Anschlag auf den Boston-Marathon

Nach Anschlägen auf Marathon Prozess um Leben und Tod

Stand: 04.03.2015 13:16 Uhr

In Boston geht der Prozess gegen den 21-jährigen Dschochar Zarnajew, der beim Marathon vor zwei Jahren zwei Bomben gelegt haben soll, in die entscheidende Phase. Drei Menschen starben. Bei einem Schuldspruch droht ihm die Todesstrafe.

Von Sabrina Fritz, SWR, ARD-Hörfunkstudio Washington

Es war keine leichte Aufgabe, vor die das Gericht in Boston gestellt war. Es musste Geschworene finden, die aus der Umgebung kommen, aber in keiner Weise voreingenommen oder von dem Anschlag auf den Marathon vor fast zwei Jahren betroffen sind. Die Verteidiger des mutmaßlichen Attentäters Dschochar Zarnajew hatten bis zum Schluss angezweifelt, dass dies in Boston überhaupt möglich ist. Sie wollten deshalb den Prozess in eine andere Stadt verlegen, doch der Richter lehnte vier Mal ab.

Nun hat das Gericht aus über 1000 möglichen Geschworenen acht Männer und zehn Frauen ausgewählt. Darunter eine Rentnerin, ein Flugloste und eine Sozialarbeiterin. Heute beginnt das eigentliche Verfahren. Anklage und Verteidigung werden ihre Eröffnungsreden halten. Dabei geht es buchstäblich um Leben oder Tod. Wenn die Jury den Angeklagten schuldig spricht, droht ihm die Todesstrafe. Die Verteidiger sind entsprechend vorbereitet, sie haben Judy Clarke im Team, eine Top-Anwältin die darauf spezialisiert ist, diese Höchststrafe abzuwenden.

"Ich habe das Boot gesehen, und ich habe viel Blut gesehen."

Dass es ein emotionaler Prozess werden würde, zeichnete sich schon in den vergangenen Tagen ab. Zarnajews Anwälte hatten beantragt, das Boot in den Gerichtssaal zu bringen, in dem der heute 21-Jährige gefunden wurde. Die "Slip Away II" lag im Garten eines Hauses von Watertown, wenige Kilometer von Boston entfernt. Dort hatte David Henneberry den mutmaßlichen Bombenleger gefunden. "Ich habe das Boot gesehen und ich habe viel Blut gesehen. Ich habe mich gefragt, ob ich mich das letzte Mal geschnitten habe, und dann habe ich den Körper gesehen," erzählte er im amerikanischen Fernsehen.

Zarnajews Verteidiger im Januar bei der Geschworenenauswahl. Judy Clarke (Mitte) ist darauf spezialisiert, Todesstrafen abzuwenden.
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Zarnajews Verteidiger im Januar bei der Geschworenenauswahl. Judy Clarke (Mitte) ist darauf spezialisiert, Todesstrafen abzuwenden.

Das Argument der Verteidigung für das Zeigen des Boots im Gerichtssaal: Die Jury könne sich ein Bild davon machen, wie sich Zarnajew in dem Boot versteckte und dabei seine Botschaften an die Bootswand kritzelte. Dort stand zum Beispiel: "Wenn die USA einen Muslimen verletzten, verletzten sie uns alle." Oder: "Die USA sollen aufhören, unschuldige Menschen zu töten, dann hören wir auch auf." Das Boot hat Einschusslöcher, es ist voller Glas und Blutspuren. Die Anklage wirft der Verteidigung vor, sie wolle damit Mitleid für den Angeklagten erregen.

Angeklagter hat sich in allen Punkten für unschuldig erklärt

Im Gerichtsaal werden auch Menschen sein, die bei dem Anschlag schwer verletzt wurden. Vor Prozessbeginn sagte ein Opfer, das ein Bein verlor: "Ich möchte den Menschen sehen, der mein Leben verändert hat und ich möchte den anderen Opfern nahe sein, besonders den Amputierten."

Dschochar Zarnajew ist in 30 Punkten angeklagt, darunter Mord, schwere Körperverletzung und Einsatz von Massenvernichtungswaffen. Er und sein Bruder Tamerlan sollen beim Boston-Marathon 2013 zwei Rücksäcke mit Bomben gezündet haben. Diese waren aus Schnellkochtöpfen gebastelt und mit Sprengstoff und Nägeln gefüllt. 260 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt, einige verloren ein Bein, drei Menschen starben. Zarnajew hat sich in allen Punkten für unschuldig erklärt. Die Verteidigung hatte angeboten, dass er die Taten zugibt, wenn damit die Todesstrafe vom Tisch kommt. Doch darauf wollte sich die Anklage nicht einlassen.

Die Anwälte werden wohl versuchen, die gesamte Schuld auf den älteren Bruder Tamerlan abzuwälzen, der bei der Flucht ums Leben kam. Tamerlan hatte sich in den Jahren vor dem Anschlag islamistischen Ideen angeschlossen und auch mit Al Kaida sympathisiert. 

Der Prozess ist in zwei Phasen aufgeteilt. In Phase eins muss die Jury feststellen, ob Zarnajew schuldig ist oder nicht. In Phase zwei wird dann die Strafe festgelegt. Der Prozess soll drei Monate dauern.

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