Jean Tirole | Reuters

Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften Anleitung zum Zähmen der Riesen

Stand: 13.10.2014 16:50 Uhr

Wie lassen sich Monopole verhindern? Der französische Ökonom Tirole befasst sich seit Jahren mit dem Thema - nun wurde er dafür mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Seine Analysen haben auch Auswirkungen aufs Surfen im Internet.

Von Tim Krohn, ARD-Hörfunkstudio Stockholm

"Der Preis in diesem Jahr dreht sich um das Zähmen mächtiger Firmen. Es geht um die Analyse der Marktmacht und um ihre Regulierung", verkündet Staffan Normark von der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften.

Tim Krohn ARD-Studio Stockholm

Der Nobelpreis der Wirtschaftswissenschaften geht an den Franzosen Jean Tirole. Denn er hat sich um das Zähmen dieser Riesen gekümmert wie kaum einer sonst. Tore Ellingsen vom Stockholmer Nobel-Komitee versucht zu erklären, um was es hier geht. "Große Unternehmen sind wichtig. Sie sind oft ein Zeichen der Wirtschaftskraft. Aber nicht alle großen Firmen sind auch produktiv. Oft entsteht die Größe ja nur dadurch, dass es in dem Wirtschaftszweig nur Platz für einen gibt. Wer will schon viele verschiedene Gleise zwischen zwei Städten haben?"

Wettbewerb, wenn die Mächtigen dominieren

Ein Gleis in jede Richtung würde uns Konsumenten schon reichen, genauso wie eine Stromtrasse, ein großer Versorger. Ellingsen spielt auf die mächtigen Monopole und auf die Branchen an, in denen zwei oder drei Firmen alles beherrschen: "Wenn es keinen richtigen Wettbewerb gibt - mit welchen Anreizen ist es dann zu schaffen, trotzdem noch produktiv zu sein? Viele große Firmen missbrauchen ihre Dominanz, nur um mögliche Konkurrenten mit besseren Ideen von diesem Markt fernzuhalten."

Tirole habe über diese Fragen nachgedacht, intensiver als alle anderen Wissenschaftler vor ihm. "Und er hat uns eine ganze Reihe von Werkzeugen an die Hand gegeben", ergänzt Ellingsen.

Infografik Wirtschaftsnobelpreisträger

"Einer der einflussreichsten Ökonomen"

Das Nobel-Komitee würdigte Tirole als "einen der einflussreichsten Ökonomen unserer Tage". Seit den 1980er-Jahren habe der Franzose an diesen Themen gearbeitet und die Untersuchung von Fehlentwicklungen auf den Märkten vorangetrieben.

Tiroles Modelle sind auch für die Gesetzgeber interessant. Wie kann man Monopolbildungen verhindern oder Kartelle zerschlagen? Wie schafft man es, einen Riesen zum Laufen zu bringen?

Tirole lieferte in zahlreichen Büchern und Publikationen den theoretischen Rahmen für die Beantwortung solcher Fragen. Gleichwohl: Eine einfache Formel dafür gibt es nicht. Eine gelungene Wettbewerbspolitik - so formulierte es der Franzose - müsse sich immer wieder neu an den jeweiligen Wirtschaftszweig anpassen.

"Tiroles Theorien werden konkret angewendet"

Wenn das aber gelingt, könne der Gesetzgeber schon einiges tun, erläutert der Wirtschaftswissenschaftler John Hassler: "Tiroles Theorien werden ganz konkret angewendet. Die Basis zur Regulierung der Banken oder der Telekommunikation stammt von ihm. Dass wir in Europa jetzt nicht mehr so hohe Roaming-Gebühren bezahlen müssen, wenn wir im Ausland im Internet surfen - die theoretische Basis dafür stammt von Tirole."

Der 61-jährige Tirole lehrt an der Universität in Toulouse. Seit drei Jahren hat er auch die Ehrendoktorwürde der Universität in Mannheim. Tiroles Arbeit dreht sich fast immer um großindustriellen Organisationen, um Banken und Monopolisten.

Die Auszeichnung der schwedischen Reichsbank wird "in Erinnerung an Alfred Nobel" verliehen. Den Preis für die Wirtschaftswissenschaftler gibt es erst seit 1968. Seitdem wurden fast immer US-amerikanische Wissenschaftler ausgezeichnet. Tirole ist der dritte Franzose, der diesen Preis erhält.