun "einen Plan auf den Tisch legen, wie der Schutz durch Impfungen rasch hochgefahren werden kann", forderte Göring-Eckardt.

Auch der Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch findet den Stopp falsch: "Ich fordere, dass der Impfstoff AstraZeneca an diejenigen, die geimpft werden wollen, auch weiterhin verimpft werden kann", sagte er. Das wäre dringend notwendig.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau im ARD-Morgenmagazin am 17. März 2021 um 05:30 Uhr.