Gebäude der Catalent-Pharmafirma im italienischen Anagni | REUTERS

AstraZeneca Verwirrung um Impfdosen-Fund in Italien

Stand: 24.03.2021 17:36 Uhr

Nach dem Fund großer Mengen Impfdosen in Italien wird gerätselt, wohin sie gehen sollten. AstraZeneca wehrt sich nun gegen den Verdacht, Vorräte für Exporte zu lagern. Die Dosen seien für ärmere Länder und EU-Staaten vorgesehen.

Der Fund von 29 Millionen AstraZeneca-Impfdosen in einem Werk in Italien sorgt in der EU für Aufregung. Der britisch-schwedische Hersteller wies nun den Verdacht zurück, er lagere die Dosen als Vorrat etwa für Exporte nach Großbritannien. Es handle sich um verschiedene Kontingente des Impfstoffs, die auf die Freigabe durch die Qualitätskontrolle warteten, teilte eine Sprecherin mit.

16 Millionen Dosen seien bereits zur Lieferung in die EU vorgesehen, die restlichen 13 Millionen seien im Rahmen des Covax-Programms der WHO für arme Länder bestimmt. "Der Impfstoff wurde außerhalb der EU hergestellt und in das Agnani-Werk gebracht, um in Fläschchen abgefüllt zu werden", so die Sprecherin. Derzeit seien keine Exporte außer in Covax-Länder geplant.

"Es ist nicht korrekt, dies als einen Vorrat zu bezeichnen", sagte die Sprecherin weiter. Der Prozess der Herstellung von Impfstoffen sei sehr komplex und zeitaufwendig. Insbesondere müssten die Impfstoffdosen auf die Freigabe durch die Qualitätskontrolle warten, nachdem die Abfüllung der Fläschchen abgeschlossen sei. Ein Sprecher des italienischen Werksbetreibers erklärte, die Lagerung von 29 Millionen Impfdosen sei dort nicht ungewöhnlich. Manchmal habe man auch mehr.

Für wen bestimmt?

Italienische Medien hatten zuerst von dem Fund berichtet. Die Impfdosen seien in der Nähe von Rom entdeckt worden, hieß es. Demnach waren Behördenvertreter bei einer Begehung im Werk der italienischen Firma Catalent in Anagni auf das Vakzin gestoßen. Kisten voll mit Impfstoff stapeln sich in den Kühlhallen des Unternehmens, das seit Monaten für AstraZeneca Corona-Impfstoff abfüllt. Die EU-Kommission bestätigte den Fund.

Die italienische Regierung erklärte in einer Stellungnahme, die Kontrolle sei von Gesundheitsminister Roberto Speranza auf Bitte aus Brüssel angeordnet worden. Die italienische Zeitung "La Stampa" schrieb, die Behörden in Brüssel und Rom befürchteten, dass AstraZeneca plane, den Impfstoff nach Großbritannien zu liefern. Ein Hinweis darauf sei, dass für die Impfstoffcharge bislang keine Zertifizierung durch die Europäische Arzneimittelagentur EMA vorliege.

Die italienische Regierung erklärte später allerdings, dass die Dosen nach Belgien gebracht werden sollten. Von Belgien aus verteilt AstraZeneca seinen Impfstoff an die einzelnen Länder, sowohl innerhalb als auch außerhalb Europas. Bei einem von der italienischen Regierung vor einigen Wochen gestoppten Export nach Australien handelte es sich ebenfalls um Impfstoff, der von Belgien aus transportiert werden sollte.

Exportkontrollen verschärft

Die EU-Kommission liegt seit Längerem im Streit mit AstraZeneca. Sie kritisiert, das britisch-schwedische Unternehmen habe seine Verpflichtungen zur Lieferung von Impfstoff in die EU nicht eingehalten. Unter anderem wegen ausgebliebener Impfdosen von AstraZeneca ist es in mehreren EU-Staaten zu Verzögerungen der Impfkampagne gekommen. Die jetzt in Italien gefundene Zahl an Impfdosen entspricht ungefähr der doppelten Menge, die AstraZeneca bislang an die Europäische Union geliefert hat.

Erst heute verschärfte die EU-Kommission den Exportmechanismus mit dem Ziel, häufiger Nein sagen zu können, wenn Empfängerländer nicht auch Exporte in die EU zulassen. AstraZeneca hatte der EU nach Brüsseler Angaben im ersten Quartal ursprünglich 120 Millionen Impfdosen zugesagt und dies dann auf 30 Millionen gekürzt. "Aber sie sind Stand heute noch nicht einmal in der Nähe dieser Zahl", sagte EU-Kommissionsvizepräsident Valdis Dombrovskis.

Aus deutschen Regierungskreisen hieß es laut dpa, man habe sich gefreut, dass es in dem Werk offensichtlich 29 Millionen Dosen gebe. Schließlich hänge AstraZeneca mit den Lieferungen an die EU um ein Vielfaches zurück. "Vielleicht gibt es jetzt die Möglichkeit, die Lieferungen deutlich aufzustocken."

Mit Informationen von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 24. März 2021 um 17:00 Uhr.