Zwei Kinder beim chinesischen Laternenfest. | Bildquelle: dpa

Nachwuchssorgen Der Baby-Boom in China bleibt aus

Stand: 07.03.2018 10:00 Uhr

Die seit 2016 geltende Zwei-Kind-Politik hat in China nicht für die erhoffte demografische Entspannung gesorgt. Im Gegenteil: Die Zahl der Geburten ist sogar zurückgegangen.

Von Axel Dorloff, ARD-Studio Peking

Im vergangenen Jahr kamen in China etwa 17 Millionen Kinder zur Welt. Das waren 630.000 Kinder weniger als 2016. Dabei sollte die Zwei-Kind-Politik, die seit Anfang 2016 gilt, für einen Baby-Boom sorgen. Stattdessen steht die neue Regelung wegen Erfolgslosigkeit schon wieder auf dem Prüfstand.

Experten schlagen Alarm und erhoffen sich neue Impulse vom Volkskongress, der derzeit in Peking tagt. Weil die arbeitende Bevölkerung schrumpft und die Alten immer mehr werden, steht China vor riesigen Problemen.

Kein Geld für ein zweites Kind

Eine typische Ein-Kind-Familie in China: Song Yan und seine Frau Li Ling sind Mitte 30 und haben eine Tochter. Sie leben in Peking, Chinas Hauptstadt ist mittlerweile eine der teuersten Städte der Welt.

Ein zweites Kind ist nicht geplant, sagt der Vater der dreijährigen Song Yue und fügt hinzu: "Wir haben nicht das Geld und die Möglichkeiten für ein zweites Kind. Meine Eltern werden älter, wir brauchen Zeit und Energie für sie. Wir haben auch keine guten Schulen und öffentliche Kindergärten bei uns in der Gegend."

Babies auf der Neugeborenenstation | Bildquelle: picture alliance / Chen Bin/Imag
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Experten fordern ein Ende der Zwei-Kind-Politik.

Die Rechnung geht nicht auf

Vor mehr als zwei Jahren hat die chinesische Regierung die Ein-Kind-Politik abgeschafft. Fast vier Jahrzehnte galt in China eine strenge Geburtenkontrolle, nicht selten durchgesetzt mit Zwangsabtreibungen.

Die neue Zwei-Kind-Politik sollte für einen Baby-Boom sorgen. Aber die Rechnung geht nicht auf. 17,9 Millionen Geburten im Jahr 2016. Und nur 17,2 Millionen Geburten im Jahr 2017.

Untersuchungen zeigen, dass drei von vier Ein-Kind-Familien in China gar kein zweites Kind wollen. Denn sie wissen nicht, wie sie Beruf und Kinder vereinbaren sollen. Weil das Leben in Chinas Städten zu teuer geworden ist und Kindergartenplätze fehlen.

Wer keine Großeltern zum Helfen hat oder genügend Geld für private Kinderbetreuung, der entscheidet sich eher nicht für ein zweites Kind.

Experten schlagen Alarm

Derzeit tagt in Peking der Volkskongress und Experten wie Lu Jiehua schlagen Alarm. Er ist Soziologe an der renommierten Peking Universität: "Unser Land muss so schnell wie möglich die Zwei-Kind-Politik auf den Prüfstand stellen. Wir brauchen eine schnelle Antwort, wir müssen die Zwei-Kind-Politik abschaffen. Lasst die Familien mehr Kinder kriegen. Einige wollen sogar drei Kinder. Das ist das eine. Zum zweiten brauchen wir endlich eine familienfreundlichere Politik."

"Es gibt genügend politische Maßnahmen, die die Regierung umsetzen könnte. Ein längerer Mutterschutz, eine Elternzeit für den Vater. Außerdem muss die Regierung genügend öffentliche Kindergartenplätze bereitstellen", fordert Lu Jiehua. Die arbeitende Bevölkerung in China schrumpft, gleichzeitig steigt der Anteil der Alten in den nächsten Jahren weiter an.

Mann hält Baby auf dem Arm | Bildquelle: AFP
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Auch in China birgt die demografische Entwicklung enorme soziale Sprengkraft.

Schlecht auf alternde Gesellschaft vorbereitet

Die Volksrepublik ist schlecht darauf vorbereitet, der Alterung der Gesellschaft zu begegnen, so Lu Jiehua und fügt hinzu: "Renten werden ein großes Thema. Weil immer mehr Menschen Rente bekommen, aber immer weniger arbeiten. Die medizinische Versorgung wird ein Problem, weil eine ältere Gesellschaft mehr davon braucht. Und dann die Pflege und Betreuung der älteren Menschen. Nach konfuzianischer Tradition übernehmen das in China noch oft die Familien. Aber wer soll sich darum in Zukunft kümmern?"

Es gibt zu viele Ein-Kind-Familien und die Kinder wohnen nicht selten Tausende Kilometer weit weg. Die Alten bleiben dann alleine in den Dörfern zurück. Auch Li Ling, die Mutter der dreijährigen Song Yue, möchte später nicht ihre Tochter in die Pflicht nehmen: "Wir wollen nicht, dass unser Kind sich später um uns kümmern muss. Sie hat dann ihr eigenes Leben."

Zu wenig Nachwuchs: das Problem mit Chinas Zwei-Kind-Politik
Axel Dorloff, ARD Peking
07.03.2018 08:49 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. März 2018 um 05:47 Uhr.

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