Fragen und Antworten

Der Schriftzug von Wirecard ist an der Firmenzentrale des Zahlungsdienstleisters in Aschheim, Bayern zu sehen | Bildquelle: dpa

Folgen des Finanzskandals Was heißt die Wirecard-Insolvenz für Kunden?

Stand: 29.06.2020 16:28 Uhr

Nach der Insolvenz von Wirecard ist die Verunsicherung bei den Kunden groß. Inwiefern ihr Geld geschützt ist, was Aktionäre wissen müssen und was den Aufsichtsbehörden droht - ein Überblick.

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Von Dominik Lauck, tagesschau.de

Was passiert mit der Wirecard Bank?

Die Wirecard Bank, bei der viele Privatpersonen Kunden sind, ist ein Tochterunternehmen der Wirecard AG, die Insolvenz angemeldet hat. Die Bank soll davor geschützt werden, in die Pleite der Muttergesellschaft hineingezogen zu werden. "Die Wirecard Bank AG ist nicht Teil des Insolvenzverfahrens der Wirecard AG", teilte der Zahlungsverkehrs-Dienstleister mit. Die Finanzaufsicht BaFin hat einen Sonderbeauftragten für die Bank eingesetzt, der über die Zahlungsströme wacht. Der Wirecard-Vorstand hat damit dort nichts mehr zu sagen.

Allerdings ist die Bank eng mit dem insolventen Mutterkonzern verflochten - etwa beim Vertrieb. Deshalb dürfte es schwierig sein, die Bank aus der Insolvenz herauszuhalten.

Die Wirecard Bank verfügt über eine Vollbanklizenz und darf sämtliche Finanzdienstleistungen anbieten. Laut Geschäftsbericht 2018 lagen Ende 2018 Spareinlagen in Höhe von 1,4 Milliarden Euro bei der Wirecard Bank.

Homepage wirecard bank | Bildquelle: imago images/Rupert Oberhäuser
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Die Wirecard Bank ist derzeit nicht Teil des Insolvenzverfahrens, allerdings ist sie eng mit dem Mutterkonzern verflochten.

Was ist mit Kunden von "boon" und "boon.PLANET"?

Die App "boon.PLANET" ist ein Angebot der Wirecard Bank und funktioniert wie eine mobile Direktbank. Kunden haben eine physische und eine virtuelle Kreditkarte (Debit Mastercard) und ein Girokonto. Wirecard wirbt seit Anfang des Jahres mit einem Zins von 0,75 Prozent für Giro-Guthaben bei ihrer Banking-App, während andere Institute selbst bei Festgeld kaum noch Zinsen zahlen.

Die Einlagen sind durch den gesetzlichen Entschädigungsfonds geschützt, der pro Sparer bis zu 100.000 Euro abdeckt. Zusätzlich ist die Wirecard Bank, die die App anbietet, Mitglied im Einlagensicherungsfonds der privaten Banken. Inklusive der gesetzlichen Absicherung sind damit 19,7 Millionen Euro pro Einleger geschützt.

Bei der boon-Karte, die von der Wirecard Card Solutions Limited (WDCS) herausgegeben wird, sind mittlerweile sämtliche Transaktionen nicht mehr möglich - das betrifft auch die Nutzung von Apple Pay über boon. "Es ist zu dieser Situation gekommen, weil WDCS ihr E-Geld, Kartenausgabe- und Acquiring-Geschäft vorübergehend aussetzen musste", teilte boon mit. "Die Aussetzung erfolgt auf Anordnung der britischen Finanzaufsichtsbehörde Financial Conduct Authority (FCA)."

Das kontaktlose Zahlungssystem "boon" | Bildquelle: REUTERS
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"Boon" ist ein Angebot der Wirecard-Bank. Das Geld ist durch den gesetzlichen Entschädigungsfonds gedeckt.

Was ist mit den Kreditkarten Curve oder Holvi?

Die Multi-Mastercard Curve, die auch von der Wirecard Card Solutions Limited herausgegeben wird, kann derzeit nicht genutzt werden. Auch das betrifft alle damit verbundenen Transaktionen - etwa falls die Karte mit Apple Pay verknüpft ist. Curve begründet das damit, dass die britische FCA der WDCS die Genehmigung zum Betrieb entzogen habe. Curve erklärte weiter, die Karten seien demnächst wieder einsatzbereit, das könne jedoch ein paar Tage dauern. Das Geld der Kunden und die Kartendaten seien sicher und geschützt. Curve beendete mittlerweile die Zusammenarbeit mit Wirecard und nutzt für die Abwicklung der Bankaktivitäten künftig die Dienste des Konkurrenten Checkout.

Ähnlich die Lage für Kunden der Holvi Business Mastercard, die ebenfalls von WDSC herausgegeben wird. Alle Kreditkarten seien "temporär gesperrt", teilte Holvi mit. Zahlungen und Geldabhebungen seien nicht möglich. Alle anderen Funktionen des Holvi Geschäftskontos seien jedoch weiterhin voll funktionsfähig. "Ihr könnt weiterhin Rechnungen versenden sowie Überweisungen tätigen und erhalten. Transaktionen auf Holvi Konten sind davon nicht betroffen - das heißt, eingehende und ausgehende SEPA-Überweisungen werden ganz normal ausgeführt."

Was bedeutet die Insolvenz für Anleger?

Sie haben viel Geld verloren. Die Aktie fiel von zwischenzeitlich fast 200 Euro auf unter zwei Euro - ein Verlust von rund 99 Prozent. Anleger können Wirecard oder die Wirtschaftsprüfer EY verklagen und versuchen, so zumindest einen Teil ihres Verlustes wieder reinzuholen. Grundlage wären etwa unerlaubte Handlungen oder Verletzungen der Ad-hoc-Pflichten. Mehrere Anwaltskanzleien bereiten auch schon entsprechende Sammelklagen vor.

Allerdings müssen sich Aktionäre ganz hinten anstellen. Banken, die Wirecard Kredite gaben, und andere Gläubiger können ihre Forderungen im Insolvenzverfahren anmelden. Aktionäre bleiben auf ihren Kursverlusten sitzen. Immerhin: Aktionäre müssen im Falle einer Insolvenz kein Kapital nachschießen.

Was ist das Geschäftsmodell von Wirecard?

Wirecard ist ein Bezahldienstleister, der bargeldlose Zahlungen an Ladenkassen und im Internet abwickelt. Das Unternehmen sitzt an der Schnittstelle zwischen den angeschlossenen Händlern auf der einen und Banken und Kreditkartenfirmen auf der anderen Seite. Einen Teil dieser Geschäfte im Mittleren Osten und in Südostasien hatte Wirecard Drittfirmen übertragen, die Zahlungen im Auftrag des deutschen Unternehmens abwickelten - angeblich. Denn nun hat sich herausgestellt, dass ein großer Teil dieses Drittfirmengeschäfts mutmaßlich frei erfunden war. Nach derzeitigem Stand geht es um Luftbuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro.

Wie kam es zur Insolvenz von Wirecard?

Die britische Zeitung "Financial Times" (FT) hat die mutmaßlichen Manipulationen von Wirecard in Asien aufgedeckt. Im Oktober 2019 berichtete sie über den Verdacht, dass das dortige Drittpartnergeschäft erfunden sein könnte. Denn nahezu der gesamte vermeintliche Wirecard-Gewinn stammte aus dem Geschäft mit drei Partnern: Einer Firma namens Al Alam aus Dubai, Pay Easy Solutions aus Manila und Senjo in Singapur. Diese Firmen erwecken den Eindruck, Scheinfirmen zu sein.

In der Folge deckte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG Ungereimtheiten auf und stellte im April fest, dass die Existenz gut einer Milliarde Euro nicht nachgewiesen sei. Letztendlich kam die Prüfungsgesellschaft EY bei der Bilanzprüfung 2019 zur Einschätzung, dass es sich um kriminelle Manipulationen handelt, und gab den Hinweis an die Behörden.

Welche Verantwortung hat die Finanzaufsicht BaFin?

Wie auch die Wirtschaftsprüfer schaute die BaFin offenbar bei Wirecard nicht genau hin, obwohl es seit Jahren Hinweise auf Tricksereien, undurchsichtige Geldströme und mögliche Bilanzfälschungen gab. Im Gegenteil: Nach den FT-Recherchen im vergangenen Jahr ging die Finanzaufsicht gegen die Journalisten vor. Die BaFin stellte damals Strafanzeige gegen zwei FT-Reporter und mehrere Börsenhändler. Begründung: Mit den Enthüllungsgeschichten hätten sie einen Kursrutsch bei Wirecard auslösen wollen, um sich dann mithilfe von Brokern durch Wetten auf fallende Kurse bereichern zu können.

Außerdem verfügte die BaFin in enger Abstimmung mit der europäischen Wertpapieraufsicht ESMA ein europaweites Leerverkaufsverbot. So etwas hatte es zuvor nur in der Finanzkrise nach der Pleite der US-Bank Lehman Brothers 2008 gegeben. Das BaFin-Vorgehen sah aus, "als werde eine Schutzmauer um Wirecard gebaut", schrieb die "Süddeutsche Zeitung". Wirecard konnte sich so leicht als Opfer einer Verschwörung inszenieren.

BaFin-Chef Felix Hufeld sprach mittlerweile von einem "kompletten Desaster" und gab sich selbstkritisch: "Wir sind nicht effektiv genug gewesen, um zu verhindern, dass so etwas passiert." Die BaFin verweist dabei auf ihre Zuständigkeiten und Kompetenzen. Sie beaufsichtigt nur die Wirecard Bank, nicht jedoch den Gesamtkonzern. Daher habe sie "keine formalen Prüfungsrechte, was das zweifelhafte Asiengeschäft des Konzerns angeht", wie sie gegenüber tagesschau.de erklärte.

Felix Hufeld | Bildquelle: dpa
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BaFin-Chef Hufeld steht heftig in der Kritik. Er soll im Finanzausschuss des Bundestages Rede und Antwort stehen.

Welche Konsequenzen könnte es für die BaFin geben?

Bundesfinanzminister Olaf Scholz will die BaFin-Strukturen durchleuchten. Die aktuelle Arbeitsweise müsse überdacht werden. "Die BaFin muss künftig in der Lage sein, Sonderprüfungen möglichst kurzfristig, schnell und effizient durchführen zu können", sagte Scholz.

Der Finanzausschuss des Bundestages will sich am kommenden Mittwoch mit der Rolle der BaFin befassen. Dabei soll auch BaFin-Chef Hufeld Rede und Antwort stehen. Die Linkspartei forderte bereits personelle Konsequenzen.

Außerdem beauftragte die EU-Kommission die europäische Finanzaufsicht ESMA damit, zu klären, ob die BaFin bei der Kontrolle über Wirecard versagt hat. Bis 15. Juli soll ein vorläufiger Untersuchungsbericht vorliegen. Wenn ein Verstoß festgestellt wird, könnte die BaFin von Brüssel angewiesen werden, ihre Praktiken zu ändern - eine höchst peinliche Situation für eine nationale Aufsichtsbehörde.

Was ist mit den Wirtschaftsprüfern?

Immer mehr Investoren kündigen Klagen gegen den Wirtschaftsprüfer Ernst & Young (EY) an, der seit Jahren die Wirecard-Bilanzen prüft. Laut "Spiegel" will auch der japanische Technologieinvestor Softbank, der zu den Investoren von Wirecard gehört, juristisch gegen EY vorgehen.

Der Reputationsschaden ist immens. Es gebe Zweifel, dass EY als Abschlussprüfer überhaupt geeignet sei, die Bilanzen zu prüfen, erklärte die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Sie werde auf künftigen Hauptversammlungen für die von ihr vertretenen Investoren gegen eine Bestellung von EY zum Abschlussprüfer stimmen. In Deutschland war EY zuletzt auf dem Vormarsch und gewann lukrative neue Mandate für die Bilanzprüfung, etwa die Deutsche Bank.

EY hatte mehr als ein Jahrzehnt lang die Zahlen von Wirecard geprüft. Erst bei der Durchsicht der 2019er-Bilanz bemerkten sie, dass Bestätigungen zu Konten auf den Philippinen gefälscht waren.

Wie geht es mit Wirecard weiter?

Wirecard steht mittlerweile offiziell unter Kontrolle des Rechtsanwalts Michael Jaffé als vorläufigem Insolvenzverwalter. Er hat damit die Entscheidungshoheit über Finanzen und Unternehmenskasse. Jaffé muss nun prüfen, ob das Unternehmen überlebensfähig ist, oder ob Wirecard mangels Substanz den Betrieb einstellen muss. Aufgrund der sehr schwierigen Lage kann das dauern. Schätzt der Insolvenzverwalter das Unternehmen als überlebensfähig ein, ist eine Option die Suche nach Investoren, die das nötige Geld für den Weiterbetrieb zur Verfügung stellen. Die Wirecard-Mitarbeiter in Deutschland bekommen Insolvenzgeld.

Darf Wirecard im DAX bleiben?

Dem DAX gehören die 30 größten Aktiengesellschaften Deutschlands an. Die Deutsche Börse, die für die Zusammenstellung des DAX verantwortlich ist, überprüft alle paar Monate die Zusammensetzung des Index. Die nächste Überprüfung steht im September an. Die Börse sieht aktuell keinen Anlass, den Arbeitskreis Aktienindizes außerplanmäßig tagen zu lassen.

Wirecard erfüllt weiterhin alle Bedingungen, dem DAX anzugehören. Denn eine Vorverurteilung von Unternehmen soll nicht stattfinden - schließlich könnte Wirecard auch nach der Insolvenz noch existieren. Ein schneller Ausschluss aus dem DAX ist nur möglich, wenn "die Insolvenz mangels Masse abgewiesen wird" oder wenn sich ein Unternehmen "in Abwicklung".

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. Juni 2020 um 5:17 Uhr und 7:43 Uhr.

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