Ex-VW-Chef Martin Winterkorn | REUTERS
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VW-Dieselskandal Winterkorn-Prozess wackelt

Stand: 10.08.2021 18:00 Uhr

Ex-VW-Chef Winterkorn soll erneut an der Hüfte operiert werden. Damit könnte sich die juristische Aufarbeitung des wohl größten Industrieskandals der Bundesrepublik weiter verzögern.

Von Jennifer Lange und Stephan Wels, NDR

Der Prozess wegen des VW-Dieselskandals könnte zum dritten Mal verschoben werden. Mitte September soll das Betrugsverfahren gegen den ehemaligen VW-Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn und vier weitere VW-Manager in Braunschweig beginnen. Das ist fast auf den Tag genau sechs Jahre nach der Enthüllung der Abgasmanipulationen bei Volkswagen. Nach Informationen von NDR und "Süddeutscher Zeitung" (SZ) soll Winterkorn in der ersten Septemberwoche erneut operiert werden. Damit könnte der Prozesstermin nicht haltbar sein.

Jennifer Lange
Stephan Wels

Beobachter rechnen mit Aufschub

Winterkorns Hüften sind schwer geschädigt. Die eine Hüfte hat der ehemalige VW-Chef bereits in Ordnung bringen lassen, wozu aber gleich zwei Operationen notwendig waren. Dadurch verschob sich der OP-Termin für die zweite Hüfte. Von den ersten Eingriffen hat sich Winterkorn offenbar inzwischen erholt. Winterkorns Anwalt hat das Landgericht Braunschweig wissen lassen, dass die Ärzte eine rasche Operation für dringend notwendig halten, weil sonst irreparable Schäden drohten.

Mehrere Prozessbeteiligte gehen davon aus, dass Winterkorn mehrere Wochen brauchen werde, um sich von dem erneuten Eingriff zu erholen. Und dass dem Gericht nichts anderes übrigbleibe, als das Verfahren auf den Spätherbst zu verschieben - vermutlich auf den November. Das Landgericht Braunschweig erklärte auf Anfrage von NDR und SZ , es gebe "keine Neuigkeiten". Der Plan sei, das Verfahren im September zu beginnen. Sobald es Änderungen gebe, werde man diese mitteilen. Winterkorns Anwalt wollte sich auf Anfrage nicht äußern.

Medizinisches Gutachten angefordert

Der seit langem geplante Betrugsprozess gegen einen der einst wichtigsten Konzernchefs in einem der größten Industrieskandale in Deutschland steht unter keinem guten Stern. Ursprünglich hatte Winterkorn zusammen mit vier weiteren VW-Angeklagten bereits am 25. Februar wegen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs vor Gericht kommen sollen. Dann verschob das Landgericht Braunschweig den Prozessauftakt wegen der Pandemie auf den 20. April. Im Frühjahr wiederum vertagte sich das Gericht erneut, ebenfalls wegen Corona, und setzte den 16. September als neuen Verfahrensbeginn fest.

Das Gericht wiederum will offenbar sicher gehen, dass Winterkorns Gesundheit tatsächlich so schwer angeschlagen ist. Das Landgericht soll bei der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) ein medizinisches Gutachten angefordert haben. Dieses soll nach Möglichkeit bis Anfang kommender Woche vorliegen. Das Landgericht Braunschweig wollte sich dazu nicht äußern. In Kreisen von Verfahrensbeteiligten wird davon ausgegangen, dass die LMU sich dem Votum von Winterkorns Ärzten anschließen wird. Bisher hatten sich deren Einschätzungen als zutreffend erwiesen.

Sollte das jetzt wieder so kommen, spricht vieles für eine Prozessverschiebung. Das Verfahren gegen die anderen vier Angeklagten zu beginnen und das Strafverfahren gegen Winterkorn abzutrennen, würde wohl dazu führen, dass der Ex-Konzernchef erst in zwei bis drei Jahren vor Gericht kommen könnte. So lange dürfte der erste VW-Prozess um die Abgasaffäre dauern. Da Winterkorn bereits 74 Jahre alt und nicht bei bester Gesundheit ist, bestünde bei einem langen Aufschub die Gefahr, dass er am Ende gar nicht mehr vor Gericht käme.

Prozess gegen Ex-Audi-Chef läuft schon länger

Anders gelaufen ist es bei Winterkorns früherem Zögling, dem ehemaligen Audi-Chef und VW-Vorstand Rupert Stadler. Audi ist eine VW-Tochter und gilt als Keimzelle des Abgasbetrugs. Gegen Stadler läuft bereits seit fast einem Jahr ein Betrugsprozess am Landgericht München II. Stadler weist ebenso wie Winterkorn alle Vorwürfe zurück.

In Winterkorns Amtszeit hat VW Millionen Kunden Dieselfahrzeuge verkauft, die deutlich mehr Abgase ausstießen als angegeben. Beworben wurden sie als saubere und umweltfreundliche Autos. Winterkorn selbst werden davon aber nur 65.000 Fahrzeuge angelastet. Er habe von den Manipulationen erst spät erfahren, diese dann aber nicht abgestellt. Der VW-Konzern und Winterkorn haben sich inzwischen zivilrechtlich auf Schadenersatz geeinigt. Winterkorn soll 11,2 Millionen Euro an VW zahlen.

Über dieses Thema berichtete NDR Niedersachsen Aktuell am 10. August 2021 um 18:00 Uhr.